[Rika Sumiyoshi]
Tag 2 - 17:42 Uhr - Gelände der Schule - Laborraum
Rika sah das Verstehen in Yukikos Augen, obwohl etwas ihr scheinbar trotzdem noch nach hing. Wahrscheinlich war es wegen der Maßnahmen gegen aufdringliche Jungs.
"Was wir tun wollen... ka? Ne, Senpai... Weißt du, anfangs dachte ich wie Akuma-senpai. Dass diese Welt eine reine Hölle wäre, konzipiert um uns immer wieder den Tod durchleben zu lassen... Aber mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ne, vor meinem Tod war ich mehrere Jahre lang nicht ich selbst... Mir wurden Drogen und Medikamente verabreicht..."
Schlagartig verstand Rika einen Großteil von Yukikos zögerlicher Art. Man hatte sie wohl wie ein Werkzeug eingesetzt, dass zu bestimmten Anlässen nett heraus geputzt zu erscheinen hatte, um irgendwelche Bonzen bei Laune zu halten.
"Selbst zu handeln... Oder gar zu denken war mir völlig fremd. Ich hatte es einfach verlernt... Und als ich gestern in dieser Welt aufwachte, dachte ich nicht. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sich nichts geändert hatte. Dass ich einem weiteren Gefängnis gelandet bin. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich einfach nur sterben. Für immer mit allem abschließen und endlich Ruhe finden.
Aber jetzt? Trotz dieser Ibuki kann ich diese Welt kaum noch als böse empfinden. Selbst mit der Tatsache, dass man den Tod unendlich oft durchleben kann... Mir sträuben sich noch immer jegliche Härchen wenn ich daran denke, wie mir Ibuki einfach mal so das Genick gebrochen hatte. Ich erinnere mich noch genau daran, wie es sich anfühlte... Auch wenn es noch eine harmlose Art war zu sterben."
Auch ihre weiteren Ausführen vertieften diesen Eindruck. Rika konnte sich nur teilweise vorstellen, wie so ein Leben aussehen könnte. Ihr war ihr eigenes Denken und der freie Wille immer sehr wichtig gewesen. So wichtig, dass es kaum jemand verstanden hatte.
"Was ich damit sagen will... Ich weiß nicht, ob ich den Gott dieser Welt überhaupt gestürzt sehen will... Vielleicht klingt es komisch, aber trotz Ibuki, trotz Inugami-senpais Unverschämtheit, trotz meiner anscheinend völligen Unwissenheit was Verhalten an normalen Schulen angeht... Ernsthaft, es ist als würde ich in einer völlig anderen Gesellschaft leben, und trotz der Gefangenschaft in dieser Welt, war heute der glücklichste Tag seit sehr langer Zeit. Nicht zuletzt dank dir, Rika-senpai... Vielen Dank, dass du dich um mich kümmerst."
Ehrliche Freude durchströmte Rika bei diesem Bekenntnis. Viel zu selten hatte mal jemand so offen mit ihr gesprochen. Und das Yukiko ebenfalls nichts gewaltsam an dieser Welt verändern wollte, gab ihr auch ein gutes Gefühl.
"Jedenfalls hast du Recht, was die normalen Schüler angeht. Als ich heute in der Sporthalle war, hatten so viele Schüler ihren Spaß... Was auch immer wir tun, ich möchte nicht, dass diese Welt ein Ort wird, an dem sich das ändert. Ich möchte kein Kriegsgebiet kreieren, was sie in Gefahr bringt. Und ich habe im Gefühl, dass diese beiden genau das hervorrufen würden... Mir ist gar nicht wohl dabei, wenn ich mir das vorstelle."
Mit ihren abschließenden Worten rundete Yukiko das Bild noch etwas mehr ab. Rika hatte am heutigen Tag keine Nachforschungen wegen der anderen Schüler angestellt, da sie mit der Forschung viel zu sehr beschäftigt gewesen war. Aber Yukiko hatte noch ein paar Beobachtungen gemacht.
"Ich kann mir dein vorheriges Leben nicht mal ansatzweise vorstellen, Yukiko. Aber es freut mich, dass es dir ebenfalls heute Spaß gemacht hat. Solche Basteleien sind meine Leidenschaft und ich kannte kaum Personen, die daran auch so viel Spaß hatten. Ich habe meinen freien Willen immer als wichtigsten Bestandteil meiner selbst verstanden, deshalb kamen die Jungs da nicht so gut mit klar. Es wäre wahrscheinlich leichter gewesen, wenn mein Körper sich nicht so entwickelt hätte..." setzte Rika erfreut und gut gelaunt an. leider kamen bei ihren letzten Worten wieder die Bilder in ihren Kopf, was ihre Stimme leiser werden ließ. Sie riss sich entschlossen zusammen und drängte die Vergangenheit zurück.
"So weit ich es immer wieder vorgefunden habe, hat alles seine Regeln. So wird es auch in dieser Welt sein. Innerhalb dieser Funktion lassen sich bestimmte Freiräume ausnutzen, aber ich stimme dir zu, dass ein Kriegsgebiet oder mittelalterliche Inquisition nicht dazu gehören. Es wird einen Weg geben, den auch wir nicht Angepassten nehmen können. Leider werden wir nicht einfach danach fragen können, denn so einfach war es auch im Leben davor nicht. Mit den Mitteln für Tauschaktionen werden wir ohne jede Gewalt an Essensmarken kommen. Und es gibt bestimmt auch weitere, die friedliche Methoden vorziehen. Jedenfalls habe ich heute noch jemanden mit der Gabe gefunden, der mir bereits im Labor geholfen hat."
Rika schaute Yukiko direkt in die Augen.
"Ich finde, wir sollten uns die nächste Zeit möglichst still verhalten, was meinst du? Allerdings würde ich den Unterricht weiter meiden wollen, denn ich weiß noch nicht, ob und wie sich das auf den freien Willen auswirkt..."
[Takeshi Okamura]
Am steinigen Ufer entlang hatte es länger gedauert, als er oben auf den Wegen gebraucht hätte, aber nun war er über den steilen Pfad wieder hoch zum Wohnheim gekommen und hatte sein Zimmer erreicht.
Nach den letzten Erfahrungen wollte er mit diesem Programm, dass man ihm zur Verfügung gestellt hatte, noch ein paar Programme erstellen, die ihm mehr Unterstützung verschaffen würden. Takeshi hatte bei dem Zusammentreffen nicht nur die schmerzhafte Erfahrung einer durchstoßenen Leber gemacht, sondern auch die Tatsache verifiziert, dass einige der Schulschwänzer bewaffnet waren.
Die anderen Schüler durften nicht in irgendwelche Kämpfe hinein gezogen werden, so dass Takeshi sich selbst helfen musste. Er griff nach dem Buch und suchte ein paar Einträge, die ihm so etwas wie einen Lichtbrechungseffekt verschaffen konnten. Außerdem wäre etwas mehr Schutz auch notwendig, damit so ein Angriff aus dem Hinterhalt nicht noch einmal vor kam. In dieser Welt war er also wieder auf sich allein gestellt. Eine Erfahrung, die ihm keineswegs neu war.
Ibuki Nukui und Hayato Akuma setzte er für sich auf eine Liste mit dem Attribut gefährlich. Sie konnten zu einer Gefahr für die anderen Schüler werden. Takeshi hatte schon genügend wie diese kennen gelernt. Jester hatte sich auch nicht mehr blicken lassen, so dass Takeshi sich von nun an nur auf sich selbst verlassen würde. Dieses Buch mit dem Laptop würden seine Unterstützung sein.