Tag 36 – 13:33 Uhr – Verwaltungsgebäude – Speisesaal
Nach der Erkenntnis, dass seine Wahrnehmung manipuliert wurde, hatte Hagen auch sofort die Auswirkungen gespürt. Wer oder was auch immer seine Wahrnehmung überwachte reagierte mit einer Maßnahme, die ihn wahrscheinlich auch mit einem Flackern aus der Simulation heraus nahm.
Für ihn selbst war es so, als würde er in eine Art Traum verfallen in dem seine Umgebung nicht näher definiert war.
Aber der Druck, der auf ihn einwirkte, ließ plötzlich nach. Seine Gedanken konnten wieder klarer die Situation erfassen. Damit einher ging eine erste Wahrnehmung seiner tatsächlichen Umgebung. Dass diese Möglichkeit nicht von dem Steuersystem gewollt war, merkte er an den Impulsen die auf ihn einwirken wollten.
Sein gesicherter Bereich innerhalb seines Bewusstseins konnte die Eindrücke jetzt auch unterscheiden. Die künstlich erzeugte Umgebung des Speisesaal wurde eindeutig von außerhalb eingespielt, denn sie hatte durch die körperlichen Wahrnehmungen stark an Substanz verloren. Obwohl er noch lange nicht die Kontrolle über seinen Körper zurück gewonnen hatte, so funktionierten seine PSI-Sinne plötzlich wieder. Während der Körper sich ziemlich merkwürdig anfühlte, war sein Kopf schnell imstande die äußeren Einwirkungen abzublocken.
Mit seiner wieder einsetzenden Wahrnehmung erfasste er ein bekanntes Gedankenmuster in seiner direkten Umgebung. Milani war in seinem direkten Umfeld und scheinbar damit beschäftigt, ihn aus seiner derzeitigen Lage zu befreien.
Hagen bekam über sie einen Eindruck von der Umgebung und den aufrecht stehenden Zylindern, die mit Rohren, Schläuchen und Kabeln verbunden waren. Sie hockte wohl auf dem Zylinder, in dem er sich tatsächlich befand.
„Sie haben also tatsächlich an diesem System weiter gearbeitet!“ dachte er in jäher Erkenntnis, um was sich das Ganze um ihn herum handelte. Sie hatten die künstliche Beeinflussung des Bewusstseins also doch noch vollenden können. Trotz seiner Gegenmaßnahme hätte er sich alleine niemals aus dem System befreien können, da die drogenverursachte Blockade der Fähigkeiten dieses effektiv verhindert hatte. Jetzt waren die Schläuche aber abgetrennt und die blockierenden Drogen liefen außen am Tank herunter.
Damit waren die Kopfschmerzen, die sonst sofort einsetzten, auch gleich auf ein erträgliches Maß reduziert. Allerdings würden die Sensoren an seinem Körper bestimmt den beobachtenden Personen melden, dass er keineswegs mehr im Tiefschlaf war.
Hagen wusste, dass er wohl nur diese eine Chance bekommen würde, um aus dieser Anlage zu fliehen. Aus den Gedanken von Milani konnte er entnehmen, dass zumindest die Zeitangabe und das Datum den tatsächlichen Begebenheiten entsprach. Wahrscheinlich brauchte das System einen Teil der Wirklichkeit für die perfekte Täuschung.
Noch während seine Gedanken zu rasen begannen, nahm er eine weitere Präsenz in seiner Nähe wahr. Da die Drogen noch längst nicht abgebaut waren, konnte sie nur sehr dicht bei ihm sein. Das Gedankenmuster war irgendwie seltsam und kam ihm trotzdem doch vertraut vor.
Es dauerte einen Augenblick, bis er seine Eindrücke zuordnen konnte. Das Gedankenmuster hatte er bei den Leuten auf dem U-Boot zuletzt wahrgenommen. Dort ganz speziell bei den Personen, die von dieser schleimigen Masse bedeckt waren.
Hagen griff hinaus nach dem fremden Bewusstsein und nahm dadurch die Umgebung durch diese wahr. Eine schleimbedeckte Gestalt, die sich zwischen Leitungen und Zylindern bewegte. Ein bestimmter Zylinder war in deren Sichtfeld auf dem oben ein Mädchen hockte, dass sich mit Schläuchen und Leitungen beschäftigte.
Obwohl unter dem Schleim ein Mensch steckte, war das Gedankenmuster nicht rein menschlich. War das die wahre GLA? So musste es sich anfühlen, wenn man in einen Teil eines Gemeinschaftswesens hinein blickte. Hagen konnte keine Individualität in den Gedanken feststellen, obwohl es zielstrebig die Bedrohung der Planung anging.
Dieses Wesen hatte die klare Anweisung, das Mädchen auf dem Zylinder zu töten!
Hagen konnte sehen, dass Milani durch ihre Arbeit zu abgelenkt war, um die Gefahr wahrzunehmen. Und das Wesen war schon fast bei ihr angekommen.
Ob die Leute an den Überwachungsmonitoren die unterschiedlichen Fähigkeiten unterscheiden konnten, wusste er nicht, aber in dem Augenblick, in dem er den Teil seines Gehirns aktivierte, das für die Pyrokinese zuständig war, würden bei den die Glocken schrillen.
Hagen erfasste das Wesen und ließ die Kraft auf seinen Gedanken in das Wesen gelangen. Sofort begann die Temperatur des Wesens zu steigen. Die Gedanken ließen von dem Auftrag ab, als die ungewöhnliche Veränderung registriert wurde. Aber für das Wesen war es da bereits zu spät!
Die schleimige Masse begann zu dampfen, als die Temperatur auch sie beeinflusste, um dann zusammen mit dem ganzen Körper in Flammen aufzugehen.
Die erzeugte Energie ließ eine brüllende Flammensäule bis an die Decke der Halle aufragen, die selbst im weiter weg liegenden Kontrollraum gesehen werden konnte. Das Wesen selbst spürte sein Ende nicht mehr kommen, denn die Entwicklung war zu schnell.
Milena blickte erschrocken auf, als so plötzlich eine Flammensäule neben ihr auftoste. Sie konnte noch den Umriss des Wesens für einen kurzen Moment erkennen, bevor dieses in der Hitze zu Staub zerfiel. Für einen kurzen Moment schlug ihr die heiße Luft entgegen, aber da fiel die Säule auch schon wieder in sich zusammen.