Konstantin rückte den schmalen Balken in die richtige Position und lehnte sich erschöpft zurück. Kira grinste ihn von der anderen Seite her an. Es war jetzt schon der vierte Steg, den sie befestigten. Sie war jetzt auf dem Ast, auf dem sie das erste Baumhäuschen bauen wollten.
Das Holz hatten sie von dem Sägewerk, dessen Chef sichtlich froh gewesen war die verzogenen und verschnittenen Hölzer los zu werden. Kira ging strahlend und geschmeidig wie eine Katze über den soeben befestigten Balken, welcher aber immer noch wackelte und gerade so breit wie einer ihrer Füße war. Er sah ihr dabei kopfschüttelnd zu, lächelte und machte sich ebenfalls auf den Weg zu einem der unteren Äste, um von dort die nächsten Bretter zu hohlen. Dort hatten sie ein Plato errichtet, auf dem sie die Baumaterialien gelagert hatten. Die Bretter wollten sie auf die soeben befestigten Balken legen, als eine Art Steg.
Und so begannen sie ihren Traum, ein stabiles System von Stegen, Leitern, Platos und Häuschen zwischen und auf den Äste der alten Eiche zu bauen. Irgendwann würden sie an der Spitze angelangt sein, das wussten sie.
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Sie ließ die Ladentür hinter sich ins Schloss fallen, schloss sie ab und ging auf die in regelmäßigen Abständen beleuchtete Straße.Der Himmel war glasklar und die Sterne strahlten sie fast schon grell an. "Was für ein Tag.", murmelte sie zu sich selbst und tröstete sich mit dem Gedanken, dass dieser bald vorbei sein würde. Sie ging die leicht abfällige Straße hinunter zu ihrer kleinen Wohnung. sie hatte schon ungefähr die Hälfte des Weges hinter sich, als sie das plötzliche Bellen eines Hundes überraschte, was praktisch sofort wieder verstummte, genauso plötzlich wie es gekommen war, fast so, als wäre der Hund zum Schweigen gebracht worden. Es war von einem der Hintergärten gekommen.
Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter, als sie darüber nachdachte. Dann fiel ihr auf, dass sie vor Schreck stehen geblieben war. Sie sah sich um. Sie stand hinter der Stange einer der Laternen, die immer mitten auf dem Gehweg standen und hauptsächlich darauf ausgerichtet waren, die Straße zu beleuchten, wie ihr schien. Wenn sie jetzt wieder ein Stück zurück gehen würde, stünde sie vor der Straße in der Chilèst wohnte, zu ihrer Eigenen war es noch ein gutes Stück. Irgendetwas sagte ihr, dass sie bei Chilèst sicherer als sonst wo wäre. Sie sah auf die Uhr, 22:26:12. Sie wollte sich gerade umdrehen und in Richtung Chilèst gehen, doch was jetzt geschah, würde sie sich nicht erklären können. Noch bevor sie sich bewegen konnte, konnte sie plötzlich spüren, nein, sehen, dass in schwarz gekleidete Männer, erst vor ihr, auf dem Bürgersteig, dann 0,674 Sekunden später hinter ihr, und dann 0,428 Sekunden danach einer auf der anderen Straßenseite, aus dem Gebüsch sprangen. Alle fast genau 20m von ihr entfernt und mit erhobenen Smith&Wesson EK-17, mit elektromagnetisch auf 243,6km/h beschleunigten Projektielen, wahlweise mit kleinen Standart-Patronen oder mit Nadelgeschossen mit verschiedenen Giften und Betäubungsmitteln. Noch bevor sie den Abzug betätigen konnten wurde ihr klar, dass die Wahrscheinlich ihnen zu entkommen bei 0,435% lag. Unwahrscheinlich aber möglich. Dann spürte sie, wie sich die Nadelgeschosse in ihr Fleisch bohrten und sie ihr Bewusstsein verlor. Das Letzte was sie sah, war die Laterne unter der sie gerade durchgegangen war und ihr Licht auf sie warf.
Sie schlug die Augen auf. Sie stand noch immer auf der Straße, genau da,wo sie eben gestanden hatte. Sie fühlte sich benommen und ein kurzer Blick auf ihr Uhr verriet ihr, dass wohl gerade 2 Sekunden vergangen waren. Sie drehte ihren Kopf zu der Stange der Laterne und sah die Schlitze rund um die Abdeckung des kleinen Sicherungskastens, eben jener Laterne. Sie holte aus und schlug gerade fest genug mit dem Handballen seitlich gegen die Abdeckung. Die ganze Laterne vibrierte und ging aus. Sie war erstaunt über sich selbst, sie konnte sich wieder nicht erklären, woher sie gewusst hatte, wie sie schlagen musste. Weiter ihrem Instinkt folgend bewegte sie sich 22cm nach vorne und legte sich neben der niedrigen Steinmauer flach auf den Boden. Sie konnte wieder die Männer in schwarz spüren, die aus den Gebüschen sprangen, diesmal aber nicht auf sie zielten sondern nach ihr suchten.
Dann konnte sie spüren wie ein weiterer Mann, gehüllt in einen langen dunkelbraunen Mantel, c.a. 1,80m groß, Kohlrabenschwarze Haare, tief graue Augen, fast schon zierlichem Körperbau und einem Bündel langer, dünner Gerätschaften oder einfach nur Stangen, eingewickelt in ein Tuch, auf dem Rücken, auftauchte und die Aufmerksamkeit der bewaffneten Männer auf sich zog.
"Hände hoch und auf die Knie.", brüllte einer von ihnen. Er hörte sich wie ein Polizist an.
"Hm?", machte der Mann und stellte sich dumm. Es schien ihn nicht im geringsten zu beunruhigen, dass 3 Pistolen auf ihn gerichtet waren. Plötzlich stürmten noch weitere 4 von diesen Ninja ähnlichen Typen, aber diesmal nicht mit Pistolen sondern mit Uzis und schweren Messern auf dem Rücken aus einer kleinen Seitenstraße. Die schwer bewaffneten Typen sahen sehr stark nach eine Einsatztruppe aus und waren stämmig gebaut. Sie gingen auf den Fremden zu, umzingelten ihn und bellten immer wieder: "Hände hoch, du Arsch!", oder ähnliches. Aber er reagierte nicht einmal. Doch dann bewegte er seine Arme nach oben wie in Zeitlupe die Männer entspannten sich sichtlich und die drei mit den Smith&Wesson drehten sich wieder um und suchten weiter nach ihr. Was jetzt geschah, ging fast zu schnell, als dass das Menschliche Auge es hätte erfassen können. Der Fremde griff blitzschnell mit beiden Händen in das Bündel auf seinem Rücken und zog eben so schnell zwei seltsame Schwerter heraus. Sie waren beide Pechschwarz, die flache Seite war doppelt so bereit, wie bei einem normalen Schwert und mit großen Erleichterungsfräsungen versehen, die die Carbonstahlschwerter zu echten Federgewichten machten. Trotz dessen, dass die Schwerter offensichtlich sehr leicht waren, war die Geschwindigkeit, mit denen er sie schwang unmenschlich. Noch bevor die Männer in schwarz reagieren konnten, stand der Fremde schon bei dem Ersten, warf dessen Uzi dem Nächsten an den Kopf, nockte ihn damit aus und hatte dem Ersten schon mit der Schwertrückseite einen übergebraten. Die anderen Beiden fingen an zu schießen doch traf nicht eine Kugel in ihr Ziel, obwohl der Fremde noch kurz stehen blieb, bevor er wieder mit unmenschlicher Geschwindigkeit dem Nächsten die Waffe aus der Hand kickte und ihm den Knauf eines Schwertes in den Solarplexus stieß. Der letzte hatte der Letzte aufgehört zu schießen, hielt aber weiter den Lauf auf ihn gerichtet. Alles war still, keiner rührte sich. Die anderen drei hatten sich wieder zu dem Fremden umgedreht. Plötzlich änderte sich wieder ihre Wahrnehmung, ein schwindelerregendes Gefühl machte sich in ihr breit und sie wusste, dass der Fremde sich vorhin mit maximal 80km/h bewegt hatte, plus Reaktionszeit, würde er den Smith&Wesson nicht entkommen. Sie wollte nicht, dass jemand wegen ihr sterben musste. Sie richtete sich langsam auf, bereit, die Typen irgendwie abzulenken. Sie war kaum einen Schritt gegangen, da flackerte die Laterne auf unter der sie nun stand. Plötzlich zielten alle Smith&Wesson auf sie. Upps. Zwei der Drei wollten sich schon wieder zu dem Fremden umdrehen, doch dieser war verschwunden. Die Beiden und der letzte mit der Uzi machten sich daran den Fremden zu suchen, während der Letzte langsam mit erhobener Waffe auf sie zu ging und "Hände hoch!", sagte, gerade so, dass sie es hören konnte, als ob er nicht wollen würde, dass der fremde ihn hört. Sie gehorchte sah kurz zu den anderen Dreien und drehte dann ihren Kopf zu dem Letzten, doch da war keiner mehr, er hing jetzt über einer kleinen Mauer, direckt daneben stand der Fremde und begutachtete seelenruhig die Smith&Wesson jenes Mannes. Seine Schwerter hatte er an die Mauer gelehnt. Er nahm die Waffe in die rechte Hand und zog mit der Linken eine der Uzis der anderen aus seiner Manteltasche. Das sah aus, wie in einem Actionfilm, als er begann zu schießen. Zuerst ein gezielter Schuss mit der EK-17. Sie wusste jetzt warum die Waffe so beliebt war, außer einem kaum hörbaren elektromagnetischen Surren und das zischen der Nadel, wie sie durch die Luft schnitt, war die Waffe absolut lautlos, auch als die Nadel sich in den Oberschenkel des Opfers bohrte, austrat und in dem Anderen stecken blieb, war kaum etwas zu hören. Jener Mann sackte wie ein nasser Sack in sich zusammen und rührte sich nicht mehr.
Drei mal zischte es noch, rechte Schulter, Bauch, Rücken. Für jeden einen Schuss. Dann rührte sich keiner mehr.
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Konstantin traute seinen Augen und Ohren nicht, als die Nachrichtenmoderatorin vor einem Bild, von etwas, was aussah, wie einige Gebäude einer Innenstadt, bei denen kurz zuvor ein riesiges Inferno gewütet hatte, stand, sagte: "Die Polizei meinte, dass es sich bei dieser Reihe von fatalen Explosionen in der Wiesbadener Innenstadt um einen Terror-Anschlag handelte. Es sind voraussichtlich über 500 Menschen verletzt, wenn nicht sogar gestorben, bisher konnte die Feuerwehr über 100 Verletzte und über 40 Tote bergen. Wenn die Zahlen weiter steigen, handelt es sich hier vermutlich um den größten Anschlag, der bisher auf die deutsche Regierung unternommen wurde." Seit wann hatten es die Terroristen auf Deutschland abgesehen? Und warum?
Die Moderatorin fuhr fort: "Anschläge dieser Art fanden in sämtlichen Mitteleuropäischen Ländern statt. Ziel waren immer wichtige Regierungsbeamte. Die Ploizei verstärkt bereits die Sicherheitskontrollen in sämtlichen Gebäuden der Regierung und an Flughäfen. Sogar die Bundeswehr wird in Bewegung versetzt um die Lage am Anschlagsort..." Die Nachrichtensprecherin unterbrach sich selbst und legte einen Finger an ihren Ohrstöpsel. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich und sie begann wieder zu sprechen: "Entschuldigen sie die kurze Unterbrechung, aber ich habe soeben die Meldung erhalten, dass im Hamburger Hafen ein Frachter steht, oder eher stand, bei dem vermutlich mehr als 30 der geladenen 3000 Container randvoll mit Sprengstoff geladen waren und den Frachter In ein einen riesigen Haufen brennenden Metalls verwandelten. Der Tank des Frachters lief aus und der Treibstoff legte sich wie eine Haut über das Wasser des Hafenbeckens, entzündete sich kurz darauf und beschädigte die umliegenden Schiffe schwer. Der am nächsten stehende Frachter fing ebenfalls Feuer, konnte aber gerettet werden. Die Ladung konnte größtenteils gerettet..."
"Das ist ja schrecklich!", sagte seine Mutter entsetzt, "Warum fangen die denn jetzt an halb Deutschland in die Luft zu sprengen? Was haben WIR denn getan?", sagte seine Mutter fassungslos.
Die Nachrichtensprecherin zählte allerlei Daten über die Anschläge auf, der Schaden belief sich angeblich auf mehrere 10 mio Euro und es seinen voraussichtlich 20 Menschen gestorben.
"Ich glaube die wollen alle Verbündeten der USA zermürben.", sagte sein Vater.
Es war Freitagabend und Konstantins Familie war gerade dabei gewesen sich auf die große Couch im Wohnzimmer zu setzen um einen Film zu gucken, während sein Vater schon einmal die Nachrichten eingeschaltet hatte.Dann sagte die Nachrichtensprecherin: "Wir beginnen jetzt mit Beverly Hills Cop und werden in der nächsten Werbepause genauere Angaben über die zwei Anschläge bekannt geben. Mit freundlichen Grüßen, ihre Anette Braun."
Konstantin hatte jetzt keine Lust mehr auf den Film, der in Folge der Eddie-Murphy-Woche ausgestrahlt wurde.
"Warum ist denn da alles kaputt?", fragte seine kleine Schwester, ein 8-jähriger Quälgeist namens Nina.
"Weil böse Menschen gerne viel kaputt machen.", antwortete seine Mutter und tätschelte ihr den Kopf.
"Das versteh' ich nicht."
"Ich auch nicht, mein Schatz, ich auch nicht.", sie küsste ihr auf den Kopf und versuchte sich auf den Film zu konzentrieren. Konstantin tat es ihr gleich.
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Sie merkte, dass sie die Arme immer noch erhoben hatte und lies diese jetzt aber eilig sinken. Sie sah den Fremden an und fragte sich, ob sie ihn ansprechen sollte und wenn ja, wie. Er war gerade dabei das Magazin der Ek-17 durch ein Volles zu ersetzen. Sie bemerkte das er bereits alle Waffen und die Munition der Männer an sich genommen hatte und das meiste in den riesigen Taschen des zu großen Mantels hatte verschwinden lassen. Er öffnete jetzt mit den freien Fingern der Hand, in der er die Waffe hielt, den Mantel und steckte sie in eine der Innentaschen. Die Magazine in der anderen Hand steckte er ebenfalls in eine Innentasche. Er schloss seine Hände um die Griffe seiner beiden Schwerter mit der Katzengleichen Eleganz, die jede seiner Bewegungen beinhaltete und richtete sich wieder auf. Die Stahlgrauen Augen hinter seinem zotteligen, schwarzen Haaren, welche im bis ins Gesicht reichten, richteten sich auf sie. Obwohl sie sich nicht bewegt hatte, hatte sie jetzt das Gefühl mitten in einer Bewegung plötzlich zu erstarren. Seinen Augen folgend drehte sich sein ganzer Körper zu ihr um und offenbarte ihr die Kleidung, die er unter dem Mantel trug. Sie war ein bisschen enttäuscht, als sie sah, dass er eine einfache weite Jeans-Hose und einen Strickpulli mit Reißverschluss trug. Sie hatte etwas außergewöhnliches erwartet, wie zum Beispiel schwarzes Leder und ein ganzes Arsenal von brutalen Waffen. Aber stand einfach nur da in seinem gewöhnlichen Strickpulli und war doch dabei so außergewöhnlich. Er sah ihr jetzt direkt in die Augen. Ihre Blicke trafen sich und der Gedanke verflüchtigte sich wie Sandburg, die von einer plötzlichen Flutwelle erfasst wurde. Jetzt war der Moment definitiv gekommen etwas zu sagen. Sie öffnete den Mund und wollte gerade anfangen etwas zu sagen, da hob er seinen Zeigefinger an seine Lippen. Sie klappte den Mund wieder zu. Er sagte mit einer angenehm rauen Stimme:"Du hast mich nie gesehen, O.K.?"
Er machte Anstalten wieder zu gehen und hatte sich schon halb abgewandt, da brachte sie stotternd hervor: "W-Warte! Warum .. warum hast du das gemacht? D-Du kennst mich doch gar nicht u-und vielleicht hab ich ja was verbrochen u-und bin gefährlich oder so ..."
Er sah sie wieder an und Lächelte. Sie wurde rot im Gesicht und sah beschämt zu Boden, sie wusste nicht mehr, wann sie sich das letzte mal so sehr zum Affen gemacht hatte.
"Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, warum eine Spezialeinsatztruppe ein hübsches Mädchen auf offener Straße angreift. Also dachte ich, ich könnte ja mal wieder den Held spielen und hab dich gerettet.", antwortete er.
Sie sah ihn entgeistert an. Diese Antwort hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Dann wurde sie wieder rot als ihr klar wurde, was er ihr soeben für ein Kompliment gemacht hatte. Seiner Ansicht nach war sie es für ihn wert gewesen sein Leben zu riskieren, obwohl er sie nicht einmal kannte. "Ehm .. D-Danke.", brachte sie hervor.
"Gern geschehen.", sagte dieser und senkte seinen Kopf in der Andeutung einer Verbeugung.
Er drehte sich um und ging die Straße hinab, in die Richtung aus der Sie gekommen war.
"Hey! Warte! Wie kann ich mich dir erkenntlich zeigen?", rief sie ihm hinterher und überlegte, ob dies vielleicht ein Fehler gewesen war. Er drehte sich um und ging rückwärts weiter, während er ihr zu rief: "Morgenmittag, Marktplatz, Schusswaffenstand."
Damit drehte er sich wieder um und verschwand in der Dunkelheit einer unbeleuchteten Gasse. Sie stand wie angewurzelt da. Da fiel ihr plötzlich auf, dass sie ihn nicht nach seinem Namen gefragt hatte. Verwirrt starrte sie zu Boden und stellte fest, dass dort eine EK-17 mit samt zwei Magazine lag. Immer noch verwirrt starrte sie die Waffe noch einen Moment lang an, dann hob sie sie auf. Das kühle Gefühl des Metalls der kleinen Handfeuerwaffe auf der Haut beruhigte sie ein wenig und sie konnte wieder einen klaren Gedanken fassen. Sie sah auf den Zähler des Magazins in der Waffe. Es war voll, genauso, wie die anderen beiden Magazine. Während sie die Waffe in die Innentasche ihrer Jacke steckte und die Magazine in ihre Handtasche, sah sie sich um. Ihr lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie die ganzen Ninja-Typen bewusstlos herumliegen sah. Dann machte sie sich auf den Weg zu Chilésts Wohnung um das paranoide Gefühl los zu werden, was sich in ihr jetzt breit machte. Wer waren diese Typen? Was wollten sie von ihr? Würden sie ihr wieder auflauern? Beobachteten sie sie, und wenn ja, was wussten sie? Und wer war ihr namenloser Retter?
Sie schüttelte den Kopf und redete sich ein, dass es ein Missverständnis gewesen war und sie nur gerettet worden war, weil er gewusst hatte, dass sie unschuldig war.
Ihre Gedanken stockten, als sie die Waffe in ihrer Jackentasche spürte und ihr etwas wichtiges durch den Kopf schoss: „Die Waffe! Hat er sie nur vergessen oder extra für mich daliegen lassen?“ Wenn dem so war, war es wahrscheinlich eher kein Zufall gewesen. Und die Tatsache, dass sie geladen war und zwei Magazine dabei gelegen hatten, sprach dafür.
Was war hier los?
Noch während sie weiter darüber nachdachte hörte sie eine angenehm raue und tiefe Stimme sagen: „Wenn du zu mir willst solltest du vielleicht Ein paar Schritte zurückgehen.“
Sie schreckte auf, blieb stehen und drehte sich um. Auf einer abgetragenen Alu-Bank saß Chilèst, der sie mit einem belustigten Gesichtsausdruck ansah und Asche von seiner Zigarette auf den Boden schnippste. „Natürlich nur wenn du willst.“, sagte dieser amüsiert und zog an seiner Zigarette, die bereits nur noch einige Zentimeter lang war. „'tschuldigung, ich war in Gedanken.“, sagte sie und bemerkte, dass sie ziemlich erschöpft war.
„Auch eine?“, fragte er und hielt ihr die Packung hin.
„Nein, danke ich rauche nicht.“
Er zuckte mit den Schultern und fragte: „Darf ich die hier noch fertig rauchen?“
„Klar, wenn ich mich zu dir setzen darf.“
Dankbar lies sie sich auf die Bank sinken und sah sich in der Straße um, während Chilèst weiter rauchte. Links neben ihnen war ein im Mondschein glänzendes Schiebe-Tor einer Garage. Direkt neben der Einfahrt stand ein einfach gehaltener, unauffälliger, Silber-grauer Sportgleiter der aber scheinbar ziemlich schnell war, der Form der Karosserie und der Größe der zwei Triebwerke nach zu urteilen. Sie hatte dieses Modell noch nie zuvor gesehen. Es waren auch keinerlei Symbole oder Schriftzüge zu sehen, die auf Typ oder Hersteller hinwiesen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Orangefarbener Lamborghini Muhrmongi, ein reinrassiger Sportgleiter der Firma für die teuersten und schnellsten Gefährte überhaupt. Als sie sich weiter um blickte und sich die Fassaden der Häuser ansah, wurde ihr klar, dass sie sich hier in der Randzone des Wohngebietes der Oberklasse befand. Hier wohnten Neureiche, D-Promies und all die Leute die irgendwo zwischen Mittelschicht und Oberschicht standen. Die Reichen und Schönen also. War Chilést auch reich? „Er ist um die 150Jahre alt, kein Wunder, wenn der Geld hat.“, dachte sie.
Chilést stand auf, drückte den Rücken, begleitet mit einem Knacksen, durch und sah sie an.
„Wollen wir reingehen?“, fragte er sie.
„Ähm … Klar.“
Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Jackentasche, suchte den richtigen heraus und schloss die Tür neben der Bank auf, auf der sie gesessen hatten.Sie betraten eine Art Gaderobe. Chilést lies die Tür zufallen. Die Wände hatten die Farbe von Eierschale und rechts an der Wand stand ein großer Kleiderschrank aus Kirschholz, der wahrscheinlich Jacken enthielt und perfekt auf beiden Seiten mit der Wand ab schloss. Auf der anderen Seite stand ein Hüfthoher Schuhschrank und ein Kleiderständer an dem bereits eine Jacke hing. Chilést zog seine Jacke aus und hängte sie an den Ständer, dann zog er die Schuhe aus und stellte sie vor den Schuhschrank. Er drehte sich um und sah sie an. Sie sah zurück und begriff, dass sie ihn die ganze zeit angestarrt hatte und immer noch ihre Jacke an hatte. Sie wurde rot. Chilést setzte einen hochnäsigen Gesichtsausdruck auf und verbeugte sich tief vor ihr. Als er sich wieder aufrichtete sagte er: „Verzeihen sie vielmals Madam. Darf ich um ihren Mantel bitten?“
„Ich verzeihe ihnen. Hier. Mein Mantel.“, sagte sie in dem gleichen hochnäsigen Tonfall und ließ sich von Chilést aus der Jacke helfen, als währe sie die Königin der Welt.
„Ihre Schuhe, Madam.“, sagte er und hockte sich vor sie auf den Boden. Jetzt wurde sie richtig rot und fiel aus der Rolle.
„Nein, steh wieder auf, Chilést! Das kann ich auch selber.“, sagte sie verlegen und zog sich schnell die Schuhe aus.
„Okay, wollen wir dann rein gehen, Fatina?“
„Gerne“
Als sie die Eingangshalle betraten, war ihr klar, dass Chilést Geld hatte. Sie war c.a.10m breit und 20m lang, war zwei Stockwerke hoch, hatte in der Mitte eine Treppe, die in das obere Stockwerk führte und ringsum waren Türen. Auf der Ebene des oberen Stockwerks war eine Art Balkon angebracht, der einmal rund führte und den Zugang zu den oberen Türen darstellte. Mondlicht schien durch riesige Fenster auf die Treppe.
„Das Haus war das einzige, was genügend Zimmer für meine Zwecke hatte und dabei nicht allzu groß war.“, sagte Chilést und hatte einen Gesichtsausdruck, der sie glauben ließ, dass ihm dieses Haus nicht wirklich gefiel.
„Äh, ja.“,sagte sie aus dem Staunen gerissen.
„Soll ich dir ein bisschen was zeigen?“
„Öhm, ja, das wäre nett.“, sagte sie und fügte etwas schüchtern hinzu: „Ich war noch nie in einem so großen Haus.“
Sie gingen gemeinsam die Treppe hinauf, die aus gebürstetem Aluminium bestand und auf den Laufflächen silbernen Teppich hatte. Ihr fiel auf, dass der ganze obere Stock mit Teppich in der gleichen Farbe ausgelegt war. Im Unteren war alles mit Parkett ausgelegt.
„Hier oben ist mein Wohn- und Arbeitsbereich, Unten sind das Esszimmer, der Salon, die Küche und ein Teil der Garage.“
„Ein Teil der Garage? Geht das noch unterirdisch weiter? Und der Flitzer vor der Tür? Gehört der auch dir? Ist das eigentlich gemietet oder gekauft? Und... und … meine Güte wie viel Geld hast du eigentlich!?“, platzte es aus ihr heraus.
„Aalso: Ja; Ja; Gekauft; Soviel Geld wie man nach so vielen Jahren gut bezahlter Arbeit zusammen schustert. Und übrigens bist du die erste Person, die ich freiwillig hierher eingeladen habe.“
„Ähm...“, sie starrte ihn völlig verdattert an.
„Soll ich dir ein Glas Wasser hohlen? Oder etwas Alkoholisches?“, sagte er mit besorgter Miene, „Es tut mir Leid, dass ich dich damit so überfahre, ich hätte auch ein anderes Haus genommen, aber von meiner Arbeit her, war es einfach am Besten gelegen; wegen der Ausstattung und so.“
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Fatina knallte das Glas, nachdem sie es in großen Zügen geleert hatte, auf den Tisch, der in der viel zu großen Küche stand. Die Küche sah aus als wäre sie nie angerührt worden oder nur sehr selten benutzt.
Sie sah Chilèst an. Er hatte einen mitleidigen Gesichtsausdruck aufgesetzt und wirkte nicht besonderes glücklich über die Entwicklung der Situation.
Sie ging einen Schritt auf ihn zu, lächelte ihn aufmunternd an und sagte: „Ach du. Jetzt … Verzeih mir doch.“
Chilèst sah sie erschrocken an.
„Was? Verzeihen?“
„Bitte...“, sagte sie und trat schmollend noch einen Schritt näher an ihn heran. Sie war jetzt nur noch ein paar Zentimeter von ihm entfernt und nahm mit beiden Händen eine seiner riesigen Händen und sah ihm fest in die Augen.
„Äh... Nein, es, ehm, gibt nichts zu verzeihen. Ich meine, also, so ein großes Haus … Ich ...“
Er brach ab als sie den Kopf senkte und kurz leise kicherte. Dann seufzte sie und betrachtete seine Hand, die um mehr als die Hälfte größer war als ihre und die sie mit beiden Händen hielt. Dabei hatte sie nicht einmal besonders kleine Hände.
„Ehm, Fatina ...“, sagte er vorsichtig und riss sie damit aus ihrer gedankenverlorenen Betrachtung.
Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit hier gestanden hatte, seine Hand festgehalten und mit den Daumen über seinen Handrücken und über die Finger gestreichelt hatte. Sie wurde rot.
„Ich, also ….“, sagte sie hastig und ließ seine Hand los. Es fühlte sich irgendwie seltsam an die Hand wieder los zu lassen.
„Ich wollte dich nur fragen, ob du vielleicht Lust hättest einen Film zu gucken und wie lange du bleiben willst.“, sagte er um die Stimmung zu lockern, war allerdings inzwischen auch etwas rot geworden.
„Ehm, Also, Ja gerne, aber ...“, antwortete sie.
„Aber was?“
„Es ist schon sehr spät ...“, sagte sie und nickte in Richtung der riesigen Digitaluhr die 23:22 anzeigte und an der hinteren Wand der Küche hing. Sie bestand aus eine einzigen 3x1,5m großen Rahmenlosen Glasplatte mit einfachen elektronischen Ziffern und man konnte weder eine Stromzufuhr noch sonst irgendwelche Schaltkreise oder Ähnliches erkennen.
Sie sah ihn bedeutsam an.
„Du kannst auch gerne hier übernachten.“, sagte er wie als Antwort, „Ich kann dir alles herbringen lassen, wenn du irgend etwas brauchst.“
„Mach' dir bitte keine Umstände.“
„Ich mache mir keine Umstände, ich mache den entsprechenden Service-Kräften Umstände.“
„Das ist das Gleiche!“, sagte sie und verdeutlichte es noch einmal mit einem unmissverständlichen Blick, der genau das aussagte.
Chilèst lachte sie liebevoll aus, schüttelte den Kopf und ging aus der Küche heraus in den Vorraum der Küche, wo die eine Wand ein einziger weißer Schrank war und an der anderen ein Bildschirm mit 1,5m Bild-Diagonale hing. Chilèst blieb vor ihm stehen und tippte mit dem Zeigefinger in die Mitte.
Der Bildschirm reagierte sofort und begrüßte ihn mit einer leisen Abfolge von Tönen.
Chilèst tippte auf ein paar Schaltflächen deren Bedeutung sie nicht wusste und hielt dann inne und sah sie erwartungsvoll an.
Sie reagierte mit einem fragenden Blick, worauf er erklärend antwortete: „Was willst du essen und was möchtest du noch an Körperpflegeprodukten haben, oder was auch immer.“
„Ehm ...“, fing sie an und überlegte.
„Wenn du willst kannst du dir hier sogar einen Kammerdiener und einen Sportwagen bestellen.“
„Was? Nein! Moment mal hast du etwa kein Personal?“
„Nein. Aber wenn du willst engagiere ich schnell jemanden.“
Nachdem sie die Bestellungen abgehandelt und einen Film ausgesucht hatten, gingen sie in das obere Stockwerk in ein Zimmer, das an einer Wand einen riesigen Fernseher stehen hatte, der fast so groß wie die ganze Wand war. Gegenüber, mit gebürtigem Abstand stand ein riesiges unheimlich bequem aussehendes Sofa. Boxen verschiedener Größe waren im ganzen Raum verteilt und sorgen für eine Realitätstreue Geräuschkulisse. Fatina konnte sich nicht beherrschen und sprang mit Anlauf auf diese wundervoll bequeme Couch und streckte sich aus. Sie räkelte sich und als sie danach die Augen wieder öffnete, sah sie Chilèst, wie er sie mit den Händen in die Hüfte gestemmt ansah.
„Was denn?“, strahlte sie ihn frech an.
„Das denn!“, sagte er nun auch grinsend, ging ein bisschen in die Knie und sprang auf einmal hoch und in ihre Richtung. Sie kreischte vor Schreck auf und rollte sich zusammen. Dann spürte sie wie er landete und öffnete die Augen und sah direkt in Chilèsts Gesicht, der offenbar auf allen Vieren gelandet war und nun über ihr hing. Sie entspannte sich wieder und rollte sich wieder aus. Er war ihr so nahe, dass sie ihn riechen und seine Anwesenheit deutlich spüren konnte. Da schoss ihr eine Frage durch den Kopf.
„Du, Chilèst.“, sagte sie leise.
„Ja?“, antwortete er ebenso leise.
„Das hier ist nicht dein echter Körper, nicht wahr?“
„Nein, aber er sieht dem Original sehr, sehr ähnlich … und hat auch das gleiche Genmaterial.“
Er rollte sich seitlich weg.
„Oh.“, sagte sie und richtete sich auf.
Sie kroch zu Chilèst zu der Rückenlehne und setzte sich neben ihn. Chilèst zauberte von irgend woher ein Fernbedienung hervor und schaltete den monströsen Bildschirm an.
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Sie starrte gedankenverloren und betrübt auf das hässliche Muster des Sitzes vor ihr. Sie saßen im Bus auf dem Weg zur Schule.
„Komm' schon, jetzt guck nicht so traurig, das war bestimmt der letzte Anschlag.“
Er sah sie besorgt an. Es hatte diesen Morgen in aller Frühe noch einen Anschlag gegeben und zwar hatten die Täter dieses mal ein komplett leeres Einkaufszentrum In sich zusammen fallen lassen. Offensichtlich hatten sie an bestimmten Punkten kleine Sprengsätze montiert, die dort durch die Explosionen das Gebäude hatten instabil werden lassen. Dieses Einkaufszentrum war eines der Größten Deutschlands und lag nicht mal allzu weit entfernt. Verletzte und Tote gab es keine.
„Hey, … das wird schon wieder ...“
Da fiel ihm wieder etwas wichtiges ein, er hatte nachdem er letztens dort gewesen war, versprochen nochmal mit ihr hin zu fahren. Daraus würde jetzt aber nichts mehr werden.
Er wollte noch etwas sagen, dies blieb ihm aber im Hals stecken, als auf einmal Jimmy neben Kira stand. „Hey. Lächle doch ein bisschen. Das lässt dein hübsches Gesicht viel besser zur Geltung kommen, als dieser ernste Blick.“
„Hat der noch nicht genug!? Nunja, er wird schon sehen, was er davon hat.“, dachte Konstantin.
Sie sah ihn an, wie leicht über sie gebeugt neben ihrem Sitzplatz stand. Es berührte sie herzlich wenig, was er sich da zusammen reimte.
„Was willst du?“
„Mich ein wenig unterhalten.“
„Schön, dann such schon mal ne Wand, die dir zuhört.“
Konstantin hätte ihn fast laut ausgelacht, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
Jimmy lächelte und näherte sich ihr noch ein Stück.
„Aber ich wollte mit Dir reden, Süße.“
„Du findest mich süß?“
Sie schien ehrlich interessiert.
„Ja, allerdings.“
Er grinste sie an und glaubte offensichtlich sie gekriegt zu haben.
„Aha. Dann stehst du also da drauf, von einem Mädchen fertig gemacht zu werden.“
Jetzt musste Konstantin Schmunzeln. Und von ein paar Mitschülern, die um sie herum saßen war ein kichern zu hören. Er grinste weiter.
„Nein, tue ich nicht, aber wenn es der Preis ist, den ich für dich zahlen muss, werde ich dies mit Freuden tun.“
Mittlerweile war der halbe Bus Publikum und dort ging jetzt ein raunen um. Konstantin konnte das Mädchen vor ihm flüstern hören: „Würde er doch sowas auch zu mir sagen ...“ Das ärgerte ihn.
„Ich bin doch nicht so billig, wie deine bisherigen Freundinnen. Und sowieso. Bist du mir ohnehin viel zu billig.“
Das war Abblitzen lassen erster Sahne. Die anderen waren still. Jimmy richtete sich wieder auf.
Er griff in seine Rechte Jackentasche.
„Dann … kann ich die hier“, er zog eine silberne Kette, mit einem wunderschönen kunstvoll gefertigten, runden Anhänger, mit einem grünen Stein in der Mitte, aus der Tasche und lies sie vor ihrem Gesicht baumeln, „wohl wieder zurückgeben.“
Sie starre erstaunt die Kette an. Es war allgemein bekannt, dass Jimmy noch nie, auch nur irgend einer, seiner Freundinnen, je Schmuck geschenkt hatte. Im ganzen Bus herrschte schlagartig Toten-Stille.
„Allerdings“, setzte er an, „würde ich sie dir lieber trotzdem geben … nachdem ich mir die Mühe gemacht habe sie aus zu suchen.“
Er sah sie in der Erwartung einer Antwort an. Doch sie war so baff, dass sie keinen Ton heraus bekam.
„Ich lege ihn dir einfach hier hin.“,sagte er, durch die Stille und das Ausbleiben der Antwort offensichtlich sehr verunsichert, und legte die Kette einfach auf ihren Schulranzen, der auf ihrem Schoß lag. „Du kannst ihn ja immer noch wegschmeißen, wenn er dir nicht gefällt ...“ Mit diesen Worten drehte er sich, nun etwas bleich im Gesicht, um und ging wieder durch den Bus nach hinten.
Einige Augenblicke starrte sie noch fassungslos auf die Kette. Dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie nahm sie vorsichtig hoch. Nach dem sie ihn noch kurz in betrachtet hatte, sah sie hoch und sah sich um. Sie bemerkte, dass sie von sämtlichen Mädchen angestarrt wurde. Sie wurde augenblicklich rot, steckte die Kette schnell in eine ihrer Hosentaschen, als der Bus gerade in die Haltestelle fuhr.
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Als sie wieder aufwachte spürte sie etwas warmes und angenehmes unter sich und hörte ein rhythmisches pochen im rechten Ohr. Sie fühlte sich irgendwie seltsam wohl. Das war sie beim Aufstehen gar nicht gewohnt. Sie rätselte noch eine Weile in ihrem, vom Schlaf noch immer betäubten, Verstand herum.
Da wurde es ihr auf einmal klar und sie erinnerte sich wieder daran wie sie Gestern Abend eingeschlafen war. Sie öffnete die Augen und stellte fest, dass sie auf Chilèst lag.
Sie richtete sich sofort und so schnell sie konnte auf. „Oh, mein Gott!“, dachte sie, „Wie peinlich! Was wird er denn jetzt von mir denken?! Der denkt jetzt bestimmt ich bin Eine die sich jedem zweiten Typen an den Hals wirft.“ Es war zum Verzweifeln. Er regte sich und öffnete langsam seine verschlafenen Augen. Jetzt setzte Panik in ihr ein. Was würde er sagen? Sie war ganz starr.
Er richtete sich ebenfalls auf und gähnte herzhaft. In ihr stieg die Spannung.
„Guten Morgen.“, sagte er liebevoll lächelnd, dann wandelte sich sein Blick und er sah sie besorgt an: „Ist mit dir alles in Ordnung? Warum guckst du mich denn so böse an? Hab ich etwas falsch gemacht?“
Das riss sie aus ihrer starre und ihr schoss sofort das Blut in die Wangen und sie sah beschämt auf den Stoff der furchtbar bequemen Couch. Dann bemerkte sie die Decke die ihr von den Schultern gerutscht sein musste, als sie sich aufgerichtet hatte.
„Nein, es ist alles in Ordnung.“, sagte sie, hob die Decke und schlang sie um ihre Schultern.
„Hast du schlecht geschlafen?“
„Nein, ich ...“ Sie stockte.
Er sah sie erwartungsvoll an.
„Ich ... Ich hab … total gut geschlafen.“, sagte sie ganz leise und wurde noch mehr rot.
Chilèst seufzte erleichtert und entspannte sich sichtlich. Er sah auf seine Armbanduhr, schüttelte mit dem Kopf, zog sie aus und warf sie in einiger Entfernung auf einen Tisch neben der Couch.
„Wir haben erst 8 Uhr.“,sagte er, „Dabei habe ich heute sogar frei.“
Er sah sie an. Sie war immer noch in die Decke geschlungen und sah ihn mit einer Spur Müdigkeit an.
„Wollen wir noch ein bisschen schlafen? Ich bin jedenfalls noch müde.“
Er legte sich flach auf den Rücken und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf.
In ihr rührte sich etwas. Sie kämpfte dagegen an und legte sich neben ihn und auf die Seite. Er öffnete eines seiner Augen und sah sie an. Sie war immer noch rot. Er lächelte und sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich beschütze dich.“ Sein Gesichtsausdruck änderte sich aprupt, als ob er etwas wichtiges ausgeplaudert hätte. Sie kicherte kurz und kroch dann auf ihn zu. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und kuschelte sich an ihn ran, wodurch sie noch röter wurde.
„Hey, du bist ja ganz rot.“
„Ach, Halt halt den Mund!“, murmelte sie und schloss die Augen.