[Yukiko Sakamato]
16:11 Uhr - Bibliothek (13) - Empfangshalle
Rika legte Yukiko die Hand auf die Schulter und drückte leicht zu. Ihre erste Reaktion war ein schwaches Zusammenzucken, doch dann entspannte sie sich sofort wieder und genoss die Wärme hinter dieser kleinen Geste.
Sie wollte gerade auf Rikas Vorschlag in den Park zu gehen eingehen und ihn bejahen, um ihr dort von ihrem Treffen mit dem Schülerpräsidenten und dem fehlgeschlagen Brötchenklau zu erzählen, als Leo zu ihnen stieß. Sofort als sie das registrierte, drehte sie sich von ihm weg und wischte sich hastig mit den Handrücken über die Augen, um die letzten Tränen zu bekämpfen. Sie unterdrückte ein weiteres Schluchzen und schaffte es irgendwie den Tränenfluss zu stoppen. Zwar waren ihre Augen noch immer feucht und gerötet und ihre Wangen brannten Rot vor Scham. Trotzdem sah sie Leo wieder an und hörte seiner Erklärung zu.
''Ich möchte mich bei euch Beiden entschuldigen! Bei dir Sumiyoshi-san, weil ich immer so nerviges und kleinkindliches Verhalten an den Tag legte, und bei dir Sakamato-san für mein sehr aufdringliches Verhalten!", sagte er. Darauf schlich sich ein schwaches Lächeln auf Yukikos Lippen, das sie Rika zuwarf. Am liebsten hätte sie ihr jetzt "Siehst du? Er ist kein schlechter Kerl. Nur ein wenig tollpatschig", gesagt. Aber sie behielt es bei sich und wandte sich stattdessen wieder Leo zu.
"Keine Sorge, Leo-san. Du brauchst dich bei mir nicht zu entschuldigen. Ich habe schon bedeutend schlimmere Männer erlebt", sagte sie.
Sie freute es, dass er wieder zu seinem anfänglichen Ich zurückgefunden hatte. Allerdings waren ihre Gedanken noch wo anders, als dass sie dies voll und ganz zeigen konnte. Vielleicht war das auch besser so, damit er keinen falschen Eindruck bekam.
Jedenfalls entschieden sie sich dazu die Bibliothek zu verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Park trennten sie sich wieder und zusammen mit Rika ging Yukiko zu dem Mädchenwohnheim. Dort angekommen leistete das Informationssystem seine Arbeit und verriet Yukiko wo sich ihr Zimmer befand. Sie fand diese Art der Übermittlung noch immer mehr als gruselig, auch wenn ihr bewusst war, dass sie dieses akzeptieren musste. Sie glaubte kaum, dass es die letzte Injektion von Informationen in ihr Hirn gewesen war.
Da sie einige Klassen unter Rika war, trennten sich nun auch ihre Wege. In ihrem Zimmer angekommen wurden all ihre Erwartungen zerschlagen. Zu ihren Lebzeiten war sie trotz ihrer Abstammung traditionell japanische Behausungen gewöhnt gewesen. Nur wenn sie im Ausland waren, hatten sie Villen im westlichen Stil besucht. Deswegen hatte sie ein Zimmer mit einem Wandschrank, einem niedrigen Schreibtisch, einem Bett und sonst nichts erwartet. Doch erstaunlicherweise war davon nichts zusehen. Die Einrichtung widersprach ihren Erwartungen mit einem westlichen Stil völlig. Nach einem verblüfften Blinzeln, ließ sie die Tür ins Schloss fallen und schaute sich verunsichert um, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Anstatt ihrer Erwartungen, schienen ihre Wünsche als 12 jähriges Kind bei der Erschaffung dieses Zimmers als Vorlage gedient zu haben. Und wie viele kleine Mädchen hatte sie damals Herzen, die Farbe Pink und Schmetterlinge furchtbar toll gefunden, was sich direkt im Farbschema wiederfand.
Die vorherrschende Farbe der Wände war ein helles Pink, der massive aber dennoch elegante Kleiderschrank war in einem angenehmen Himmelblau angestrichen, ebenso wie der Schreibtisch, der direkt vor einem Fenster mit rosa angehauchten Gardinen mit eingestanztem Schmetterlingsmuster stand. Rechts und links daneben waren gleichfarbige Bücherregale an der Wand angebracht. In der hinteren rechten Ecke des Raums stand das Bett, mit seinem weißen Gestell, rosa Decke mit Herzmuster, dazu passendem Kopfkissen und einem guten halben Dutzend roter und pinker Herzchenkuschelkissen.
Vor dem Bett am Boden reichte ein flauschiger rosa Teppich bis zum Schreibtisch und bedeckte damit einen Großteil des Parkettbodens.
In Yukiko erzeugte dieser Anblick wechselnde Gefühle. Zuerst war sie einfach nur völlig verdutzt, dann ungläubig und dann beschämt, was sich darin zeigte, dass sich die Farbe ihrer Wange der des Teppichs anpassten.
"Ich bin doch keine 12 mehr! Hättest du nicht etwas passenderes aussuchen können, Gott??? Oder auch wer immer du bist?!", zischte sie fassungslos.
Sie zog sich ihre Schuhe aus und sah sich das Zimmer genauer an. Doch ihre Hoffnung, dass es nur ein Scherz gewesen war, erfüllte sich nicht. Nichts veränderte sich vor ihren Augen. Alles blieb rosa, pink und kindlich. Mit einem resignierenden Seufzen setzte sie sich auf ihr Bett. Immerhin überraschte sie die Matratze sie angenehm. Sie war genauso weich, wie die teuren Designerdinger, die sie gewohnt war.
Während sie Druck auf sie ausübte, um sie zu testen, verrutschte die Decke und gab den Blick auf zwei lange Stoffohren frei, die neben dem Kopfkissen lagen. Ihre Augen weiteten sich ein weiteres Mal, als sie mit zitternden Händen die Decke weiter zurück schlug und einen Stoffhasen damit enthüllte. Sofort spürte sie wie die Tränen wieder hoch kamen.
"Joshi..." flüsterte sie geistesabwesend, während sie den Hasen in die Hände nahm und ihn an sich drückte. Ihr Vater war immer strikt gewesen und hatte ihr nicht erlaubt sonderlich viele Spielzeuge zu besitzen. Deswegen hatte sie eines, ihren Stoffhasen, besonders lieb gewonnen. Sie hatte sogar mal eine Phase, wo sie ihn überall mit hingenommen hatte und ihr Vater musste das zulassen, weil sie sonst nur am weinen gewesen wäre. Als sie dann jedoch 12 wurde und sie erwachsener werden musste, hatte ihr Vater ihr Joshi als Bestrafung für ihr Verhalten gegenüber einem Sohn einer anderen einflussreichen Familie abgenommen. Und danach hatte sie ihn nie wieder gesehen, obwohl ihr Vater versprochen hatte ihn zurückgeben, wenn sie das wieder gut gemacht hätte.
Sie drückte den Hasen noch ein Stückchen fester an sich und sah sich noch einmal durch ihre feuchten Augen im Zimmer um. Vielleicht war es doch gar nicht schlecht. Nur würde sie niemals die anderen freiwillig zu sich einladen. Das wäre viel zu peinlich.
Liebevoll platzierte sie den Hasen wieder neben ihrem Kissen und deckte ihn wieder zu. Dann legte sie sich auf das Bett und begann ihre ausgeliehenen Mangas zu lesen.
Nach einigen Stunden warf sie einen Blick auf das kleine Nachtschränkchen direkt neben dem Kopfende des Betts und stellte erstaunt fest, dass es schon fast elf Uhr war. Sie gähnte und legte den dritten Mangaband beiseite. Sie wollte nicht schlafen. Denn ihr war klar, was in ihren Träumen geschehen würde. Und das machte ihr Angst.