Anfang Oktober - Sonnenuntergang - Kōchi-shi - Stadtzentrum
Masao Ichimura blickte auf die Fotos, auf denen die Fundorte der letzten Opfer zu sehen waren. Die Kochi Shimbun berichtete über die Fälle, ohne die Privatsphäre der Personen zu verletzen. Leider ließ das die Informationen auch recht dürftig aussehen. Die ganze Angelegenheit störte den Nachrichten Redakteur. Schon viel zu oft versuchten Reporter den Begriff „Vampir“ in die Berichterstattung einfließen zu lassen. Aber diesen Mystizismus brauchten diese Fälle nun wirklich nicht auch noch!
Schlimm genug, dass die Personen, die nicht bei einem dieser Blutraub-Angriffe umgekommen waren, sich an nichts erinnern konnten. Es gab an den Tatorten niemals Spuren, was Masao doch ziemlich unverständlich erschien. Niemand konnte einen anderen Menschen angreifen ohne eine Spur zu hinterlassen! Deshalb hatte er sich die Bilder der Tatorte besorgt, um noch einmal selbst ein Auge darauf zu werfen. Nicht das er der Tüchtigkeit der Polizei keinen Glauben schenkte, aber der Reporter in ihm wollte sich einfach selbst überzeugen.
Aus dem oberen Stock des Zeitungsgebäudes, wo er sein Büro hatte, konnte er den Sonnenuntergang sehen. Aber heute hatte er für die Rottöne auf und über dem pazifischen Ozean keine Augen. Stattdessen ging er die Fotos durch.
Plötzlich stockten seine Gedanken...
Auf einem der Bilder waren eindeutig noch andere Fußspuren zu sehen! Wieso war das den Beamten nicht aufgefallen? Masao spürte das Feuer der Aufregung durch seine Adern fließen. Es gab also doch Spuren!
Er fand noch drei weitere Bilder, auf denen sich Dinge an den Tatorten befanden, die in keinem der Berichte aufgetaucht waren. Entschlossen schnappte er sich die Bilder und machte sich auf den Weg zum Polizeipräsidium.
Beim Verlassen des Zeitungsgebäudes trat jemand plötzlich neben ihn. Noch ehe Masao sich über diesen unhöflichen Menschen ereifern konnte, spürte er einen kurzen Schmerz. Etwas ritzte seine Haut. Ein merkwürdiges lähmendes Gefühl machte sich in ihm breit.
Er fühlte sich wie ein Blatt im Wind, obwohl er seinen Körper noch spüren konnte. Etwas schien an seinem Selbst zu zerren. Masao fühlte sich fortgerissen und glaubte für einen kurzen Augenblick in einer Welt ohne Farben zu sein. Dann umhüllte ihn ein friedliches Licht und besänftigte seine Furcht.
Äußerlich hätte man nur ein kurzes Flackern in seinen Augen gesehen, während der Körper kurz erstarrte. Der innere Gefühlsaufruhr drang nicht nach draußen, denn das Jisaiku neben seinem Ohr entfaltete seine Macht sofort nach der Fertigstellung. Masao Ichimura war zu einer Nashiko geworden. Niemand bemerkte das ausdruckslose Gesicht, als Masao sich wieder umwandte und einem fremden Befehl gehorchend, die Berichterstattung korrigieren ging.
Skarm’vat Choa zog den kleinen Finger seiner Hand wieder zurück, mit dem er seiner neuesten Nashiko sein Jisaiku in die Haut geritzt hatte. Dadurch, dass so viele von ihnen an einem Ort versammelt waren, wurden ihre Bedürfnisse doch recht auffällig. Immer wieder musste einer von ihnen eingreifen, um Informationen zu unterdrücken.
Sollte das Experiment im Kleinen hier gelingen, dann wären sie einen großen Schritt weiter! Seine menschliche Erscheinung zeigte ein zufriedenes Lächeln, während seine andere Hand sich in die Tasche der leichten Jacke grub.
In der farblosen Zone, die von den Puppenspielern gerne als „Schnürboden“ oder auch „Bühnen-Himmel“ bezeichnet wurde, war Skarm’vat Choa in seiner wirklichen Gestalt und umklammerte mit der Hand die Kugel, in der Masao Ichimuras Seele gefangen war. Jeder Puppenspieler erzeugte so eine Zone, aus der heraus er sein Spiel betrieb und die Nashikos lenkte.
Der Umstand, dass diese Zonen begrenzt waren, limitierte auch ihre Zeit für die sie eine Seele einsperren konnten. Und genau dieses Problem hatte die sonst so Revier geprägten Puppenspieler zusammen geführt. Sie wollten diese Limitierung ausschalten, so dass die ganze Welt ihre Bühne sein würde.