[Rika Sumiyoshi]
09:51 Uhr - Verlassenes Krankenhaus - Keller
Rika wälzte sich unruhig hin und her. In ihrem Kopf wirbelten verschiedene Bilder durcheinander, die alle aus ihrem Unterbewusstsein aufstiegen.
Das einzige mit einem ziemlich realen Bezug war das Bild von Yukikos brechendem Genick. Sie wehrte sich gegen all diese Bilder, die zu einem Alptraum werden wollten.
Aber Rika war nicht mehr bereit, sich ohne Widerstand solchen Gefühlen auszusetzen.
Ein Teil ihres Selbst konzentrierte sich auf Dinge, von denen sie etwas verstand...
Durch die Bilder war es etwas, mit dem man sich verteidigen konnte...
Langsam wurden die furchtbaren Bilder zurück gedrängt, während sie sich auf jedes kleine Einzelteil konzentrierte, die sie mit der ihr eigenen Fähigkeit bei Gegenständen erfasst hatte. Bauteil um Bauteil formte sie in ihrer Erinnerung. Sogar die komplizierten Formen von gezogenem Metall hatte sie genauestens untersucht, so dass sie plastisch vor ihrem inneren Auge erschienen.
Während der Alptraum verschwand konstruierte sie jedes Bauteil einzeln und fügte sie dann zu Baugruppen eines funktionierenden Mechanismus zusammen.
Schließlich hatte sie alle erforderlichen Teile zusammengefügt und sah vor ihrem geistigen Auge die Baugruppe vor sich. In diesem Zustand konnte sie daraus eine funktionierende Waffe zusammenbauen. Ihre innere Unruhe war durch diese für sie so befriedigende Tätigkeit vollkommen verschwunden, aber die Welt, in der sie hier lebte, war nicht anders geworden.
Also begann sie sich ihre Lieblingskleidung vorzustellen. Auch davon hatte sie mehrere Ausgaben besessen, damit sie mindestens eine zerlegen konnte. Die Tarnhosen und die schwarzen Schnürstiefel hatte sie sogar in den Bestandteilen noch weiter untersucht. Wie eine Explosionszeichnung stellte sie sich die ganzen kleinen Details vor, die diese Kleidungsstücke enthalten hatten. Dann setzte sie diese wie ein Kunstobjekt am Computer zusammen...
Mit einem leisen Seufzer erwachte sie wieder. Ihre Augen brauchten einen kurzen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen.
Sie war nach dem Mord an Yukiko einfach weggelaufen. Über die Brücke und an einem Gebäude mit Parkplätzen vorbei, dass von dem merkwürdigen Informationssystem als Krankenhaus identifiziert wurde. Sie war um das Gebäude herum gelaufen und über eine Treppe nach unten in den Kellerbereich, wo sie sich in einem Raum voller Gerümpel verkrochen hatte.
"Was ist das nur für eine komische Welt hier?" fragte sie sich in Gedanken und setzte sich auf.
Automatisch schob sie ihre Hände zu den Seiten, um sich abzustützen. Dabei berührte sie etwas kaltes, das neben ihr auf dem Boden lag. Irritiert blickte sie zur Seite und riß dann vor Überraschung die Augen weit auf.
Neben ihr lag eine säuberlich zerlegte Beretta FN 75, genau wie sie sich in ihrer Vorstellung erschaffen hatte. Die einzelnen Baugruppen glänzten nagelneu und leicht geölt. Die Jacke der Schuluniform, die sie als Unterlage benutzt hatte, sorgte dafür, dass kein Bauteil mit dem Schmutz in Kontakt kam.
Sie griff vorsichtig nach den Baugruppen, die sich sehr real anfühlten. Ohne das sie bewusst daran gedacht hatte, begannen ihre Hände die Baugruppen zusammen zu fügen.
Dann hielt sie tatsächlich eine Pistole in der Hand!
Schlitten, Patronenauswurf, Sicherungshebel... alles funktionierte wie sie es gewohnt war. Nur Patronen hatte sie sich nicht vorgestellt, deshalb waren auch keine da.
Als sie sich vom Boden erhob, sah sie noch etwas anderes neben sich...
Ihre Lieblingstarnhose und die dazu gehörenden Schnürstiefel!
"Gibt es doch nicht!" entfuhr es ihr.
Alle Dinge, die sie sich in ihrem Schlaf genauestens vorgestellt hatte, waren jetzt tatsächlich hier! Sie schlüpfte aus dem Rock der Schuluniform und zog sich rasch die Hose an, die ihre gewohnte weiche Geschmeidigkeit besaß, die sie daran so sehr schätzte. Auch die Stiefel waren nicht von ihren anderen, die sie im Leben davor getragen hatte, zu unterscheiden.
Man konnte also doch etwas in dieser Welt erschaffen. Aber da alle die gleichen Uniformen beim Erwachen getragen hatten, war da wohl ein bestimmter Knackpunkt, der es nicht ganz so einfach zuließ. Rika überlegte einen Moment, während die Bilder der Gegenstände wieder vor ihrem inneren Auge erschienen.
Ein Teil des Gerümpels in ihrer Nähe begann sich zu bewegen, als sie sich einen anderen Gegenstand aus ihrem Arsenal vorstellte. Das Gerümpel zerfiel in einen wirbelnden Schleier, in dem sich langsam kleinere Objekte zu bilden begannen. Sie hielt die Bilder in ihrem Kopf konzentriert fest und stellte sich den T-Griff mit der Bit-Aufnahme bis ins Detail vor. Dazu dann einen kleinen Satz von ihren wichtigsten Bit-Einsätzen...
Wenige Augenblicke später lag das Werkzeug vor ihr. Aber als sie versuchte, einen Akkuschrauber zu erschaffen, passierte nichts.
Rika verzog ihre Lippen zu einem schmalen Lächeln. Man musste also den Gegenstand bis ins kleinste Detail kennen, um ihn hier erschaffen zu können. Vielleicht gab es ja doch etwas in dieser Welt, was sie interessieren konnte...