[Rika Sumiyoshi]
Tag 3 – 09:55 Uhr – Gelände der Schule - Gemüsegarten (14) - Agrargebäude
Rika hatte die Bemerkung von Miss "Eisenhart" nicht so interessant gefunden, wie ihren leicht verkniffenen Blick auf den Aushang. Für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, als hätte das Mädchen Probleme mit dem Lesen. Noch während sie diesen Gedanken verfolgte ergriff Ishiguro-san das Wort.
Im ersten Moment erinnerte sie sich daran, dass sie ihn im Krankenzimmer wegen des Vorfalles auf der Treppe hatte stehen lassen. Für einen Augenblick hörte sie in der Erinnerung die Stimme ihrer Großmutter, die sie ermahnte es gegenüber anderen nicht an Aufmerksamkeit und Höflichkeit mangeln zu lassen. Aber der Junge redete bereits fleißig weiter...
Im nächsten Moment war die mangelnde Höflichkeit vergessen und sie wollte ihm eher einen Takt mit der Maschinenpistole verpassen. Doch er war längst noch nicht fertig.
Es war eine ziemliche Talfahrt der Gefühle, die Rika mit jedem Satz von Ishiguro-san erlebte. Was bildete der sich nur ein? Er tat gerade so, als wären sie schon seit Ewigkeiten in dieser Welt, dabei waren sie gerade mal einen Tag länger da. Als er am Schluss dann noch eine Bemerkung an Miss "Eisenhart" richtete, erinnerte sie sich an ihren eigenen Eindruck. Allerdings wäre sie niemals auf die Idee gekommen, es wie ein Dozent vor allen anderen herauszustreichen.
Kaum das er fertig gewesen war, hatte Yukiko ihn schon einmal angepfiffen. Und während sie eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse weiter gab, hatte Rika Zeit die Gesichter der anderen zu beobachten.
Akuma-san wirkte noch verschlossener als vorher, wollte aber auch den Redefluss von Yukiko nicht unterbrechen. Allerdings hätte er wahrscheinlich auch nur ein paar bildhafte Ausdrücke verwendet, um zu umschreiben wohin sich Ishiguro-san seine Meinung schieben könnte.
Rika bemerkte, dass Yuki den Part mit dem Erschaffen nicht in ihre Aufzählung einfließen ließ. Außerdem hatten sie beide bislang auch keinen Ton von der geplanten Tauschaktion ausgeplaudert, was Rika auch vorerst so beibehalten wollte.
"Das sollte das Wichtigste gewesen sein. Falls ich etwas vergessen haben sollte, könnt ihr mich gerne ergänzen oder verbessern." kam Yuki schließlich zum Abschluss ihrer zweiten Ansprache.
Sie waren inzwischen über den Beginn der Pause hinweg, aber hier im Agrarbereich bemerkte man davon nichts. Dass sich die Kamikazeterroristin bislang nicht eingemischt hatte, schien auch bei ihr an einer Form von Fassungslosigkeit zu liegen.
"Es mag ja harsch erschienen sein, Ishiguro-san, dass sich bislang niemand die Zeit genommen hat, dir deine Fragen zu beantworten. Allerdings drängt sich mir die Frage auf, weshalb du der Meinung bist, dir stünde eine vollständige Aufklärung zu", musste Rika dann erst einmal ihrer Stimmung Luft machen. Es kam ihr immer noch so vor, als wäre eine fremde Person an eine Klasse auf Schulausflug herangetreten und hätte gefordert, alle Zusammenhänge des Klassenverbundes zu erfahren. Vielleicht war sie auch einfach nur wütend, dass er sie so vertraulich angesprochen hatte.
Tatsächlich hatte Yukiko wohl zum ersten Mal die Erfahrungen der letzten beiden Tage zusammengefasst, so dass alle es einmal hörten.
"Außerdem ist die grundsätzliche Annahme, dass der Schülerratspräsident hier nur rumschleicht, um uns abzumurksen, schlicht falsch!" stieg sie dann zu einem anderen Punkt um, damit ihre innere Wut sie nicht zu viel anderes ausplaudern ließ. "Er hat bislang nicht angegriffen, wenn wir innerhalb der Regeln gehandelt haben. So zum Beispiel beim Essen. Oder auch bei dem Angriff von Leopold-san auf Inugami-san. Deshalb sollten wir wirklich warten, was die beiden zu sagen haben, anstatt einfach Behauptungen aufzustellen!"
Sie wandte sich Nukui-san zu.
"Auf keinem Fall wäre es der richtige Weg, sich mit Gewalt Zugriff verschaffen zu wollen, denn dann reagiert er auf jedem Fall aggressiv!"
[Hayato Akuma]
Nachdem er schon mit dem anderen Jungen hier schweigend herumgestanden hatte, ergab sich auch weiterhin keine Möglichkeit, sich einmal sinnvoll einzuschalten. Hayato fand es schon eine ziemliche Nummer, dass der Typ hier über zwanzig Minuten neben ihm wie ein Zaunpfahl gestanden hatte, um dann auf einmal den Redefluss zu bekommen.
Und dann machte er mit seiner komischen altmodischen Sprache auch noch Andeutungen, als wäre jeder hier im Raum verpflichtet, sich zum Wohl aller anderen zu öffnen und einzubringen. Außer welcher Welt kam der Typ nur? Sein komischer Appell in Hayatos Richtung ließ ihn nur noch weniger Lust verspüren überhaupt etwas zu sagen.
Irgendwie waren hier einige Leute so was von weltfern, dass es eigentlich wehtun musste. Die Zicke blickte auch mit einer gewissen Ungläubigkeit von einem zum anderen. Hayato sah eine mögliche Zusammenarbeit noch immer nur unter schwierigen Verhandlungen möglich. Auf keinem Fall wollte er hier als Frontmann für jemanden die Zielscheibe spielen.
Als die Rothaarige dann auch noch davon anfing, dass der grünäugige Teufel doch gar kein Monster sei, wollte er im ersten Augenblick wütend aufbrausen, aber dann standen die Bilder der letzten Begegnung wieder vor seinen Augen. Obwohl er ihn gestern Abend angegriffen hatte, war der Höllenwächter ihm gegenüber nicht aggressiv geworden. Obwohl Hayato ihn angegriffen hatte, war er nicht von dieser seltsamen Waffe nieder gestreckt worden.
Nicht das er dem Typen irgendwas verzeihen wollte, aber könnte es möglich sein, dass er nicht der Drehpunkt in dieser Welt war?