Fortsetzung zu "Seltsame Begegnung"
Die Wolken hingen tief und regenschwer über dem Land. Es hatte schon seit Tagen immer wieder starke Regenfälle gegeben, aber die Wolken über Talastan schienen unerschöpflich. In den Häusern und Tavernen mussten selbst am Tag die Öllampen brennen, da nicht der kleinste Sonnenstrahl die Wolken durchdrang. Eine kleine Gruppe von Reitern näherte sich langsam auf dem alten Handelspfad einer einsam gelegenen Taverne. Das Haupthaus und die Stallungen hatten gewiss schon bessere Tage gesehen, aber die Zeiten waren auch nicht günstig für den Handel. Die Unruhen, die ganz Talastan immer wieder erschütterten, machten die fahrenden Händler vorsichtig.
Außerdem führten viele der Baronien ihre Kleinkriege mit Nachbarn, so dass die Handelsstraßen und -wege nicht mehr geschützt wurden. Damit sanken die Einnahmen der Wirte solcher abgelegenen Tavernen, da die Kundschaft knapp wurde. Als die Reitergruppe auf dem Hof der Taverne anhielt, eilte der Wirt ihnen geschäftig entgegen. Sein Gesicht drückte schon fast Verzückung aus.
„Willkommen, ihr Herren! Willkommen. Tretet ein und wärmt euch am Feuer!“ rief er den Reitern entgegen, die gerade aus den Sätteln stiegen. Als sich dabei ihre nassen Umhänge öffneten, bemerkten die flinken Augen des Wirtes eine stattliche Anzahl von Waffen bei den Reitern. Da sie keine Uniformen trugen, konnten es nur Söldner sein. Dieser Tage waren viele Söldner unterwegs, um sich bei den Kleinkriegen zu verdingen.
Einer der Reiter, offensichtlich der Anführer, wandte sich dem Wirt zu.
„Euer Stalljunge soll sich zuerst um unsere Pferde kümmern, Wirt! Sie müssen gründlich abgerieben werden!“ forderte er und warf dem Wirt eine silberne Münze zu. Augenblicklich verschwand das Misstrauen aus den Augen des Wirtes, als er die Münze mit einer flinken Handbewegung fing und in seiner Tasche verschwinden ließ.
„Es wird sofort geschehen, edler Herr!“ versicherte der Wirt mit einer Verbeugung und brüllte einen Namen über den Hof. Ein ziemlich magerer Junge kam aus dem Stall gelaufen und griff nach den Zügeln der Pferde. Während alle anderen ins Haupthaus gingen, blieb einer der Reiter bei seinem Pferd und nahm den Jungen kurz beiseite.
„Sorge dafür, dass sich mein Pferd erst abgekühlt hat, bevor du es tränkst und fütterst!“
Der Junge hörte an der Stimme, dass der Reiter eine Frau war. Als sie jetzt ihre Kapuze zurückschlug sah er auch, dass ihre roten Haare zu einem dicken Zopf geflochten waren.
Die Frau zog eine kleine Münze hervor und gab sie dem Jungen, der daraufhin grinsend nickte. Erst jetzt ging auch die Frau hinein.
Im Schankraum brannte ein Feuer im Kamin und verbreitete eine angenehme Wärme.
Der würzige Geruch eines Kräutertees lag in der Luft. Der Wirt und eine Magd nahmen schon die Bestellungen der anderen auf.
„Hey, Kareen! Warum setzt du dich nicht zu uns?“ rief einer der Männer der Frau zu.
„Ich musste euch schon zwei Tage bei diesem Wetter ertragen. Jetzt brauche ich eine Pause“, erwiderte sie und nahm den feuchten Umhang ab. Ihre ganze Kleidung war durch die Regenfälle feucht und klamm geworden, so dass Kareen jetzt einem Bad den Vorzug gab.
Eine zweite Magd führte Kareen aus dem Schankraum in den ersten Stock. Hier gab es ein spezielles Gemach, in dem ein Badezuber aufgestellt war. Nachdem eine weitere kleine Münze den Besitzer gewechselt hatte, bekam Kareen ihr heißes Bad. Während die Magd und ein weiterer Junge das heiße Wasser in Eimern heraufbrachten, legte Kareen langsam ihre Waffen ab und öffnete ihr Obergewand. Darunter kam ein schwarzer Lederharnisch zum Vorschein. Ärgerlich bemerkte Kareen die Feuchtigkeitsflecken auf dem Leder. Dieser Regen würde ihn noch gänzlich aufweichen. Als nächstes öffnete sie den Zopf und schüttelte ihr langes Haar aus. Als sie mit den Fingern durch ihr Haar strich, spürte sie viele kleine Knötchen. Sie würde es lange bürsten müssen!
Endlich war der Zuber gefüllt und die Seife zurechtgelegt. Kareen legte den schweren Holzriegel vor, um jede Störung zu unterbinden.
Rasch legte sie den Harnisch und den Rest der Kleidung ab und ließ sich in das heiße Wasser sinken. Ein wohliger Seufzer entrang sich ihrem Mund als das Wasser sie bis zum Hals umspülte. Ihre Gedanken wanderten träge von einem Ereignis zu nächsten. Der Mann, den sie verfolgten, kam ihr in den Sinn. Gareth ‘an’ Dodonna und seine Männer hatten sie als Fährtensucher gedungen, um einen Mann zu finden der die Tochter eines Kaufmannes geschändet hatte. Kareen fragte sich, warum es dem Kaufmann so viel wert war, diesen Mann zu finden. Es war schließlich nicht billig eine ganze Söldnertruppe für eine solche Suche zu dingen. Zudem hatte sie gehört, dass der Kaufmann zusätzlich noch ein Kopfgeld ausgesetzt haben sollte. Kareen schloss ihre grauen Augen und schob die Überlegungen beiseite. Vor wenigen Tagen hatten sie die Spur des Mannes gefunden. Er konnte nicht mehr viel Vorsprung haben. Sie würden ihn sicher bald fassen. Aber bevor es so weit war, wollte sie ihr Bad genießen und in einem Bett schlafen!
Das kleine Feuer brannte unter großer Rauchentwicklung. Vared blickte verlangend auf den mageren Hasenleib, der leise zischend über dem Feuer garte.
„Heute wird unsere Mahlzeit zugleich gebraten und geröstet!“ sagte Slen mit einem müden Lächeln. Vared blickte kurz vom Braten auf. Slens Gesicht wirkte ausgezehrt, aber wahrscheinlich sah er keinen Deut besser aus. Vor wenigen Tagen hatten sie durch einen glücklichen Umstand bemerkt, dass sie von einer Reitergruppe verfolgt wurden. Vared wusste inzwischen von der Geschichte mit der Kaufmannstochter, so dass er Slens Befürchtungen teilen konnte. Slen und er hatten einige deutliche Hinweise hinterlassen, um die Absichten der Gruppe zu erkunden. Sie waren tatsächlich hinter Slen her! Wo immer es ihnen möglich war, stellten die Reiter Fragen. Außerdem hatten sie einen guten Fährtenleser dabei, der eine falsche Spur zu erkennen wusste. Somit war den beiden nichts anderes übrig geblieben, als zu fliehen. So schnell wie möglich viel Abstand zwischen sie und die Verfolger bringen! Leider spielte das Wetter ihnen einen üblen Streich. Der Regen hemmte ihr Fortkommen und machte das Leben unnötig schwer. Die ständige Nässe kühlte sie aus und verhinderte das Schlafen. Bedauerlicherweise mussten sie die wenigen Herbergen umgehen, die in dieser Gegend Schutz vor dem Wetter boten. Slen spürte schon seit Tagen eine ungewöhnliche Hitze in sich, die nichts Gutes ahnen ließ. Wahrscheinlich hatte er sich eine Erkältung oder Schlimmeres zugezogen. Er brauchte ein heißes Bad und mindestens zwei Tage Ruhe in einem richtigen Bett, aber leider stand diese Möglichkeit nicht zur Debatte. Vielmehr sah es danach aus, als ob er sich noch tiefer in die nassen Wälder zurückziehen müsste. Das wäre auch für den Jungen nicht gut! Vared klagte zwar mit keinem Wort, aber Slen sah ihm an, dass er sich keineswegs wohl fühlte. Seit sie zusammen reisten, hatte Slen immer weniger an mögliche Verfolger denken müssen. Jetzt waren alle diese Gedanken zurückgekehrt.
„Sollten wir den armen Hasen nicht endlich vom Spieß nehmen?“ drang Vareds Frage durch Slens düstere Gedanken. Er blickte verwirrt auf den Braten. Ein leichter Geruch nach verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Es wurde tatsächlich Zeit!
„Deine Frage kam zur rechten Zeit, Vared. Hätte ich noch einige Minuten länger vor mich hin geträumt, dann hätten wir ihn zu der anderen Holzkohle ins Feuer legen können!“ sagte Slen lachend. Im nächsten Augenblick schüttelte ihn ein Hustenanfall.
Vared beobachtete Slen besorgt.
„Schon gut, Junge. Es geht gleich wieder“, versuchte Slen keuchend abzuwiegeln.
„Du brauchst dringend Pflege, Slen. Bei diesem Wetter hältst du sonst keine zwei Tage mehr durch!“ widersprach Vared ihm vehement. Slen winkte müde ab.
„Wohin soll ich deiner Meinung nach gehen? Eine Stadt oder ein Dorf gibt es im Umkreis eines Tagesmarsches nicht. Und in der Wirtschaft lagern bestimmt die Söldner“, fragte er ihn niedergeschlagen. Vared seufzte laut.
„Das weiß ich auch, Slen. Aber wenn ich dich so ansehe, dann sehe ich die Söldner nicht als Hauptgefahr. Was nützt es, wenn du den Männern noch zwei Tage lang ausweichen kannst und dann sowieso stirbst?“ hielt Vared ihm vor. Slen hustete wieder. Vared nahm rasch den Hasenbraten vom Feuer und steckte ihn auf einen Stock zum Kühlen. Slens Schultern hingen kraftlos herab, als der Hustenreiz endlich nachließ. Seine Augen waren eingesunken.
„Ich fürchte, du hast recht“, sagte er schließlich mit schwacher Stimme. „ Hier draußen habe ich keine Chance! Aber warum sollten die Söldner etwas gegen meine Krankheit unternehmen?“
Seine Augen richteten sich wieder auf Vared. Der Junge grinste ihn zuversichtlich an.
„Lebend wirst du ihnen einen größeren Profit einbringen, Slen. Aus diesem Grund werden sie dir schon helfen lassen. Außerdem bist du zu schwach, um zu fliehen“, erklärte Vared es ihm.
„Ich kann darin keinen Vorteil entdecken, Vared“, gestand Slen offen.
„Ich habe doch nicht gesagt, dass wir beide zu den Söldnern gehen! Während du dich in ihre Gewalt begibst, bleibe ich in der Nähe. Niemand kennt mich und ich werde auch nicht gesucht, richtig? Paß auf, ich habe mir folgenden Plan ausgedacht.“
Während Vared seinen Plan erklärte, begann es wieder zu regnen...
Kareen blickte gähnend aus dem Fenster. Draußen regnete es schon wieder. Sie waren nicht, wie von Gareth eigentlich geplant, an diesem Morgen aufgebrochen. Niemand hatte dagegen protestiert. Kareen wusste, dass die anderen Söldner mindestens ebenso froh wie sie darüber waren. Nicht einmal der alte Hund des Wirtes ging freiwillig hinaus.
Ihre Augen verengten sich, als sie durch die dichten Regenschleier eine Gestalt auf dem Hof ausmachte. Ein Fremder? Sie hatte niemanden aus dem Haus gehen sehen. Die Gestalt lief irgendwie unsicher. Kareen beugte sich weiter vor. Nur zu deutlich konnte sie die bellenden Laute hören mit denen der Fremde hustete. Sie war keine Heilerin, aber sie erkannte die Symptome trotzdem. Der Fremde erholte sich nur langsam von dem Hustenanfall und ging schleppend weiter auf das Haupthaus zu. Kareen war sicher, dass es eine Lungenentzündung war, die dem Fremden seine Kräfte raubte.
Unten im Schankraum entstand eine ungewöhnliche Unruhe. Eine hölzerne Sitzbank wurde krachend umgeworfen und eine aufgeregte Stimme rief etwas, dass Kareen nicht verstehen konnte. Ein einziger Fremder konnte doch nicht der Grund für derartige Aufregung sein.
Neugierig verließ sie ihr Zimmer und ging die Treppe zum Schankraum hinunter.
„Das ist er!“ vernahm sie Gareths laute Stimme. Sofort fügten sich die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammen. Der Fremde musste der Gesuchte sein! Gareth und zwei weitere Söldner standen mit gezogenen Schwertern vor dem tropfnassen Fremden. Die Situation wirkte eher lächerlich. Der Fremde schwankte leicht. Kareen konnte sein bleiches Gesicht unter der Kapuze des Umhanges sehen. Dieser Mann würde mit Sicherheit nicht kämpfen!
Er wäre nicht einmal dazu in der Lage, wenn er gewollt hätte.
„Gareth! Ich glaube nicht, dass dieser Mann dir gefährlich wird. Du kannst dein Schwert ruhig wieder einstecken. In seiner Verfassung kann er gar nicht fliehen!“ erklärte sie dem Söldnerführer ruhig. Gareth sah sie wütend an.
„Das ist unser Mann, Fährtenleserin. Eine Menge Geld wartet auf uns, wenn wir ihn nach Yjan-Calliorn zurückbringen!“ knurrte er ohne sein Schwert zu senken.
„Er wird es nicht bis dort schaffen, wenn er nicht vorher seine Krankheit auskuriert“, sagte Kareen ernst. Gareth knirschte mit den Zähnen, während er seine Wut zu beherrschen versuchte. Kareen wich seinem Blick nicht aus und es war schließlich Gareth, der seine Augen abwandte. Er atmete zischend aus und gab seinen Männern durch einen Wink den Befehl, die Waffen wegzustecken. Der Fremde lächelte ihr dankbar zu.
„Freue dich nicht zu früh, Mädchenschänder! Wir werden dich Tag und Nacht bewachen!“ schnappte Gareth wütend. Zwei der Söldner packten den Fremden und schleppten ihn die Treppe hoch. Sie schlossen ihn in einer fensterlosen Kammer ein.
„Auf die Gefahr hin, dich noch stärker zu verärgern“, begann Kareen. „Der Gefangene braucht einen Heiler. Je schneller dieser kommt, desto besser stehen seine Chancen den Gefangenen durchzubringen.“
Sie wusste, dass Gareth ihr die Zurechtweisung vor seinen Männern nicht verzeihen würde und ihre jetzige Haltung noch Öl ins Feuer goss. Trotzdem musste sie es tun, wenn sie den Fremden am Leben halten wollte. Gareth sah sie lange an, dann nickte er zustimmend.
„Wir werden den Heiler kommen lassen!“ brummte er übellaunig. Kareen nickte knapp und wandte sich langsam ab.
Gareth beauftragte einen seiner Männer mit dem Botengang.
Kareen ging in ihr Zimmer zurück und setzte sich nachdenklich ans Fenster.
Dieser Fremde schien genau gewusst zu haben, dass die Söldner hier im Haus waren. Sie hatte keine Waffe und keine Habe bei ihm gesehen. An seiner Krankheit bestand allerdings kein Zweifel. Dieses Gasthaus war für mindestens eine Tagesreise die einzige Unterkunft in dieser feuchten Gegend. Aus diesem Grund hätte der Fremde nur hierher kommen können, aber irgendwie kam Kareen diese Überlegung falsch vor. Wäre es so einfach, dann hätte der Fremde doch auch schon früher herkommen können. Warum sollte er so lange warten?
Vared beobachtete seit geraumer Zeit das Gasthaus. Außer das Slen hineingegangen war, hatte nur eine Person die Gebäude verlassen. Der Mann war nicht sehr glücklich über seinen Auftrag gewesen und hatte sich auf dem Hof ordentlich Luft gemacht. Aus seinen Flüchen konnte Vared das Ziel des Mannes heraushören. Demnach hatte der Plan bis hierher funktioniert! Nun wurde es für Vared Zeit, sich ein sicheres Versteck zu suchen an dem er auch vor dem Wetter geschützt war. Mit leichtem Bedauern wandte er sich vom Hauptgebäude ab und musterte den Rest des Gasthofes. Einzig der große Stall versprach so etwas wie Behaglichkeit. Vared seufzte tief und dachte sehnsüchtig an ein heißes Bad. Seine Mutter hatte ihn immer in ein heißes Bad gesteckt, wenn er draußen pitschnass geworden war. Ein Hauch von wohliger Wärme durchfuhr Vareds zitternden Körper.
Er musste jetzt rasch ins Trockene, wenn er nicht auch noch krank werden wollte. Ohne noch länger zu zögern, lief Vared auf den Stall zu. Der Geruch von trockenem Heu stieg ihm in die Nase, als er durch das große Tor kam. Das stete Platschen der Wassertropfen blieb hinter ihm zurück. Pferde schnaubten leise und scharrten mit ihren Hufen. Vared schüttelte sich und nieste laut. Plötzlich bewegte sich ein Heuhaufen neben ihm. Vared zuckte erschrocken zusammen. Hatte man ihn doch erwischt?
„Wer bist du?“
Aus dem Heu schälte sich ein magerer Junge, der ihn mit verschlafenen Augen ansah. Vared atmete innerlich auf. Wenigstens war es kein Erwachsener!
„Ich bin Tomak, der Stalljunge“, antwortete ihm sein Gegenüber. Noch wirkte er zu verschlafen, um auf Vareds Anwesenheit mit Misstrauen zu reagieren. Jetzt durfte er ihm keine Gelegenheit zu wach werden geben.
„Ich soll die Pferde der Reisenden überprüfen!“ behauptete er frech.
Der Stalljunge zuckte zusammen.
„Ich habe alles so erledigt, wie der hohe Herr es mir aufgetragen hat!“
Vared wurde von dieser Reaktion überrascht. Er wusste einfach zu wenig über die Situation in der Herberge. Hatte er bereits einen Fehler gemacht? Vorerst half ihm ein finsterer Blick.
„Auch das Pferd der Frau!“ versicherte Tomak daraufhin.
Vared bemerkte, dass sich eine Hand des Stalljungen in dessen Tasche verkrampft hatte. Erleichtert atmete er auf. Diese Haltung kannte er. So hatte er früher seine kleinen Schätze vor seinen Eltern verborgen!
„Dann ist ja alles in Ordnung“, beschwichtigte er Tomak.
Der Stalljunge entspannte sich etwas. Allerdings war er durch den Schreck munter geworden.
„Ich habe dich gar nicht bei den Reisenden gesehen, als sie ankamen!“ Jetzt flackerte Misstrauen in seinen Augen.
„Ich bin später nachgekommen, weil ich einen Auftrag auszuführen hatte!“ antwortete Vared. „Die Fährtenleserin wollte ein paar Markierungen gesetzt haben.“
„Die rothaarige Frau ist Fährtenleserin?“
„Nicht nur!“ Jetzt war er froh, dass Slen und er die Verfolger so genau in Augenschein genommen hatten.
Das Misstrauen in den Augen des Stalljungen erlosch.
„Darfst du nicht in der Herberge bleiben?“ fragte er unvermittelt. Vared blickte ihn überrascht an. Da wurde ihm eine Ausrede auf dem Silbertablett serviert. Er setzte ein bedauerndes Gesicht auf und ließ seine Schultern hängen.
„Genau!“
Tomak lächelte breit und verstehend. Derartige Reaktionen waren ihm offensichtlich nur zu gut bekannt. In Zeiten wie diesen war das Gesinde nur zu oft der Fußabtreter ihrer Herren.
Gareth weigerte sich verbissen, dem Gefangenen die Fesseln abnehmen zu lassen.
„Er ist ein Gefangener und bleibt es auch!“ fauchte er wild.
Dabei ruhte sein Blick die ganze Zeit auf Kareen. Scheinbar wartete er nur auf einen weiteren Widerspruch von ihr. Doch sie hielt sich zurück. Zumindest war der Heiler geholt worden.
Gareth grunzte zufrieden und kehrte in die Gaststube zurück. Dort gesellte er sich zu seinen Leuten, um den Erfolg zu feiern. Kareen zog da doch das Bett in ihrer Kammer vor.
Auch der nächste Tag brachte starke Regenfälle. Der durchweichte Boden nahm das Wasser schon längst nicht mehr auf, so dass sich große
Pfützen gebildet hatten. Das gleichmäßige Trommeln der Regentropfen auf dem Dach wirkte einschläfernd. Es dauerte länger als sonst, bis Kareen aus dem Bett fand. Und immer noch musste sie gähnen.
„Dieses Wetter ist nichts für mich!“ seufzte sie und beugte sich über die Waschschüssel. Das kalte Wasser erfrischte sie zumindest ein wenig.
Ohne großen Elan schlüpfte sie in ein grobes Hemd und weite Hosen. Ihre Lederrüstung wollte sie noch trocknen lassen. Nach kurzem Zögern schnallte sie den Waffengurt um ihre Hüfte.
So sehr traute sie ihren Begleitern nun wieder auch nicht. Viel zu lange dauerte diese Jagd schon. In der letzten Nacht hatte sie die Schreie einer Magd gehört, sich aber rausgehalten.
Jetzt interessierte sie der Gefangene. Wegen ihm war sie in dieses nasse Land gekommen. Aus irgendeinem Grund hatte dieser Slen die Bherrenschaften gemieden, nicht aber Delhytan. Sie vermutete, dass er einen Umweg wegen des Ishuun in Kauf genommen hatte. Aber warum er nach Sequail statt nach Yvern weitergezogen war, blieb ihr ein Rätsel. Möglicherweise war seine Krankheit ein Grund gewesen. Andererseits war er allein gekommen. Kareen hatte aber zwei Spuren gesehen.
Gareth schien es nicht weiter zu kümmern, ihn interessierte nur die Belohnung.
Als sie auf den Korridor trat, ruckte Drugen cer Rysbetha vor. Der blonde Krieger hatte wohl bequem an der Wand gelehnt.
„Ah, unsere schöne Fährtensucherin“, begrüßte er sie.
Ihre Hand hielt sich unauffällig in der Nähe des Dolches. Sollte er etwas Unüberlegtes versuchen...
„Spar dir deine schönen Worte!“ gab sie warnend zurück. Übertrieben gerade ging sie auf die Tür zur Kammer des Gefangenen zu.
„Gareth will nicht, dass außer dem Heiler jemand zu ihm geht!“ sagte Drugen und machte Anstalten, ihr in den Weg zu treten.
Kareen funkelte ihn aus ihren grauen Augen an, so dass er stehen blieb.
Ohne ein weiteres Wort betrat sie die Kammer.
„Was...??!“
Ihre Augen weiteten sich, als sie den Gefangenen erblickte. Gareth hatte ihm eine Würgeschlinge anlegen lassen, die seinen Kopf in eine überstreckte Lage zwang. Außerdem waren seine Handgelenke und die Füße an das Bettgestell gebunden.
„Dieser elende Narr!“ fluchte sie laut und zog die Schlinge ab. Gareth schien in letzter Zeit seine Macht sehr gern zu demonstrieren.
Der Gefangene atmete erleichtert durch, als sein Kopf in eine bequemere Lage rutschte.
„Danke“, flüsterte er leise. Seine braunen Augen blickten sie klar an.
„Warum hat Gareth das getan?“ fragte sie ihn.
„Scheinbar musste er sich etwas beweisen“, antwortete er und versuchte ein spöttisches Lächeln.
„Du wusstest doch, dass wir in dieser Herberge waren. Warum bist du trotzdem hergekommen?“
„Mir blieb keine andere Wahl. Hierher, oder in das Dorf des Heilers. Bei den Regenfällen eine anstrengende Wegstrecke...“, Slen hustete.
Von draußen erklangen Schritte. Kareen erkannte schon am Tritt, dass
Gareth im Anmarsch war. Mit Sicherheit würde er wieder seine Macht
angezweifelt sehen. Sie seufzte. Dieses Gebaren war so nutzlos!
Vared schreckte hoch, als er laute Stimmen vernahm. Jemand gab draußen auf dem Hof Anweisungen.
„Der Schmied soll die Ketten vorbereiten, Wirt. Ich will nicht, dass der Gefangene eine Möglichkeit zur Flucht hat!“
„Selbstverständlich, Herr!“
Ketten! Das war gar nicht gut. Warum bestand der Führer der Söldner nur auf ihnen?
Vorsichtig schlich der Junge an die offene Scheunentür und riskierte einen Blick auf den Hof. Der Wirt strahlte übers ganze Gesicht und nickte eifrig. Demnach hatte er einen guten Lohn erhalten.
„Wie lange wird der Heiler noch brauchen, bis er hier eintrifft?“ fragte der Anführer ungeduldig. Seine Augen wirkten verkniffen und er mied das grelle Licht. Wahrscheinlich hatte er in der letzten Nacht zuviel Wein getrunken!
„Euer Reiter müsste mit dem Heiler zur Mittagszeit hier eintreffen, Herr! Um diese Zeit müsste der Bengel auch den Schmied erreicht haben.“
Während der Wirt seiner Überzeugung Luft machte, trat ein weiterer Söldner aus dem Wirtshaus. Er marschierte direkt auf den Führer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Angenehm war ihm die Botschaft nicht, soviel konnte Vared an der aufsteigenden Zornesröte deutlich feststellen.
„Kümmert Euch um die Aufträge, Wirt!“ schnauzte er den dicken Mann rüde an, dann eilte er hastig ins Haupthaus.
Obwohl es für ihn nicht ungefährlich war, entschloss sich Vared, der Sache auf den Grund zu gehen.
Mit einem lauten Krachen donnerte die Tür gegen die Wand. Im Türrahmen hatte sich Gareth aufgebaut und funkelte wütend ins Zimmer.
„Was hat das zu bedeuten?“ knurrte er.
„Ich sehe nach dem Gefangenen, da der Heiler noch nicht eingetroffen ist!“ antwortete Kareen ihm ruhig.
„Das ist gegen meine Order!“
„Ist es in deinem Sinne, wenn er stirbt? Der Kaufmann würde nur die halbe Belohnung zahlen!“
Gareth mahlte mit seinen Zähnen. In seinen Augen fand ein innerer Kampf statt, aber schließlich siegte seine Gier.
„Gut!“ schnaufte er. „Kümmere dich so lange um ihn! Aber wenn der Heiler hier ist...“
„Werde ich das Zimmer nur mit deiner Erlaubnis betreten!“ vollendete sie den Satz. Gareth nickte knapp und verließ die Kammer wieder.
Kareen bemerkte, dass der Blick des Fremden auf ihr ruhte.
Sie ging langsam zur Tür und schob sie wieder zu.
„Ihr scheint euch nicht sehr wohlgewogen zu sein“, flüsterte er mit müder Stimme.
„Er fürchtet ständig um seine Vorherrschaft, dass macht ihn ziemlich unberechenbar.“
„Dann solltet Ihr besser sehr vorsichtig sein“, mahnte er leise. „ Er hat so ein hinterhältiges Funkeln in den Augen.“
Kareen hob überrascht eine Augenbraue.
„Warum macht Ihr das?“ fragte sie.
„Was?“
„Diese merkwürdige Warnung vor Gareth! Erhofft Ihr Euch etwas davon, wenn wir einander misstrauen?“
„War nur gut gemeint, Fährtensucherin. Weiter nichts!“
„Ihr seid so anders, als ich erwartet habe“, erwiderte Kareen langsam.
„So gar nicht wie der Frauenschänder, der ich eigentlich sein soll?“
Der Gefangene blickte sie mit einem schiefen Grinsen an.
„Das liegt wohl daran, dass ich nicht das getan habe, was man mir vorwirft!“ fuhr er fort. „ Aber danach fragte niemals jemand.“
Ein Hustenanfall schüttelte ihn nach diesen Worten durch. Kareen gab ihm nach dessen abklingen etwas zu trinken.
„Ihr solltet lieber nicht so viel sprechen“, ermahnte sie ihn. „Der Heiler wird erst gegen Abend hier sein können.“
Danach versuchte sie mit ihren beschränkten Kenntnissen, es dem Fremden etwas leichter zu machen.
Vared war dem Söldnerführer auf Umwegen ins Haupthaus gefolgt, so dass er die Szene in Slens Kammer nicht mitbekam. Dafür konnte er jetzt ein weitaus wichtigeres Gespräch belauschen.
„Dieses Weib macht nichts als Schwierigkeiten!“ grollte der Anführer.
„Aber wir haben jetzt doch den Spieler“, meinte ein Söldner. „Wozu brauchen wir sie dann noch?“
Vared lief es eiskalt den Rücken runter. Waren das noch Menschen?
„Was willst du damit sagen, Melas?“
„Es könnte ihr leicht etwas zustoßen, Gareth! Ein kleiner, aber tödlicher Unfall!“ Der Söldner kicherte bösartig.
„Es wäre sehr bedauerlich, sie ist schließlich eine schöne Frau!“ meinte ein anderer Söldner.
„Vergiß es, Drugen! Sie wird sich nie zu dir legen!“
„Hört mit diesem sinnlosen Geschwätz auf! Denkt lieber an ihren Anteil, den wir dann zusätzlich aufteilen können!“ wies Gareth sie zurecht. „Je eher wir sie loswerden, desto besser für uns alle!“
„Es sind eben unsichere Zeiten, Gareth. Man munkelt von Angriffsplänen gegen Dawdwynd, da passieren schlimme Dinge!“
Tiefer Ekel ergriff Vared bei dem Gelächter, das die Söldner daraufhin anstimmten. Er zog sich von seinem Lauschposten zurück und schlich davon.
Diese Männer waren Untiere, denen man alle Schlechtigkeiten zutrauen musste. Andererseits schien diese Frau ehrenvoll zu sein. Sollte er sie warnen, damit sie sich vor der Heimtücke der Söldner schützen konnte? Oder gefährdete er dabei nur sich und Slen?
Vared wusste es nicht, aber er würde eine Entscheidung treffen müssen!
* * *
Bis zur Mittagszeit hatte der Regen sich in einen leichten, aber permanenten Nieselschauer gewandelt. Es lag trotzdem nicht an dem Wetter, dass sich eine bedrohliche Stimmung in der Herberge ausbreitete.
Die flinken Augen des Wirtes huschten beunruhigt zwischen seinen Gästen hin und her. Auch er spürte die Bedrohung, die fast greifbar in der Luft lag. Und er wusste diese Stimmung auch zu deuten, schließlich war er lange genug Wirt. Es würde Blut fließen!
Vared versteckte sich noch immer im Haupthaus und beobachtete das Geschehen. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, so dass er noch immer keine Entscheidung getroffen hatte. Außerdem war die Frau nie allein.
Sorgten diese hinterhältigen Meuchler etwa schon dafür, dass niemand sie warnen konnte? Nein! Sie konnten nicht wissen, dass er ihre Pläne belauscht hatte!
Als draußen auf dem Hof Hufgetrappel laut wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf die Eingangstür. Der Heiler musste eingetroffen sein! Vared blickte rasch zu der Fährtenleserin, die mit einem mal alleine auf der Galerie stand. Jetzt oder nie!
Kareen blickte verstimmt in den Schankraum hinab. Offensichtlich wollte Gareth sie nicht mehr aus den Augen lassen! Irgendwer aus der Reitergruppe hielt sich ständig in ihrer Nähe auf. Und mit der Ankunft des Heilers aus dem Dorf war sie auch an ihr Wort gebunden.
„Die Söldner wollen dich töten, Fährtenleserin!“ zischte eine Stimme neben ihr. Kareen wandte sich ruckartig um, doch es war niemand zu sehen!
„Nachdem sie ihre Beute haben, wollen sie die Belohnung nicht mehr teilen!“ fuhr die Stimme fort.
„Woher willst du das wissen?“ fragte sie leise. Dabei suchten ihre Augen weiter nach dem Besitzer der ziemlich hellen Stimme.
„Ich hörte es mit meinen Ohren... direkt aus dem Mund des Anführers!“
„Das kann jeder behaupten! Und um wie viel leichter noch, wenn die Stimme kein Gesicht hat!“
„Ich vernahm die Stimmen eines Melas und eines Drugen, wie sie mit dem Anführer Gareth deinen Tod planten, Fährtenleserin!“ widersprach die helle Stimme eindringlich. „Und ich schütze nur mich selbst, indem mein Gesicht verborgen bleibt!“
Kareen blickte wieder in den Schankraum hinunter, um die dort anwesenden Söldner nicht misstrauisch zu machen. Zuzutrauen wäre es diesen ehrlosen Halsabschneidern. Und Gareth? Vielleicht hatte sie ihn einmal zu oft in seinem aufgeblähten Stolz gekränkt. Er wäre einer solchen Arglist durchaus fähig, um seinen Jähzorn auszuleben!
„Mehr kann und darf ich nicht tun!“ beendete die helle Stimme das kurze Gespräch. Kareen hörte das Rascheln von Kleidern, als der Unbekannte sich zurückzog.
Mit einem trockenen Knarren schwang die Tür zum Haupthaus auf. Zwei Gestalten traten ein und schlugen fast gleichzeitig den Überwurf zurück, der sie vor dem Regen geschützt hatte.
Ein Ylcar-Priester! Kareen zuckte unwillkürlich zurück. Sie hatte nicht erwartet, hier einen Robenträger anzutreffen! Sie musste ihm unbedingt aus dem Weg gehen, denn wenn er ihre Herkunft erfuhr...
Ihre Gedanken kehrten zu der Warnung zurück, die man ihr gerade überbracht hatte. Jetzt wurde es tatsächlich sehr gefährlich für sie!
Aber wenn sie schon fliehen musste, dann wollte sie den Söldnern nicht den Gefangenen so einfach überlassen. Ohne ihre Hilfe hätte sie der Spieler schon vor Tagen abgehängt. Sie zog sich rasch von der Balustrade zurück.
Unten im Schankraum begrüßte Gareth den Priester, der gleichzeitig auch als Heiler fungierte.
Kareen rannte den Korridor zum Zimmer des Gefangenen entlang, als ihr jemand den Weg verstellte.
„Kein Zutritt, Fährtenleserin!“ grollte das lederne Gesicht eines Söldners. Sein Name war Narut, wenn sich Kareen richtig erinnerte.
Ohne langsamer zu werden zog sie ihren Dolch und ließ dessen Spitze leicht über Naruts Hals streichen. Die Augen des Söldners weiteten sich, als er sein eigenes Blut hervor schießen sah.
„Schlechter Zeitpunkt“, flüsterte Kareen, als sie an ihm vorbei war. Hinter ihr ertönte ein dumpfer Aufprall. Der Weg zu dem Gefangenen war frei!
Slen blickte erstaunt auf, als die Tür zu seiner Kammer polternd aufgestoßen wurde. Die rothaarige Fährtenleserin stand leicht außer Atem im Türrahmen. Ein Blick in ihre Augen verriet ihm, dass etwas nicht in Ordnung war - von ihrer Warte aus gesehen!
„Bist du stark genug zum Laufen?“
Slen nickte knapp, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Was ging hier vor?
Sie schien seine Gedanken nachvollziehen zu können.
„Man will mich nicht nur um meinen Anteil bringen, sondern auch gleich töten!“ erklärte sie ihm kurz.
„Was hat das alles mit mir zu tun?“ fragte Slen.
„Im Augenblick bist du der Mittelpunkt, Spieler! Ich habe nicht vor, den Preis meiner Bemühungen diesen Verrätern zu überlassen.“
„Das klingt wenigstens ehrlich!“
Kareen musterte ihn einen Augenblick lang. Sollte sie sich in ihm getäuscht haben? Er erwiderte ihren Blick ruhig.
„Jetzt ist nicht die Zeit für lange Erklärungen!“ zischte sie und durchschnitt seine Fesseln. Slen setzte sich auf und nieste lautstark.
„Einverstanden“, murmelte er dann.
Kareen warf ihm einen warmen Umhang zu, den er sich um den Körper wickelte. Sie musterte ihn kurz und kritisch. Besonders kräftig wirkte er nicht gerade, aber zumindest das Fieber schien seinen Körper verlassen zu haben.
„Hat es wenigstens aufgehört zu regnen?“ erkundigte sich Slen.
„Nein!“
„Dann würde ich lieber meine Sachen anziehen, bevor wir dieses gastliche Haus verlassen!“
Dieser Vorschlag klang vernünftig, auch wenn sie eigentlich nicht die Zeit dazu hatten. Sie würde nur ungern ihre Rüstung zurücklassen.
Direkt vor ihr tauchte ein Junge auf, der die Sachen des Spielers auf den Armen hatte.
„Hier sind deine Sachen, Slen!“ sagte er zu dem Spieler.
„Ihr kennt euch?“
„Vared ist die zweite Spur, der du gefolgt bist.“
„Gareth kommt bereits mit dem Priester hier herauf. Ihr solltet euch lieber beeilen!“ drängte der Junge.
„Durch den Schankraum kommen wir ja doch nicht raus...“ meinte Slen und griff nach einer Fackel, die erloschen in einem Wandhalter steckte. Mit Hilfe einer brennenden Kerze entzündete er sie neu und warf sie in den Gang. Der verschlissene Bodenbelag fing sofort Feuer und auch die hölzerne Wand.
„ ...Das sollte sie aufhalten!“
Trotz des tagelangen Regens war das Innere des Gasthauses so trocken wie altes Stroh und brannte auch so gut. Gierig leckten die Flammen an den Wänden empor.
„Ich brauche meine Ausrüstung!“ sagte Kareen und rannte los. Aus irgendeinem Grund vertraute sie dem Spieler und dem Jungen.
Slen schlüpfte rasch in seine Kleidung, die endlich wieder trocken war.
„Was geht hier vor, Vared?“
Der Junge grinste ihn schief an.
„Die Kriegerin erwies sich als ehrlich, was man von dem Rest dieser verkommenen Bande nicht sagen kann! Als die Söldner einen Verrat an ihr planten, warnte ich sie.“
„Wirklich eine gute Idee, aber in wie weit können wir ihr trauen?“
„Sie trägt das Zeichen der Mytrill!“
Slen blickte den Jungen überrascht an. Woher kannte er die Mytrill?
Dieser Orden von Kriegerinnen war schon fast im Reich der Legenden verschwunden, nachdem der Ylcar-Glaube die Oberhand in Talastan gewonnen hatte. Die Mytrill verehrten eine heute namenlose Gottheit, die zu den Alten Göttern gehörte.
„ Woher kennst du das Zeichen der Mytrill?“ hakte er nach.
Vared blickte ihn direkt an.
„ Kann ich nicht sagen, Slen. Ich wusste es einfach, als ich es sah!“
Jetzt verstand Slen auch die plötzliche Eile der Fährtenleserin. Wenn der Heiler tatsächlich ein Priester Ylcars war, dann würde er sie erkennen, sobald er sie sah - und alle Macht auf ihre Vernichtung ausrichten!
Aus dem Korridor ertönte jetzt wildes Geschrei, als man das Feuer entdeckte. Inzwischen war Slen wieder komplett bekleidet. Zusammen mit Vared ging er in der Richtung weiter, die von der Kriegerin zuletzt eingeschlagen worden war. Sie kamen an weiteren Zimmertüren vorbei, die alle geschlossen waren. Die Bewohner dieser Räume befanden sich anscheinend unten im Schankraum. Ziemlich am Ende des Korridors stand eine Tür offen. Dort musste sich die Kriegerin aufhalten.
Dem Zischen und Prasseln nach zu urteilen war das Feuer eine sehr gute Ablenkung. Bis es endlich gelöscht sein würde, konnten sie schon ein gutes Stück entfernt sein.
Aus dem Zimmer der Kriegerin erklang plötzlich das Klirren von Schwertern. Alarmiert traten Slen und Vared ein.
Kareen hatte ihre Lederrüstung schon fast angelegt, als sie hinter sich ein schleifendes Geräusch hörte. Ihr geschultes Ohr erkannte das Schleifen als Ziehen eines Schwertes. Rasch wandte sie sich um.
„Du wirst nicht entkommen!“ zischte Melas und deutete mit der Schwertspitze auf sie. Neben ihm zog Drugen seinen Dolch heraus.
„Ihr habt es ziemlich eilig mit eurem Plan“, gab Kareen ruhig zurück. Ohne große Hast schloss sie die Schnallen ihres Brustpanzers. Leider lag ihr Schwert noch auf der Bettstatt und damit außer Reichweite. Dafür befand sich ein schmiedeeiserner Fackelhalter in ihrer Nähe.
Mit einer fließenden Bewegung glitt Kareen zur Seite und brachte den Fackelhalter in ihre Hand. Noch aus der Bewegung heraus schwang sie den dreibeinigen Ständer nach oben und brach Drugen das Handgelenk.
Mit einem Brüllen ließ er den Dolch fallen und kümmerte sich vorerst nur um seine eigenen Bedürfnisse.
Kareen ließ den Fackelhalter wie einen Kampfstab um ihre Hüfte kreisen und blickte Melas auffordernd an.
„Was ist denn nun, Melas?“ zischte sie ihn an.
Für einen Augenblick hatte ihr rascher Angriff auf Drugen ihn wohl völlig aus dem Konzept gebracht. Aber er war lange genug ein Söldner, um diesen Zustand schnell abschütteln zu können.
Seine Klinge stieß in einem tiefen Angriff auf Kareen zu und wurde mühelos von dem schmiedeeisernen Fackelhalter abgewehrt. Noch während Melas Klinge ins Leere glitt, setzte sie mit dem anderen Ende nach.
Der seitliche Gesichtsschutz an Melas Helm knirschte, als der Fackelhalter hart aufprallte. Dabei konnte er noch dankbar sein, das keine der Fackeln um die Mittagszeit entzündet war, sonst hätte er zusätzlich noch einen Funkenregen zu den Sternen, die er jetzt schon sah, bekommen.
Benommen taumelte er zurück und versuchte, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Kareen warf den schweren Halter hinter ihm her und sprang auf die Bettstatt zu.
Drugen hatte sich trotz des gebrochenen Handgelenkes wieder aufgerafft und schleuderte einen zweiten Dolch in ihre Richtung. Durch ihre Bewegung ging der Wurf fehl! Kareen griff in einer Schulterrolle über die Bettstatt ihr Schwert und duckte sich auf der anderen Seite unter einem weiteren Messer weg.
„Hinterhältiger Schurke!“ zischte sie und zog blank.
Melas hatte die Zeit genutzt und die Benommenheit abgeschüttelt. In einem wilden Sprunghieb versuchte er durch bloße Kraft ihre Deckung zu durchbrechen. Aber Kareen dachte gar nicht daran, zu parieren! Geschmeidig glitt sie zur Seite und ihre Klinge schien Melas Arm fast zu umfließen. Im nächsten Augenblick trennte sich der Unterarm vom Rest des Körpers und flog samt Schwert auf die Bettstatt.
Melas riss seine Augen auf und konnte nicht glauben, was er da sah! Mit seinem nächsten Lidschlag schoss ein Strahl roten Blutes hinter seiner Hand her.
„Elende Hexe!“ keuchte Melas. Weitere Worte waren ihm nicht mehr vergönnt, denn die Klinge von Kareen zuckte mit einem Rückhandhieb über Melas Gesicht und Hals. Der Getroffene riss mit einem qualvollen Gesichtsausdruck seinen Mund auf, konnte aber keinen Laut mehr von sich geben.
Kareen wirbelte herum, um sich dem zweiten Gegner zu stellen, musste jedoch von dieser Seite nichts mehr befürchten! Slen und Vared standen über Drugens leblosen Leib und blickten sie an.
Kareen gab ihre Kampfpose auf und sammelte rasch ihre wenigen Habseeligkeiten ein.
„Wir sollten uns lieber beeilen, bevor die anderen einen Weg zu uns finden!“ meinte sie dann gleichmütig und trat auf die beiden zu.
„Ich mag sie!“ flüsterte Vared leise.
In dem Durcheinander des Brandes war es den Dreien sogar gelungen dem Pferdestall einen Besuch abzustatten. In den nachlassenden Regenfällen des beginnenden Nachmittags ritten sie in Richtung Süden davon.