[Rika Sumiyoshi]
Tag 3 – 09:01 Uhr – Gelände der Schule - Schulgebäude A - große Treppe
Die Situation war irgendwie Filmreif. Eine kleine Gruppe von Jugendlichen blickte auf die Leichen von ein paar Mitschülern, die auf recht blutige Art und Weise aus dem Leben gerissen worden waren. Das Nullachtfünfzehn-Rezept bei Horrorfilmen, die viele ganz gerne mal schauten.
Rika kam dieser Gedanke beim ersten Blick auf die Szenerie, aber dies war eben kein Film. Allerdings war es auch nicht mehr die Welt, die sie kannten. Denn die beiden Toten würden in einer bestimmten Zeit wieder regeneriert zum Leben erwachen.
Yukiko hatte kurz auf die ganze Szene geschaut und war dann bis zum ersten Absatz hinunter gelaufen. Da auch Nukui-san losgelaufen war, obwohl sie eher den Eindruck erweckte, sie wolle ganz woanders sein, folgte Rika den Beiden.
Yukiko hielt sich nicht lange mit Schauen auf sondern versuchte den Körper von Inugami-san anzuheben. Da Rika in der Werkstatt schon ein paar schwere Bauteile hatte bewegen müssen, war ihr die Sinnlosigkeit des Einzelversuches sofort klar.
"Würdest du mir mit Kenichi helfen? Wir müssen sie in Sicherheit bringen, falls der Schülerpräsident wieder auftauchen sollte." wandte sich Yukiko an Rika, als sie selbst gemerkt hatte, dass es keinen Sinn hatte. Sie nickte bestätigend und trat auf die andere Seite.
"Hayato-senpai, würdest du Leo-sans Körper nehmen? Bitte? Sobald wir sie in Sicherheit gebracht haben, können wir... besprechen was all dies bedeutet." vereinnahmte sie auch gleich Akuma-san, der noch immer zu ihnen hoch schaute. Dieser setzte sich in Bewegung und kam auf sie zu.
Nukui-san machte sich selbst an Leopold-san zu schaffen und lehnte den Einsatz von Akuma-san rundweg ab. Rika überlegte, ob sie wirklich so stark war, dass sie einen Körper alleine über eine längere Strecke tragen könnte. Allerdings schien sie ihre eigenen Ziele zu verfolgen, was die nächsten Worte aus ihrem Mund nur verdeutlichten:
"Püppchen, wo willst du die beiden denn überhaupt unterbringen? ich hab mir gedacht, wir könnten sie in Leos Zimmer unterbringen. Ich war da schon drin, ist sehr geräumig und dürfte für die beiden genug Platz haben. Außerdem müssen wir nicht die ganze Nacht in der Schule bleiben, wenn es doch länger dauert, bis sie wiederbelebt werden. Und wir wissen nicht, wo der Kurze sein Zimmer hat, was bedeutet, dass die beiden sonst nur bei einem von uns untergebracht werden könnten, wofür ich mich ebenfalls bereit erklären würde."
Das sie sich mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit während des Sprechens den Schlüssel des Jungen aus dessen Hosentasche geholt hatte, ließ Rika mit einem Arm von Inugami-san in der Hand verharren.
Das meinte sie doch nicht ernst, oder?!
Einfach so in das Jungenwohnheim gehen? Rika mochte sich das nicht einmal vorstellen. Mal abgesehen davon, dass sie zwei Körper ganz den Berg hoch bis zum Wohnheim schleppen wollte.
Sie packte wieder fester zu, da Yukiko am anderen Arm noch versuchte, den Körper vom Boden hochzuziehen. Gemeinsam schafften sie es, den schlaffen Körper an der Betonbrüstung aufzurichten.
"Ich werde bestimmt nicht in das Zimmer eines fremden Jungen gehen!" sagte sie dann laut genug, dass es sogar Nukui-san mitbekommen musste. "Warum sollten wir sie so weit tragen? Dabei wird man uns nur sehen!"
[Hayato Akuma]
Als er am oberen Ende der Treppe Yukiko auftauchen sah, verrauchte sein Zorn auf den Schülerratspräsidenten etwas. Sie blickte zu ihm hinunter und nickte kurz, in dem Einverständnis, sich bei den Körpern zu treffen. Während die anderen von oben einen kürzeren Weg bis zum ersten Absatz hatten, stieg er die Treppe wieder hoch.
Das Yukiko ihn wegen Leo ansprach und kurz darauf die Zicke sich selbst an ihm zu schaffen machen wollte, erreichte ihn noch auf dem Weg nach oben.
Den Jungen, der mit den Mädchen gekommen war, hatte er gestern Abend auf der Brücke gesehen. Er war scheinbar auch seiner Selbst bewusst. Als das Biest ihren Vorschlag mit dem Zimmer von Leo machte, glaubte sich Hayato verhört zu haben.
Hatte dieser Trottel ihr tatsächlich seine einzig verbliebene Zuflucht in dieser Hölle nach dem Leben einfach gezeigt? Diese Ausländer waren in mancherlei Hinsicht so sprunghaft, als würden sie ihre Privatsphäre überhaupt nicht schätzen. In einer Welt, wo etwas Platz für einen selbst schon fast Luxus war, würde man nicht so leichtfertig damit umgehen.
In dieser Hölle nach dem Leben war es fast genau so ein Luxus, sich an einem Ort einigermaßen sicher zu fühlen. Und dieser Dummkopf hatte der Gifthexe seinen Rückzugsort einfach gezeigt!
Das die sich hier überhaupt aufhielt, konnte nur damit zusammenhängen, dass sie sich noch weitere Leute beschaffen wollte. Nachdem sie Leo so einfach eingesammelt hatte, würde Hayato ihr nicht noch mehr überlassen. Schließlich konnte er nicht alleine gegen Gott vorgehen, um aus dieser Welt zu entkommen.
Während die Rothaarige scheinbar der japanischen Gesellschaft so weit verwachsen war, dass sie es ablehnte, auf das Zimmer eines fremden Jungen zu gehen, zeigte sie auch noch eine weitere Schwachstelle in dem Plan der Zicke auf.
Sie hatte sich bestimmt gut überlegt, warum sie gerade Leos Zimmer vorgeschlagen hatte, aber sie hatte bestimmt nicht bedacht, dass sie ihn erst einmal ganz dorthin tragen musste! Als Hayato auf dem Absatz ankam, hatte sie Leo schon umgedreht und machte Anstalten, ihn sich aufzuladen.
Hayato trat dicht an sie heran, damit die anderen ihn nicht hörten.
"Vergiss es, Sonnenschein!" flüsterte er ihr zu. "Was auch immer du planst, wird so nicht laufen!"