[Hikaru Khanzu]
Bei den Worten von Takeya musste er automatisch an die Situation denken, als er die Schule verlassen hatte:
Als er von dem Fahrer in den Raum geführt wurde, fiel ihm als erstes das Mädchen auf. Sie saß in einem Rüschenkleid auf einem der Besucherstühle des großen Büros und strahlte die angespannte Ruhe einer sprungbereiten Katze aus. Der Fahrer verbeugte sich kurz und ließ Hikaru stehen. Von seinem Vater war nichts zu sehen.
„Dies ist Mhairi Yelva Catha, genannt Felic, mein Sohn. Und du wirst ab jetzt ihr Schutz und Schwert sein!“ erklang die Stimme seines Vaters hinter ihm auf. Mit einem Ruck schnellte Hikaru herum und starrte seinen Vater an. Er war älter geworden in den letzten vier Jahren und ergraute zusehends.
„Ich verstehe nicht, Vater!“ antwortete er förmlich.
„Du wurdest ausgebildet, seit du sechs Jahre alt bist, Sohn. Jetzt sind deine Kräfte soweit, dass du deine Aufgabe übernehmen kannst!“ fuhr sein Vater fort, ohne den Sohn zu begrüßen. „Wir haben durch deine Mutter eine Aufgabe übertragen bekommen, die uns verpflichtet! Die Kongregation für die Glaubenslehre hat im Zuge eines Paktes gewisse Garantien gegeben, deren Garanten nun wir sind.Mit dem heutigen Tag wird Felics Schutz deine Aufgabe sein!“
Das Mädchen blickte bei diesen Worten auf und musterte Hikaru mit jadegrünen Augen, die bedeutend älter wirkten. Eine eigentümliche Traurigkeit wogte in den Tiefen dieser Augen.Hikaru verstand immer noch nicht, was diese Situation bedeutete.
„Du hast sicher schon einmal von Vampiren gehört, Hikaru-kun?“ fragte sie mit weicher Stimme.
„Wer hat das nicht?“ gab er gleichmütig zurück. Was hatte das mit dieser Verpflichtung zu tun? Statt einer weiteren Erwiderung bleckte Felic die Zähne. Die Augenzähne waren wie die nadelscharfen Reißzähne einer Katze ausgebildet. Das Zeichen des Vampirs!
„Nun, im Allgemeinen gelten wir als Sagengestalten und das soll vorerst auch so bleiben, Hikaru-kun. Dir als meinem Leibwächter ist das Wissen um die Wahrheit gestattet!“ fuhr sie im Plauderton fort, als spräche sie über das Wetter. „Auf der Cross-Akademie wird sie als deine Schwester auftreten. Nur Direktor Kaien Cross und der ehrenwerte Kaname Kuran wissen um die wahren Hintergründe. Daher werdet ihr sie auch gleich nach eurer Ankunft in der Akademie aufsuchen.Es kann sein, das Verfolger beider Rassen auftauchen, Hikaru. Aber dadurch, dass wir mehr als vier Jahre keinen Kontakt hatten, gibt es keine heißen Spuren zu dir!“ eröffnete sein Vater ihm.
„Als reinrassigem Vampir steht mir eine Position ähnlich dem menschlichen Hochadel zu. Auch wenn meine Familie aus einem anderen Land stammt, gilt diese Position auch hier. Kaname Kuran ist ebenfalls ein Reinblut und hat meiner Aufnahme an der Schule zugestimmt!“ ergänzte Felic. Hikaru musste tief durchatmen. Was man ihm hier so um die Ohren schlug, war ganz schön heftig. Mit einer geschmeidigen Bewegung glitt das silberblonde Mädchen von ihrem Stuhl und trat direkt an Hikaru heran.
„Du hast bisher nichts davon geahnt oder vermutet, nicht wahr?!“ Graue Augen trafen auf jadegrünes Leuchten.
„Als Vermutung war es einfach zu phantastisch, deshalb habe ich diesen Gedankengang nicht weiter verfolgt!“ gab er zögernd zu. Felic lächelte.
„Es ist auch eines der am Besten gehüteten Geheimnisse auf dem Planeten!“ erwiderte sie dann. „Nach dem Abkommen werden alle Ereignisse mit Vampiren genauestens Überwacht. Als Vampire haben wir die Möglichkeit die Menschen vergessen zu lassen, weißt du?! Bei dir ist das nach deiner Verletzung nicht mehr möglich, ebenso wenig wie du für den bannenden Blick empfänglich bist. Daher durfte dein Vater auch nicht mehr direkt mit dir in Verbindung treten!“
„Soll das heißen, dass du deshalb den Kontakt untersagt hast?“
„Das musste ich nicht tun! Dein Vater hat es von sich aus getan, nicht nur zu meinem sondern auch zu deinem Schutz!“
„Also sind die Eliteschüler alles Vampire, die Abends aus ihren Särgen steigen?“ wechselte Hikaru das Thema.
„Das gehört wieder zu den Sagengeschichten!“ lachte Felic auf. „Wir benutzen ganz normale Zimmer und Betten um uns auszuruhen. Die Cross-Akademie ist ein einzigartiges Projekt, bei dem beide Rassen direkt nebeneinander leben.“
Das erklärte eine Menge der seltsamen Verhaltensweisen der Eliteschüler. Und es ergab jetzt auch Sinn, das Zero eine Waffe unter der Uniformjacke trug!
„Und was hat das jetzt mit der mir auferlegten Pflicht zu tun?“
„Hikaru, eine Pflicht wird nicht hinterfragt, sondern akzeptiert!“ ermahnte sein Vater ihn streng.
„Ich ziehe seine direkte Art vor, Khanzu-sama. Sie wissen, dass ich nicht nach ihren Sitten und Gebräuchen erzogen wurde, daher macht mir diese Frage nicht das Geringste aus!“ schaltete sich Felic ein, bevor Hikaru etwas erwidern konnte. „Seine Mutter hat ihm einfach zu viele Sitten des Abendlandes angewöhnt!“ murmelte Hikarus Vater. Felic hatte sich kurz abgewandt, als sie seinen Vater angesprochen hatte, nun kehrte ihr Blick zurück.
„Wir Vampire haben untereinander einen Kodex, aber zu den Menschen haben wir nur die Vereinbarung. Daher gibt es auch Vereinigungen von Huntern, die Jagd auf uns machen. Da wir nach der Vereinbarung uns verpflichtet haben, die Menschen nicht anzugreifen, haben wir in Europa als Gegenleistung Leibwächter zuerkannt bekommen. Deine Mutter gehörte zu den Auserwählten Kämpfern und wurde zum meinem Sgiath!“ erklärte sie ihm dann mit leiser Stimme, während sein Vater verärgert zu seinem Schreibtisch ging.
„Einige Worte sind mir unbekannt!“ gab Hikaru zu.
„Es kommt daher, dass es gälisch ist. Du wirst die Begriffe mit der Zeit kennen lernen. Sgiath ist das Wort für Schild!“ erklärte sie bereitwillig. „Deine Mutter war seit ihrem 16. Lebensjahr meine Leibwächterin.“
„Dann kanntest du sie länger als ich!“ sprach Hikaru seine Gedanken laut aus. Der Blick ihrer Augen wurde etwas weicher.
„Ich habe sie immer sehr geschätzt, obwohl sie kein Vampir war!“
„Was ist dann vor sechs Jahren wirklich passiert?“
„Ein anderer Cinneath, ah Clan, hat den Kodex gebrochen und unser Haus angegriffen. Er nutzte dazu auch den menschlichen Aberglauben und hetzte Menschen auf. Deine Mutter eilte an meine Seite, damit ich die Menschen nicht angreifen musste. Sie war eine gute Kämpferin, aber einer Söhne des anderen Clans attackierte sie aus dem Hinterhalt!“ berichtete Felic leise. Hikaru streckte unbewusst die Hand zu der Narbe aus. Er stellte keine Frage, aber Felic nickte bestätigend.
„Ja, du warst ebenfalls dort!“ Ein schmerzvoller Schatten schien sich über ihre Augen zu legen. „Wir haben früher oft zusammen gespielt, aber deine Erinnerung wurde danach immer wieder gelöscht. An diesem dunklen Tag hat deine Mutter mein Leben gerettet, während du von dem Murtair schwer verletzt wurdest! Sie starb dort in meinen Armen.“
„Warum kann ich mich nicht daran erinnern?“
„Es war das letzte Mal, dass deine Erinnerungen gelöscht werden konnten! Dein Vater verlangte, dass man dich hierher brachte und übernahm im Gegenzug die Aufgabe deiner Mutter. Und heute ist der Tag, an dem du diese Pflicht übernehmen sollst!“
„Es ist eine Pflicht der Familie!“ kam es von Hikarus Vater.
„Deine Mutter trat ohne Pflicht und Zwang an meine Seite“, flüsterte Felic, so dass der Vater es nicht hören konnte.
„Wirst du mir mehr von ihr erzählen?“ fragte er ebenfalls im Flüsterton.
„Darum brauchst du mich nicht zu bitten, dass tue ich gerne! Wirst du mein Sgiath sein?“
„Aus freiem Willen und nicht aus Pflicht nehme ich die Aufgabe an!“ sagte Hikaru laut. Sein Vater runzelte bei den Worten die Stirn, aber der Zweck war erfüllt. Mit einem erleichterten Seufzer stand er wieder auf und trat zu den beiden. Nach Art der Samurai beugte er vor dem Mädchen das Knie. „Hiermit löse ich, Mhairi Yelva Catha, den Bund und enthebe dich deiner Pflicht!“ sprach sie laut. Im Hintergrund war ein weiterer Mann eingetreten, den Hikaru erst jetzt bemerkte. Felic öffnete seinem Vater den obersten Hemdknopf und zog eine Kette hervor. Vorsichtig hob sie die Kette über seinen Kopf und zog erst dann das Amulett aus dem Hemdausschnitt. Langsam hob sie Kette und Anhänger empor. Der fremde Mann in schwarzer Kleidung trat näher. Und wie aus dem Nichts stand ein jüngerer Mann in einem dunklen Anzug plötzlich mit im Raum. Der ovale Anhänger mit einem großen Stein in seiner Mitte baumelte jetzt auf Augenhöhe vor ihrem Gesicht.
„Dies ist Banshee Catha, das Siegel meines Bundes!“ intonierte sie förmlich vor den Zeugen. „Gegeben an meinen Begleiter als Zeichen seines Ranges, angenommen aus freiem Willen. Durch den Bund verfügt und mit dem Kodex verbunden ernenne ich dich zu meinem Claidheamdh und Sgiath, Hikaru Khanzu!“ mit diesen Worten senkte sie die Kette über Hikarus Kopf, der ebenfalls nach Art der Samurai nur ein Knie am Boden hatte.
„Dieses Siegel verbindet uns von diesem Tag an und ermöglicht es mir, dich durch die Kraft der Gedanken zu rufen!“ Das Amulett glitt auf seiner Brust unter das T-Shirt und verursachte ein leichtes Kribbeln. Als die Kette richtig um seinen Hals lag, verspürte er einen kurzen Schmerz auf der Brust.
>Kannst du mich hören?< Die Stimme erklang direkt in seinem Kopf.
„Ja, ich verstehe dich!“ sagte er laut. Die beiden Männer traten jetzt auf die beiden zu. Bei dem jüngeren Mann konnte Hikaru jetzt erkennen, dass dieser auch ein Vampir war. Der andere Mann war bereits etwas älter und wirkte in seiner schwarzen Kleidung eher unauffällig.
„Vikar Anselmo Castilliamo von der Kongregation für die Glaubenslehre. Ich bestätige den Bund und die Einhaltung der Vereinbarungen!“ sagte der unauffällige Mann laut.
„Cinneath Catha, Tìr nan Breatan, bestätigt den Bund der Ban-Tigherna und die Einhaltung der Vereinbarungen!“ sagte daraufhin der Vampir. Beide Männer traten wieder zurück.
„Damit ist es getan!“ seufzte Hikarus Vater und ließ sich in seinen Sessel sinken.
„Komm nun, piuhair. Wir sollten noch etwas ruhen, bevor ihr euch auf den Weg macht!“ sagte der Vampir zu Felic, die langsam nickte ohne den Blick von Hikaru zu nehmen.
>Ich danke dir, dass dies aus freiem Willen geschieht!< erklang ihre Stimme wieder in seinem Kopf und er konnte eine ehrliche Dankbarkeit spüren.
„Wenigstens haben sie sich jetzt wieder an die Vereinbarungen gehalten!“ ließ sich der Vampir vernehmen. Während Hikaru sich wieder erhob trat Felic zurück und folgte dann dem anderen Vampir.Der Mann, der sich selber als Vikar bezeichnet hatte, kam wieder näher, als die beiden den Raum verlassen haben.
„Damit bleibt das Friedensabkommen in Kraft. Dein freier Wille hat den Unmut der Vampire besänftigt, Hikaru Khanzu. Darf ich mich noch einmal vorstellen? Mein Name ist Anselmo Castilliamo!“ sagte er mit ruhiger Stimme. Hikaru blickte ihn an. Irgendwie konnte er Felic noch immer spüren.
„Ich überlasse ihnen mein Büro für die Einweisung!“ ließ sich Hikarus Vater vernehmen, der wieder aufgestanden war und da Büro nach seinen Worten verließ, ohne auf die Antwort zu warten. Hikarus Augen verdunkelten sich vor Ärger.
„Du musst ihm dieses Benehmen verzeihen“, redete der Vikar weiter, als er den Ärger im Gesicht des Jungen sah. „Der Tod deiner Mutter war ein schwerer Schlag für ihn und die Verpflichtung für den Pakt hat er nie wirklich akzeptiert! All dies hat ihn sehr verändert.“
„Er ist ein steifnackiger…“ setzte Hikaru an.
Vikar Castilliamo legte ihm eine Hand beruhigend auf die Schulter. „Ich bin Mitglied einer Sondereinheit der Kongregation für die Glaubenslehre. Meine Weihe beinhaltet nicht Sakramente sondern den Kampf. Wir gehörten zu den ersten, die Jagd auf die Vampire machten!“
„Was ist diese Kongregation für die Glaubenslehre?“
„Früher einmal trug es den Namen der Inquisition.“
„Wenn das nicht passend ist?!“
„Ich wurde nicht nur geschickt, um den neuen Bund zu bezeugen, sondern auch, um deine Fragen im Rahmen des Möglichen zu beantworten!“ fuhr der Vikar fort.
„Was ist das mit diesen Huntern, die Jagd auf Vampire machen?“ schoss Hikaru gleich die erste Frage ab.
„Die Hunter sind mit die ältesten bei der Vampirjagd. Es gibt heutzutage mehrere Vereinigungen, die mit festen Jägern und Freelancern arbeiten. Wo es Vampire gibt, sind auch immer Hunter in der Nähe. Nach dem Pakt mit den großen Familien der Vampire sind die reinblütigen Vampire friedlicher gegenüber den Menschen. Aber leider gibt es Ausnahmen! Diese führen zu den nachträglich Verwandelten, den gebissenen Menschen, die sich in einen Vampir verwandeln. Auch Vampire haben ein Klassensystem, bei dem die Reinblütigen den Adel bilden. Die nachträglich Verwandelten sind somit die unterste Stufe, auch Level E genannt. Diese Kreaturen sind derzeit die Hauptsorge, da sie ihren Blutrausch so gut wie gar nicht beherrschen können!“„Gibt es auch Hunter in meinem Alter?“
„Eine ganze Menge sogar! Einige sind sogar schon feste Jäger.“ Hikaru dachte an Tori und Ryu, behielt diese Gedanken aber für sich. Damit wurden einige der Heimlichkeiten verständlich.
„An der Cross-Akademy werdet ihr als Geschwister auftreten!“ eröffnete Vikar Castilliamo Hikaru in das kurze Schweigen hinein.
„Was? Wie soll das denn funktionieren?“
„Manchmal ist Auffälligkeit auch eine Tarnung! Die junge Dame sieht wie eine Sechzehnjährige aus und wird deine jüngere Schwester sein. Das sie in der Night und du in der Day Class bist, ist das zwar keine Ideallösung, aber ein machbarer Kompromiss.“
„Das glaubt uns doch keiner!“ wandte Hikaru ein.
„Es wird funktionieren!“ versicherte Castilliamo ihm. „Der Mensch sieht oft nur das, was er sehen will! Und da der Hausvorstand des Mondwohnheims diese Tarnung unterstützt, wird es funktionieren. Direktor Cross gibt für das Sonnenwohnheim die nötige Rückendeckung!“„Na, ich will mal hoffen, dass sie wissen wovon sie reden!“
Der Vikar fuhr fort, Hikaru die Einzelheiten der geplanten Täuschung zu erklären.
Tatsächlich hatte er recht behalten, aber noch wollte Hikaru diese Informationen nicht vor den anderen enthüllen.