Nachdem die Schülerinnen und Schüler die ersten Tage auf der Insel hinter sich gebracht hatten, begannen sie sich langsam im Tagesablauf der Akademie einzuleben. Mit den Tagen wurde es ein Umgang, wie in anderen Internaten auch. Bekanntschaften wurden zu Freundschaften ausgebaut und in der Freizeit gepflegt. Nachdem einige der Freizeitbeschäftigungen um das Funhouse ihren ersten Reiz verloren hatten, gründeten einige Gruppen im Rahmen ihrer Interessen dann erste Clubs, wo gemeinsam musiziert oder diskutiert wurde. Viele Dinge integrierten sich in diesen Tagesablauf mit ein, wie zum Beispiel diese neuen Clubaktivitäten. Nach dem Unterricht folgte das Training der Fähigkeiten und im Anschluss daran kamen die körperlichen Übungen, teilweise verbunden mit Kampfsport für Interessierte. Viele blieben wegen der militärischen Nutzbarkeit der Ausbildungsprogramme skeptisch über die tatsächlichen Ziele. Die Befürchtung, dass man hier zu einem Killer erzogen werden sollte, verblasste bei dem ganzen Training zwar nicht ganz, aber niemand wurde beispielsweise zum Waffeneinsatz gezwungen. Somit fanden sich eigentlich alle mit der Situation ab.
Die Fähigkeiten der Einzelnen begannen sich weiter zu entwickeln, je öfter sie von ihnen angewendet wurden. So kamen viele auf der Insel zu dem Schluss, dass man diese Fähigkeiten auch überall da einsetzen konnte, wo es nicht gerade explizit verboten war.
Innerhalb der ersten Woche wurden daraufhin fliegende Menschen oder schwebende Tabletts zu einem alltäglichen Anblick, an dem niemand mehr Anstoß nahm. Telekinetische Duelle um die letzten Leckereien bei den Mahlzeiten wurden im fairen Rahmen ausgeführt, oder auch Becker, die selbst zum Tresen flogen und sich selbst füllten. Man gewöhnte sich einfach daran, dass andere ihre Fähigkeiten überall einsetzten. Auch wenn einige es mehr zu ignorieren schienen!
Da auch während dieser Zeit keine neuen Schüler in die Akademie kamen, waren auch die Informationen von der Außenwelt recht gering geworden, was aber den meisten gar nicht wirklich aufgefallen war. Die Schülerschaft begann sich aufeinander einzuspielen.
Mit dem Umgang der Fertigkeiten und deren Verbesserung bei den Einzelnen wurden auch die Kombinationsmöglichkeiten den Anwendern immer bewusster. Schon in den Trainingseinheiten begannen einige immer öfter zusammenzuarbeiten. Spitznamen wie „Batterieschwestern“ oder „Eiswind“ fanden dabei ihren Ursprung. Der Begriff Pentagramm war allen geläufig, aber noch hatte ihnen niemand gezeigt, was es tatsächlich mit dieser besonderen Form der Verbindung auf sich hatte. Doch je mehr Kräfte sich ergänzten, desto besser wurde auch die Vorstellung, was sich hinter den Begriff Pentagramm verbergen konnte. Es wurden immer neue Experimente durchgeführt. Wobei die spielerische Leichtigkeit langsam Spuren von Übermut zu zeigen begann.
Tag 19 – 30.04.2010 - Gelände der Akademie - Freigelände
Ryu hatte diese ewige Unentschlossenheit bei den Verbindungen langsam satt! So langsam wurde es Zeit für eine vernünftige Verbindung zu einem Pentagramm! Sein Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, als er auf die anderen Schüler zulief. In seinem Kopf hatte er schon eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern ausgewählt, die eine ausgewogene Kombination darstellten. Da sie sich gerade auf dem Freigelände befanden, musste er die verschiedenen Personen wohl selbst zusammenholen. Die weißhaarige Fumiko Yoshida gehörte mit ihrer Intelligenz und den Fähigkeiten zu den von Ryu ausgewählten Personen.
„Komm mit, wir zeigen diesen Jammerlappen mal, wie eine vernünftige Verbindung auszusehen hat!“ forderte er Fumiko auf und ergriff gleichzeitig ihren Arm. Auf das wütende Aufblitzen in den Augen ihres Bruders achtete er dabei nicht.
Dieser eingebildete Junge meinte sich hier auch noch so aufspielen zu müssen! Ohne eine bewusste Anstrengung setzte Isamu seine Fähigkeit ein, als Ryu nach seiner Schwester Fumiko gegriffen hatte. Die Projektion eines Alptraumes in den Kopf des anderen würde diesen schon lehren, dass man nicht ungestraft nach seiner Schwester griff! Die Suggestitionskraft des Jungen projizierte einen gespeicherten Alptraum direkt in das Bewusstsein des Anderen. Ganz deutlich sah Isamu, wie sich die Augen bei Ryu weiteten. Aber nicht der Ausdruck von Angst überzog sein Gesicht! Nach einem kurzen Moment der Überraschung breitete sich ein bösartiger Ausdruck darauf aus.
Der unterdrückte Teil von Ryu nutzte die ausgelöste Verwirrung, um sich innerhalb des Bewusstseins freizusetzen! Seine pyrokinetischen Kräfte wurden schlagartig verfügbar! Kasumi, die den Wechsel des Gesichtsausdruckes bei Ryu bemerkt hatte, eilte ihm zu Hilfe. Robert Craven, der sich wegen Kasumi Sorgen machte, folgte ihr. Der unterdrückte Teil von Ryu nutzte die Bereitwilligkeit von Kasumi und riss sie in einer Verbindung, die er auch gleich Robert Craven aufzwang. Auf der Gegenseite entstand eine kleine Verbindung, bei der eine sehr starke Abwehr durch die Geschwister Yoshida aufgebaut wurde.
Mit Ryu in der Mitte baute sich eine Verbindung auf, deren Nahbereichsabwehr durch Robert gesichert wurde und bei der Kasumi sich ganz auf Ryu konzentrieren konnte. Ob ihrer Sichtweise auf den Jungen bemerkt sie die Veränderungen in seinen Augen nicht, als das Schlummernde sich gewaltsam die Oberhand verschafft hatte. Das andere Ich von Ryu griff trotzdem auf die Verbindung der Geschwister zu, um diese ebenfalls zu integrieren. Dabei führten die Suggestitionen von Isamu nur zu einer Stärkung des unterdrückten Teils von Ryu, der um die Kontrolle seines Körpers kämpft.
Im nächsten Moment entsteht ein Feuerball, der durch die Windmauer nur noch stärker aufgeheizt wird. Kasumi kann nur die Schwester greifen und vor der furchtbaren Hitze schützen, während die beiden Jungen zu Asche zerfallen. Als Ryu seine dunkle Seite wieder unter Kontrolle bekommen hatte, stand er in einem total verbrannten Kreis, an dessen Außenrand noch immer Gras brannte. Die beiden Mädchen wurden von Robert mit einem Windstoß aus dem Feuerball geschleudert, so dass sie außerhalb dieses Kreises lagen.
Schülerinnen und Schüler in der ganzen Umgebung standen noch wie erstarrt, während Franka Milagrosso und Heitani Ichiru auf den Ort des Geschehens zu rannten. Erst in diesem Augenblick wurde vielen klar, in welch kurzer Zeit dieses Ereignis abgelaufen war. Es war nicht einmal eine Minute vergangen, seit Ryu den Arm von Fumiko gegriffen hatte. Wie ein warmer Hauch strich ein Teil der thermischen Energie des Ausbruchs noch über die Gesichter der Umstehenden. Franka untersuchte schnell die beiden Mädchen, während Heitani langsam auf Ryu zuging. Dieser bewegte sich gar nicht und schien mehr nach innen konzentriert zu sein.
Einige der Telepathen hatten Probleme, da die letzten Gedanken der beiden Jungen recht intensiv gewesen waren. Erst jetzt schlich sich das Erkennen um das gerade Passierte in die Köpfe der Anwesenden. Ryu blickte Heitani mit beschämten Augen an, da sein innerer Kampf vorerst wieder entschieden war. Ohne ein Wort ließ er sich vom Platz bringen.
Franka hatte die Sanitäter bereits gerufen und blieb bei den bewusstlosen Mädchen. Andere Ausbilder übernahmen es, die übrigen Schülerinnen und Schüler zu betreuen.
Kasumi und Fumiko überleben diesen Ausbruch, aber Kasumi lag aufgrund der Anstrengung im Koma. Um ihr die nötige Zeit zu verschaffen, wird dieser Zustand künstlich auf eine Woche verlängert. Fumiko Yoshida muss ebenfalls in ärztliche Behandlung, hat aber mehr mit dem Verlust ihres Bruders zu kämpfen. Sie hält sich nach dem Vorfall sehr zurück und kapselt sich innerhalb der Schülerschaft ab.
Ryu selbst zieht sich nach diesem Ereignis erst einmal zurück, da seine dunkle Vergangenheit wieder zum Vorschein gekommen ist. Vom Schulunterricht befreit ist er dann bei der Absicherungsgruppe der Insel eingesetzt und Patrouilliert. Außer der Direktorin bekommt ihn kaum jemand von den Schülern zu sehen!
Die auf diesen Vorfall stattfindende Untersuchung brachte die Umstände ans Licht, dass es eine psychische Instabilität gewesen war, die durch den Suggestivangriff zu diesem Unfall geführt hatte!
Durch dieses Ereignis war aber auch allen die Möglichkeit einer größeren Verbindung vor Augen geführt worden. Die Macht einer Verbindung wurde dargestellt, so dass auch andere Schüler sich in solchen Zusammenschlüssen probieren. Allerdings ist jetzt die Frage des gegenseitigen Vertrauens zu einer entscheidenden Grundlage geworden. Niemand wollte einen weiteren Vorfall riskieren, indem er jemand anderen zu einer Verbindung zwang.
Nachdem die Schülerinnen und Schüler ihren Schrecken vor dem Ereignis überwunden haben, und die auslösenden Hintergründe ihnen bewusst geworden sind, ging auch das Gewaltpotential zwischen ihnen zurück. Die Demonstration der möglichen Kräfte hat einen neuen Umgang mit den Fähigkeiten ausgelöst. Die teilweise Sorglosigkeit ist verschwunden und hat zu einem mehr verantwortungsvollen Umgang geführt.
Die gegenseitige Akzeptanz ermöglicht es vielen, eine harmonische Verbindung mit anderen einzugehen. Doch die tatsächliche Bildung eines Pentagramms ist auch weiterhin nicht gelungen.
Die Ausbilder hatten die verschiedenen Aspekte mit ihren Gruppen durchgesprochen. In den Experimenten war es dann auch schnell klar geworden, dass in einer großen Verbindung eine klare Hierarchie benötigt wurde, da bei dem Durcheinander der einzelnen Persönlichkeiten und ihrer eigenen Ziele und Vorhaben keine koordinierte Vorgehensweise möglich war. Meist führte dies dazu, dass die Verbindung auseinanderfiel, weil es keine Einigkeit der Individuen gab. Der Aufbau der Verbindung war leicht, aber das gezielte Handeln der verbunden Individuen und der gezielte Einsatz von Fähigkeiten aus dem Verbund heraus bei einer simulierten Bedrohung innerhalb der Kuppel gelang nur bei kleinen Gruppen. Sobald mehr als zwei Individuen eine Verbindung eingingen, kam es aufgrund der Uneinigkeit in der Vorgehensweise zu einem völligen Versagen. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei festgestellt, dass es kaum jemanden mit der Eignung zum Koordinieren eines Pentagramms unter ihnen gab.
Neben vielen anderen Tätigkeiten begannen sie in ihren Reihen zu suchen, ob es jemanden gab, der dieses konnte. Trotz des unglücklichen Ausgangs der Verbindung war bislang nur Ryu zu einem gezielten Handeln einer Gruppe fähig gewesen. Mit ihm wollte es derzeit aber niemand versuchen und auch er selbst hielt sich von jeder Verbindung und auch den Schülerinnen und Schülern fern. Doch auch unter Freunden ließen sich ob der Individualität des Einzelnen keine geeigneten Koordinatoren finden.
Auch am Morgen des 25. Tages auf der Insel hatte sich noch niemand angefunden…