[Takeshi Okamura]
11:44 Uhr – Schulgebäude, Block A – Krankenzimmer
Seine Worte schienen sie zumindest erreicht zu haben.
"Aufbauen? Auf Trümmern kann man nur noch mehr Schutt häufen. Da frage ich mich, ob es nicht besser wäre sie komplett abzureißen und etwas Neues zu bauen." Ihre Einstellung zu sich selbst war demnach vollkommen am Boden. Takeshi hatte keine Ahnung, wie man sich selbst so gering einschätzen konnte, wie es ihre Worte gerade zeigten. Geschah das mit einem, wenn man sich vollkommen auf jemand anderen verließ?
Sakamato-san wandte diesmal den Blick nicht wieder ab. Sie hatte zumindest begonnen, darüber nachzudenken.
Eigene Entscheidungen zu treffen wurde von vielen angestrebt, aber nur wenige nahmen sich Zeit dafür. Sie hatte offenbar schon lange keine eigenen Entscheidungen mehr gefällt. Takeshi dachte an ehemalige Klassenkameraden, deren wichtigste Entscheidung der Ort an dem die nächste Party steigt gewesen war. Ihre Eltern hatten ja schon eine weiterführende Schule für sie ausgewählt... Hatte sie sich auch auf die Entscheidungen ihres Vaters verlassen?
Seine Klassenkameraden hatten ihm immer wieder vorgeworfen, dass er viel zu ernst sei. Aber im Gegensatz zu ihnen musste er jeden Tag Entscheidungen treffen. Seine Familie hatte keine Zeit für ihn. Den Lehrern gefiel so etwas natürlich, weshalb er oft Aufgaben übernehmen durfte. Das ließ ihn im Blickwinkel der Klasse nur noch mehr wie ein Streber aussehen. Seine Zukunft, die er fest im Auge behalten hatte, stand auch nicht im Zusammenhang mit der jeweiligen Klassengemeinschaft. Sakamato-san war wahrscheinlich niemals so hervor gestochen...
Das schwache Lächeln, dass sich in den Mundwinkeln von Sakamato-san zeigte, lenkte ihn etwas von den Erinnerungen ab.
"Als Präsident des Schülerrats sollten Sie sich mit Erklärungen in Zukunft bedeckt halten, Kaichou-sama. Es könnte dafür sorgen, dass sich rebellische Geister entwickeln."
Hinter seiner bewegungslosen Miene musste Takeshi lachen. In mehr als einer Hinsicht war er bereits lange Zeit ein rebellischer Geist! Es fiel nur niemandem auf, da sie nicht durch seine Maske blicken konnten.
Wie oft hatte sein Vater ihm Dinge vorgeschrieben, die er niemals erledigt hatte. Er wollte niemals das Rädchen im Getriebe von jemand anderem sein. Mitschüler, die sich auf Kosten anderer durch Hausaufgaben und Prüfungen transportieren ließen, weil sie keine Lust zum Lernen hatten, waren ihm bereits vor Jahren zuwider geworden. Da seine Noten zu den Besten in der Klasse gehörten, hatten solche Figuren immer wieder versucht, sich seiner zu bedienen. Aber ebenso wie die keine Lust zum Lernen hatten, verspürte er auch keine Lust denen zu helfen. Ebensowenig, wie er den Forderungen seines Vaaters nachkam, der sich ebenfalls nur seiner bedienen wollte, nachdem er alt genug geworden war, um im Geschäft arbeiten zu können. Takeshi konnte sich nicht daran erinnern, dass sein Vater vorher jemals Interesse an ihm oder seinen Fähigkeiten gehabt hatte. Nur war er nicht mehr der kleine Junge, der sich alleine gelassen fühlte...
"Wir lebten in einer merkwürdigen Gesellschaft, Sakamato-san. Diese gestand uns nur wenige Jahre des rebellischen Geistes zu, bevor wir uns in das Gefüge eingliedern sollten", erwiderte er mit einer Spur von Belustigung in der Stimme. "Doch nun sind wir gestorben und erwachten in dieser Welt. Kein anderes Zuhause als die Schule, keine Eltern. Das Ganze ist wie eine Insel, auf die wir nicht einmal unsere Lieblingsbücher mitnehmen durften! Aber trotzdem haben einige Schüler die Erinnerung an ihr früheres Leben behalten..." Er veränderte seine Sitzhaltung leicht und beugte sich etwas vor.
"Wenn diese gebliebene Erinnerung nun die Basis dafür darstellen würde, dass diese Leute noch etwas unbedingt an sich verändern wollen. Wäre es dann nicht auch meine Pflicht, ihnen diese Möglichkeit zu geben?"