Beiträge von Ryoki

    [Ryan]


    Verdutzt blieb Ryan bei ihrer Reaktion stehen und blinzelte sie überrascht an. Sie klammerte sich an seine schmutzige Hose und sah ihn flehend an. Was hatte er getan, um ihr Vertrauen zu erhalten? Eigentlich gar nichts. Die Wahrheit war wohl eher, dass die restliche Gruppe mittlerweile eher schlecht auf ihn zu sprechen war. Aber das war er gewöhnt. So ist er schon immer gewesen und er plante das auch nicht zu ändern. Niemand zwang sie auf ihn zu hören und er hatte nicht vor Konsequenzen zu ziehen, falls sie seine Ratschläge, die er bewusst als Befehle formuliert hatte, ausschlagen würden. Das hätte er früher getan, aber nicht mehr.


    "Du.. Du lässt mich aber nicht allein oder?!", fragte sie plötzlich und warf ihn damit erneut aus der Bahn. Bilder blitzten vor seinem geistigen Auge auf und für einen Wimpernschlag fühlte er sich von Schuldgefühlen überwältigt. Doch so schnell sie gekommen waren, verschwanden sie auch schon wieder. Dieses Mädchen war nicht seine Schwester.
    Er kniete sich vor ihr hin und musterte sie gründlich. Dann sagte er ernst:
    "Ich kann dir nichts versprechen, denn ich bin kein Lügner. Wir werden noch einige Aufgaben und Rätsel überstehen müssen, bevor wir hier herauskommen. Vielleicht werde ich dich alleine lassen müssen. Vielleicht wird es Situationen geben, in denen ich machtlos bin. Aber ich gebe dir mein Wort, dass ich alles tun werde, damit dir nichts zustößt. Und wenn ich dich alleine lasse, dann nur weil es für dich sicherer ist. Wenn das passiert musst du tapfer sein und dich an die anderen halten, bis ich zurückkomme. Und ich werde auf jeden Fall zurückkommen."
    Er fuhr ihr sacht über die Wange und lächelte:
    "Es ist in Ordnung, wenn du dich nicht in Gefahr begibst. Halt einfach deine Augen offen, streng dein Köpfchen an wenn es erforderlich ist, bleib immer bei einem von uns und handele nicht vorschnell. Dann bist du eine größere Hilfe als unserer meditierender Buddha."
    Beim letzten Satz zwinkerte er ihr zu und stand dann wieder auf. Doch plötzlich ertönte ein dumpfes Hämmern. Es kam aus dem Wintergarten, was bei Ryan sofort die Alarmglocken schrillen ließ.
    Diesmal hielt er ihr seine Hand einfach nur hin und fragte auffordernd, aber mit einem beruhigenden Unterton:
    "Kommst du? Scheint als wär etwas passiert."


    Diesmal nicht. Nein, manche Fehler machte man nur einmal.

    [Ryan]


    Abschätzend tastete Ryan den Raum hinter der Tür mit seinem Blick ab. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Erneut. Er könnte wetten, dass sich die Türen verriegeln würden, sobald er den Raum betreten würde. Dann würde irgendwas passieren, die Knöpfe würden eine Entscheidung repräsentieren, die Frage wäre nur welche und wie schwerwiegend die sein würde. Was die Glasröhre anging, war er völlig aufgeschmissen. Er war alles andere als ein geschickter Handwerker oder Mechaniker. Der Raum stank förmlich nach Ärger.
    "Ich sollte mir aufhören, dass immer wieder vor die Augen zu führen", brummte er verunsichert.


    Das war der Moment, in dem er Taylee bemerkte, die ihm gefolgt war und sowohl ihn, als auch die Umgebung neugierig musterte.
    "Was machst du denn hier?", rutschte es ihm erstaunt heraus, obwohl ihm bewusst war, wie doof die Frage war. Dann kratzte er sich am Hinterkopf, unsicher was er tun sollte. Dann seufzte er, drehte sich um und erklärte ihr mit ruhiger Stimme und einem schwachen aber freundlichen Lächeln:
    "Du willst bestimmt helfen, richtig?", dann deutete er auf den Raum und auf die Türen, "Ich bin mir sicher, dass sich diese Türen schließen werden, sobald jemand in den Raum reingeht. Was dann passiert weiß nur unser Entführer, aber wir können davon ausgehen, dass es alles andere als angenehm ist. Höchstwahrscheinlich sogar gefährlich."
    Er machte eine Kunstpause, um seine Worte zu betonen.
    "Ich möchte, dass wir alle das hier überstehen. Und wenn du jetzt mitkommst, weiß ich nicht, ob ich dich beschützen kann. Verstehst du, Kleine?"
    Dann nahm er ungeschickt ihre Hand und machte sich mit ihr auf den Weg zurück zum Wintergarten. Bevor er sich in eine offensichtliche Falle begab, wollte er sich den Tauchretter noch besorgen. Wer weiß, ob er ihm das Leben retten würde.



    [Ryan]


    Innerlich seufzte Ryan. Er befand sich in, um es schlicht zu sagen, einzigartiger Gesellschaft.


    Dem Alten nickte er zu. Er nahm es als Zeichen des guten Willens, dass er ihm das Messer gezeigt hat. Zwar räumte das seine Zweifel nicht aus der Welt, aber wenigstens wusste er jetzt, mit was er zu rechnen hatte. Denn auch wenn der Alte etwas anderes sagte. Ein Messer, auch ein kleines, war niemals ungefährlich. Man musste nur wissen, wo man zustechen musste. Und etwas sagte Ryan, dass der Alte genau wusste, wo diese Stellen waren.
    "Gut, wir müssen wissen, was uns zur Verfügung steht, wenn wir hier raus wollen", sagte Ryan schließlich und wandte sich wieder den Vasen zu. Er holte den Rucksack heraus, stellte mit einem schnellen Blick fest, dass er leer war und schwang ihn locker über seine Schulter. Er ging wieder zurück in den anderen Raum und packte ihn voll mit dem restlichen Zeug aus den Kommoden. Die Gummistiefel ließ er außen vor. Auch wenn er dabei feststellte, dass die offensichtlich auf sie angepasst wurden. Sowohl eine Größe für seine Quadratlatschen als auch kleine Stiefel für Taylee standen ihnen zur Verfügung. Sein Mundwinkel zuckte, als er die in seiner Größe anzog. Dann packte er noch einige Sandwichs und andere essbare Kleinigkeiten vom Tisch in den Rucksack und ging wieder zu den anderen zurück.


    Er drückte Slice, der bei dem schüchternen Mädchen stand den Rucksack in die Hand und sagte:
    "Den können wir später wohl noch gebrauchen. Da ist unsere Verpflegung und der Kram aus den Kommoden drin. Also gib gut drauf Acht. Ich wette, die werden wir noch brauchen."
    Er drehte sich um in Richtung des Durchgangs zu den Nebelwaden und sagte:
    "Ich werde mich dort mal umsehen. Das sieht mir nicht ganz koscher aus, also passt lieber auf, falls sich hier etwas tun soll. Außerdem gibt es ja noch die beiden Barcodeleser, die wir noch nicht benutzt haben. Den einen hier im Raum und den vor dem Aufenthaltsraum.
    Falls ich irgendwas auslösen sollte, wird es wohl irgendwas mit Wasser zu tun haben. Die Gummistiefel und Taucherausrüstung haben wir nicht umsonst zur Verfügung gestellt bekommen..."
    Dann atmete er einmal tief durch und warf dem meditierenden Jack einen vernichtenden Blick zu.
    "Und weckt doch bitte unseren kleinen Dalai Lama hier. Ich glaub er hat noch nicht verstanden, in was für einer Situation wir uns hier befinden."
    Mit diesen Worten drehte er sich endgültig um und ging langsam, jederzeit darauf gefasst sein Messer ziehen zu müssen, in den linken Gang.

    [Ryan]


    "Hey Ryan, ich habe hinter einen der Blumentöpfe einen kleinen Schlüssel gefunden der zu einer Schatulle gehören könnte. Wir müssen also jetzt eine kleine Schachtel oder eine kleine Schatulle suchen, oder wie siehst du das?"
    "Wie wärs, wenn ich mich erst mal im Raum umsehen würde?", entgegnete er brummig. Er hatte nichts gegen Slice, doch es nervte ihn, dass anscheinend jeder in seinem eigenen Tempo vorging ohne dabei auf die anderen zu achten.


    Noch mit den Gedanken bei dem Alten betrat Ryan den nächsten Raum und wunderte sich sogleich über die krassen Unterschiede zu dem Aufenthaltsraum. Die Pflanzen verströmten einen intensiven Duft und mit den nebeligen Schwaden hinter den Glaswänden, erschien ihm der Raum schon fast ein wenig übersinnlich. Sein Blick glitt etwas genauer über die Pflanzen, dann über den Abfluss. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Das wollte ihm nicht gefallen.
    An die anderen gewandt sagte er:
    "Das sind ganz gewöhnliche Pflanzen. Alles andere als gefährlich, außer man hat eine Allergie."


    Dann entdeckte er die Tonvasen. Nacheinander schaute er rein und entdeckte dort einen Tauchretter und einen Rucksack. Der Rucksack würde praktisch sein, insbesondere da es im letzten Raum so viele Gegenstände gab, die sie unter normalen Umständen nicht mitnehmen konnten. Höchst wahrscheinlich würden sie die noch brauchen... Auch wenn ihm der Gedanke zusammen mit dem Tauchretter absolut nicht gefiel. Er konnte eins uns eins zusammenzählen. Gummistiefel, ein Abflussgitter von über 20 Zentimeter Durchmesser, Handtücher und eine notdürftige Tauchausrüstung... Etwas das mit viel Wasser zu tun hatte, kam auf sie zu.


    Misstrauisch betrachtete er dann die letzte Vase, die nichts beinhaltet hatte. Das passte nicht ins Muster. Sein Blick glitt weiter zu denjenigen, die vor ihm im Raum gewesen waren. Dann dachte er laut:
    "Drei Vasen, zwei haben etwas enthalten, aber in der dritten ist nichts. Habt ihr zufällig schon etwas gefunden?" Besondere Aufmerksamkeit schenkte er dabei der Reaktion des Alten.

    [Yukiko Sakamato]
    07:35 Uhr - Gelände der Schule - Altes Schulgebäude (16) - Labortrakt


    Die Nachwirkungen der schlaflosen Nacht setzten Yukiko ordentlich zu. Der schwarze Tee hatte halbwegs belebend gewirkt, sodass sie wenigstens ein bisschen wacher wurde. Gleichzeitig war sie Rika dankbar, dass sie sie nicht unnötig ausfragte. Deswegen hatte sich Yukiko auch dazu entschieden sich Rikas kleinem Streifzug anschließen. Solche Gesellschaft konnte sie gebrauchen. Sonst würde sie nur wieder anfangen zu flennen, wie ein kleines Mädchen.


    Als Rika ihr schließlich die Schminke unter die Nase hielt, blinzelte sie zuerst ahnungslos. Dann weiteten sich ihre geröteten Augen und ihr Blick wanderte zu Rika, die sie triumphierend anlächelte. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen und ein unterdrücktes Kichern entglitt Yukiko.
    "Entschuldige", sagte sie dann schnell, "Nur damit habe ich jetzt am wenigsten gerechnet."
    Dass sie gedacht hatte, dass Rika eher zu den Mädchen zählen würde, die nicht viel von Schminke und Co. halten, behielt sie für sich.
    "Wenn du mir sagst, was ich tun muss, helfe ich gerne. Wie ich mit den Instrumenten umgehen muss, weiß ich. Zumindest wenn es dieselben sind, die wir an unserer Schule hatten."
    Rika nahm ihre Hilfe dankend an und die beiden machten sich an die Arbeit.

    Kann mich nur wiederholen. Bis zum 27. Juni bin ich vom Studium eingenommen.
    Wenn aber das bisherige Tempo (also zu dem Zeitpunkt, wo alle noch mitgeschrieben haben) beibehalten wird, werde ich wohl dank meinem recht isolierten Charakter wohl durchaus als "voller" Teilnehmer gelten.
    Rose nimmt schließlich nicht wirklich am Gildenleben teil.

    [Yukiko Sakamato]
    06:30 Uhr - Wohnheime der Schüler (4) - Mädchenwohnheim


    Ihr Wecker klingelte. Zumindest sollte es so sein. In Yukikos Ohren war es ein feindliches Kreischen, dass bei ihrem völlig übermüdeten Gehirn für stechende Kopfschmerzen sorgte. Unkoordiniert schlug sie nach dem Höllending. Erst nach dem siebten Versuch schaffte sie es das Gerät zum Schweigen zu bringen. Sie stöhnte und schluchzte zugleich.
    Die Nacht war der Horror gewesen. Immer wieder war sie kurz eingeschlafen, doch jedes Mal holte sie der gleiche Traum wieder in die Realität zurück. Und jedes Mal weinte sie, bis die Erschöpfung sie wieder in den Schlaf trieb, um das ganze Spiel zu wiederholen. So auch als der Wecker geklingelt hatte. Für einen Moment verharrte sie noch mit ihrem Gesicht im Kopfkissen, das durch ihre Tränen noch immer feucht war. Erst als ihr Schluchzen wieder abklang, zog sie ihre Beine unter der Decke hervor und richtete sich auf. Ein leichter Schwindel gesellte sich zu den Kopfschmerzen. Vielleicht sollte sie zur Krankenstation gehen? Aber da war sie doch schon gewesen. Hier gab es keine Medikamente. Weder Kopfschmerztabletten noch Schlaftabletten.
    Sie stand auf und kämpfte einen Moment überrascht mit ihren wackligen Beinen. Beinahe verlor sie das Gleichgewicht, konnte sich jedoch im letzten Moment wieder fangen. Ihr war schlecht und sie fühlte sich schrecklich. Kaum hätte sie gedacht, dass ihr Spiegelbild noch schrecklicher aussah. Wenn sie gestern eine Leiche gewesen war, so war sie jetzt der Geist einer Leiche. Jegliche Farbe war wieder verschwunden, ihre Augen waren gerötet von all den vergossenen Tränen, ihre Pupillen waren unnatürlich weit aufgerissen und ihre Schultern zitterten so stark, dass es sich auf ihren restlichen Körper ausbreitete. Unwillkürlich erzeugte dieser jämmerliche Anblick ein erneutes Schluchzen. Wenn sie wirklich gestorben wäre, dann müsste sie all das nicht durchmachen. Dann hätte sie Ruhe gehabt. Warum sollte ihr das nicht vergönnt gewesen sein? Waren ihre Sünden wirklich so gravierend gewesen?


    Sie zwang sich unter die Dusche, doch auch kaltes Wasser konnte ihre Lebensgeister nicht wecken. Aber immerhin vertrieb es die Kopfschmerzen. So blieb lediglich Schwindel, Schwächegefühl und Übelkeit.
    Ohne groß nachzudenken zog sie sich ihre Schuluniform an, verließ ihr Zimmer und wartete am Eingang des Mädchenwohnheims auf Rika. Sie wollte nicht allein sein.

    Bei mir hat sich nichts geändert. "Morning Dew" ist nach wie vor für eure Charaktere verfügbar. Allerdings hält mich das Studium bis Ende Juli eng an der Leine. Deswegen lasse ich mich in letzter Zeit auch nicht so wirklich blicken.

    [Yukiko Sakamato]
    23:00 Uhr - Wohnheime der Schüler (4) - Mädchenwohnheim


    Unschlüssig vergrub Yukiko ihr Gesicht im weichen Kissen. Dann seufzte sie, schwang ihre Beine aus dem Bett und holte sich die restlichen zwei Mangabände. Sie entledigte sich ihrer Uniform und schlüpfte in einen blauen Schlafanzug mit rosa (Gott sei dank keine pinke) Schmetterlingen. Sie nahm sich fest vor Rika zu fragen, ob sie ihr mit ihrer Fähigkeit nicht aushelfen konnte. Yukiko war es egal, ob dabei dann ein viel zu großes Kleidungsstück herauskommen würde. Fast alles war besser, als dieses auf kindliche Niedlichkeit getrimmte Schiene.
    Immerhin war der Stoff ungeheuer weich und fühlte sich auf der Haut einfach großartig an. Er verleitete gerade dazu sich in ihn reinzukuscheln. Sie legte sich ins Bett und begann zu lesen.


    Anderthalb Stunden später forderte die Erschöpfung des Tages ihren Tribut. Ihre Augen vielen zu und sie driftete ab in die Dunkelheit der Nacht.


    Zuerst schwebte sie in der Schwärze, die sie vollends umgab. Doch dann bemächtigten sich unsichtbare Kräfte ihres Körpers. Ihre Hände und Beine wurden in Position gepresst. Sie schrie und kämpfte dagegen an, doch sie war zu schwach um sich zu wehren. Ehe sie sich versah, waren ihre Beine an Stuhlbeine gebunden, ihre Hände hinter ihrem Rücken an die Stuhllehne und ein stinkender Knebel steckte in ihrem Mund. Ein modrig glimmendes Licht tauchte vor ihr auf. Sie befand sich in einem dunklen Raum, das Licht flackerte und reichte gerade eben so bis zu den schwarzen Wänden und der niedrigen Decke. Das Einzige, was sie mit Sicherheit erkennen konnte, war die bis zum Glanz polierte Videokamera, die direkt vor ihr aufgebaut wurde und auf sie zeigte. Und die beiden schwarzen Fratzen, die links und rechts neben der Kamera in der Luft zu schweben schienen. Weiße Augen, gelb leuchtende Öffnungen als Münder. Sie wandte sich unter den Fesseln, bäumte sich auf, nur um dann wieder in Resignation zurück in den Klammergriff des Stuhls zu fallen, dessen kalte Metallstreben sie durch die Risse in ihrem Cocktailkleid zum zittern brachten.
    Die Fratzen fingen an zu tanzen, zu hüpfen, auf und ab, zur Seite, vor und zurück.
    "Die Wahrheit. Die Wahrheit. Die Wahrheit."
    Yukiko schrie, doch der Knebel ließ keinen verständlichen Laut zu.
    "Gib sie uns. Gib sie uns. Gib sie uns."
    Ungeheure Schmerzen durchzuckten ihren Körper ausgehen von ihrem Gesicht. Ihre Haut trennte sich und saubere Schnitte durchzogen ihr Gesicht. Zuerst nur kleine, dann wurden sie immer größer und zahlreicher. Sie wanderten von ihrem Gesicht ihren Körper hinab, während das Blut aus ihr strömte und sich mit ihren Tränen vermischte.
    "Sprich. Sprich. Sprich."
    Sie wollte es. Doch der knebel löste sich nicht. Sie konnte es nicht. Denn sie wusste, den Knebel zu lösen, würde bedeuten ihren Vater zu hintergehen. Und obwohl sie es wollte, konnte sie es nicht.
    "Stirb. Stirb. Stirb."
    Vor ihr erschien eine Pistole. Die gleiche, die auch ihr Vater benutzte. Die Fratze drückte ab und ein lauter Knall ertönte, der ihr geradezu das Trommelfell zerfetzte. In Zeitlupe sah sie die Kugel auf sich zufliegen. Unfähig zu denken, oder sich zu wehren. Sie sah sie kommen. Sah, wie sie ihre Haut durchbohrte und in ihre Schulter eindrang. Ein greller Lichtblitz nahm ihr die Sicht und ein Schmerz der alles übertraf, was sie jemals erlebt hatte, bemächtigte sich ihrer.


    Und dann wachte sie auf. Schweißgebadet ruckte sie in ihrem Bett hoch. Ihr Körper zitterte und die Tränen strömten ungehemmt aus ihren geröteten Augen. Noch immer unfähig klare Gedanken zu fassen, presste sie ihre Hände gegen ihr Gesicht und weinte. Irgendwann fiel sie zurück in ihr Kissen. Irgendwann übermannte sie die Erschöpfung ein weiteres Mal. Und erneut hatte sie den selben Traum, von dem sie diese Nacht noch zwei weitere Male geweckt werden sollte.

    [Yukiko Sakamato]
    16:11 Uhr - Bibliothek (13) - Empfangshalle


    Rika legte Yukiko die Hand auf die Schulter und drückte leicht zu. Ihre erste Reaktion war ein schwaches Zusammenzucken, doch dann entspannte sie sich sofort wieder und genoss die Wärme hinter dieser kleinen Geste.
    Sie wollte gerade auf Rikas Vorschlag in den Park zu gehen eingehen und ihn bejahen, um ihr dort von ihrem Treffen mit dem Schülerpräsidenten und dem fehlgeschlagen Brötchenklau zu erzählen, als Leo zu ihnen stieß. Sofort als sie das registrierte, drehte sie sich von ihm weg und wischte sich hastig mit den Handrücken über die Augen, um die letzten Tränen zu bekämpfen. Sie unterdrückte ein weiteres Schluchzen und schaffte es irgendwie den Tränenfluss zu stoppen. Zwar waren ihre Augen noch immer feucht und gerötet und ihre Wangen brannten Rot vor Scham. Trotzdem sah sie Leo wieder an und hörte seiner Erklärung zu.


    ''Ich möchte mich bei euch Beiden entschuldigen! Bei dir Sumiyoshi-san, weil ich immer so nerviges und kleinkindliches Verhalten an den Tag legte, und bei dir Sakamato-san für mein sehr aufdringliches Verhalten!", sagte er. Darauf schlich sich ein schwaches Lächeln auf Yukikos Lippen, das sie Rika zuwarf. Am liebsten hätte sie ihr jetzt "Siehst du? Er ist kein schlechter Kerl. Nur ein wenig tollpatschig", gesagt. Aber sie behielt es bei sich und wandte sich stattdessen wieder Leo zu.
    "Keine Sorge, Leo-san. Du brauchst dich bei mir nicht zu entschuldigen. Ich habe schon bedeutend schlimmere Männer erlebt", sagte sie.


    Sie freute es, dass er wieder zu seinem anfänglichen Ich zurückgefunden hatte. Allerdings waren ihre Gedanken noch wo anders, als dass sie dies voll und ganz zeigen konnte. Vielleicht war das auch besser so, damit er keinen falschen Eindruck bekam.
    Jedenfalls entschieden sie sich dazu die Bibliothek zu verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Park trennten sie sich wieder und zusammen mit Rika ging Yukiko zu dem Mädchenwohnheim. Dort angekommen leistete das Informationssystem seine Arbeit und verriet Yukiko wo sich ihr Zimmer befand. Sie fand diese Art der Übermittlung noch immer mehr als gruselig, auch wenn ihr bewusst war, dass sie dieses akzeptieren musste. Sie glaubte kaum, dass es die letzte Injektion von Informationen in ihr Hirn gewesen war.


    Da sie einige Klassen unter Rika war, trennten sich nun auch ihre Wege. In ihrem Zimmer angekommen wurden all ihre Erwartungen zerschlagen. Zu ihren Lebzeiten war sie trotz ihrer Abstammung traditionell japanische Behausungen gewöhnt gewesen. Nur wenn sie im Ausland waren, hatten sie Villen im westlichen Stil besucht. Deswegen hatte sie ein Zimmer mit einem Wandschrank, einem niedrigen Schreibtisch, einem Bett und sonst nichts erwartet. Doch erstaunlicherweise war davon nichts zusehen. Die Einrichtung widersprach ihren Erwartungen mit einem westlichen Stil völlig. Nach einem verblüfften Blinzeln, ließ sie die Tür ins Schloss fallen und schaute sich verunsichert um, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Anstatt ihrer Erwartungen, schienen ihre Wünsche als 12 jähriges Kind bei der Erschaffung dieses Zimmers als Vorlage gedient zu haben. Und wie viele kleine Mädchen hatte sie damals Herzen, die Farbe Pink und Schmetterlinge furchtbar toll gefunden, was sich direkt im Farbschema wiederfand.


    Die vorherrschende Farbe der Wände war ein helles Pink, der massive aber dennoch elegante Kleiderschrank war in einem angenehmen Himmelblau angestrichen, ebenso wie der Schreibtisch, der direkt vor einem Fenster mit rosa angehauchten Gardinen mit eingestanztem Schmetterlingsmuster stand. Rechts und links daneben waren gleichfarbige Bücherregale an der Wand angebracht. In der hinteren rechten Ecke des Raums stand das Bett, mit seinem weißen Gestell, rosa Decke mit Herzmuster, dazu passendem Kopfkissen und einem guten halben Dutzend roter und pinker Herzchenkuschelkissen.
    Vor dem Bett am Boden reichte ein flauschiger rosa Teppich bis zum Schreibtisch und bedeckte damit einen Großteil des Parkettbodens.


    In Yukiko erzeugte dieser Anblick wechselnde Gefühle. Zuerst war sie einfach nur völlig verdutzt, dann ungläubig und dann beschämt, was sich darin zeigte, dass sich die Farbe ihrer Wange der des Teppichs anpassten.
    "Ich bin doch keine 12 mehr! Hättest du nicht etwas passenderes aussuchen können, Gott??? Oder auch wer immer du bist?!", zischte sie fassungslos.


    Sie zog sich ihre Schuhe aus und sah sich das Zimmer genauer an. Doch ihre Hoffnung, dass es nur ein Scherz gewesen war, erfüllte sich nicht. Nichts veränderte sich vor ihren Augen. Alles blieb rosa, pink und kindlich. Mit einem resignierenden Seufzen setzte sie sich auf ihr Bett. Immerhin überraschte sie die Matratze sie angenehm. Sie war genauso weich, wie die teuren Designerdinger, die sie gewohnt war.
    Während sie Druck auf sie ausübte, um sie zu testen, verrutschte die Decke und gab den Blick auf zwei lange Stoffohren frei, die neben dem Kopfkissen lagen. Ihre Augen weiteten sich ein weiteres Mal, als sie mit zitternden Händen die Decke weiter zurück schlug und einen Stoffhasen damit enthüllte. Sofort spürte sie wie die Tränen wieder hoch kamen.
    "Joshi..." flüsterte sie geistesabwesend, während sie den Hasen in die Hände nahm und ihn an sich drückte. Ihr Vater war immer strikt gewesen und hatte ihr nicht erlaubt sonderlich viele Spielzeuge zu besitzen. Deswegen hatte sie eines, ihren Stoffhasen, besonders lieb gewonnen. Sie hatte sogar mal eine Phase, wo sie ihn überall mit hingenommen hatte und ihr Vater musste das zulassen, weil sie sonst nur am weinen gewesen wäre. Als sie dann jedoch 12 wurde und sie erwachsener werden musste, hatte ihr Vater ihr Joshi als Bestrafung für ihr Verhalten gegenüber einem Sohn einer anderen einflussreichen Familie abgenommen. Und danach hatte sie ihn nie wieder gesehen, obwohl ihr Vater versprochen hatte ihn zurückgeben, wenn sie das wieder gut gemacht hätte.


    Sie drückte den Hasen noch ein Stückchen fester an sich und sah sich noch einmal durch ihre feuchten Augen im Zimmer um. Vielleicht war es doch gar nicht schlecht. Nur würde sie niemals die anderen freiwillig zu sich einladen. Das wäre viel zu peinlich.
    Liebevoll platzierte sie den Hasen wieder neben ihrem Kissen und deckte ihn wieder zu. Dann legte sie sich auf das Bett und begann ihre ausgeliehenen Mangas zu lesen.


    Nach einigen Stunden warf sie einen Blick auf das kleine Nachtschränkchen direkt neben dem Kopfende des Betts und stellte erstaunt fest, dass es schon fast elf Uhr war. Sie gähnte und legte den dritten Mangaband beiseite. Sie wollte nicht schlafen. Denn ihr war klar, was in ihren Träumen geschehen würde. Und das machte ihr Angst.

    Sehe ich auch so. Wenn sich Natsu nicht regelmäßig Zeit nehmen kann, dann macht es wenig Sinn dieses RPG fortzuführen. Warten wir mal ab, was er dazu sagt. Wenn er das mit seinem Zeitplan nicht vereinbaren kann, dann sollte das RPG entweder geschlossen werden, oder jemand anderes übernimmt die Leitung und ersetzt Natsu als Leiter. Auch wenn dadurch eventuell Dinge entstehen, die so in seiner Vorstellung der Welt nicht vorhanden sein sollten.

    [Yukiko Sakamato]
    16:09 Uhr - Bibliothek (13) - Empfangshalle


    Gespannt hing Yukiko an Rikas Lippen. Schon während ihrer ersten Sätze bemerkte sie, dass es ihr nicht leicht fiel so offen zu sprechen, was sie nur zu gut nachvollziehen konnte. Dadurch wuchs auch ihre Bewunderung für sie noch weiter an.


    "Ich glaube, so viel habe ich noch niemandem vorher erzählt!" stellte sie fest. "Vielleicht magst du irgendwann einmal deine Geschichte erzählen? Wenn du dazu bereit bist?!"

    Yukiko blinzelte überrascht und sie blickte zu Boden. Ihre Kehle war urplötzlich trocken und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch dann hielt sie ihr Verhalten für undankbar. Rika hatte sich ihr gegenüber geöffnet und ihr damit Vertrauen bewiesen. Wollte sie sich nicht ein Beispiel an ihr nehmen? Bilder blitzten vor ihrem geistigen Auge auf... Von ihren Entführern und von ihrem Vater. Bilder, die sie lieber vergessen wollte.
    Trotzdem straffte sie ihre Schultern. Sie wollte Rika zeigen, dass sie ihr Vertrauen zu schätzen wusste und es nicht missbrauchen würde.
    Langsam hob sie wieder ihren Blick und versuchte sich an einem Lächeln.
    "Danke, dass du mir das erzählt hast, Senpai. Das bedeutet mir wirklich viel...", antwortete sie ehrlich, während sie ihren Blick suchte. Dann sagte sie:
    "In gewisser Weise weiß ich auch wie du dich gefühlt haben musst... Oder zumindest kann ich es nachvollziehen. Bei mir war es meine Mutter, die ich nie kennengelernt habe. Mein Vater hat mir gesagt sie sei nach meiner Geburt gestorben, aber ich bin mir sicher, dass es nur eine Lüge war. Jedenfalls habe ich sie nie kennengelernt und bin als Einzelkind bei meinem Vater aufgewachsen.
    Aus der finanziellen Sicht ging es mir gut... Mein Vater ist der Chef einer großen Bank gewesen... Und... Und...", sie stockte und musste sich erst wieder ins Gedächtnis rufen, dass es in dieser Welt keine Relevanz besaß bevor sie fortfuhren konnte.
    "Ein führendes Mitglied in der Yakuza." Sie atmete hörbar aus.
    "Die Zwänge von denen du sprachst, habe ich deswegen wohl stärker zu spüren bekommen, als manch anderer. Mein Tag war vollständig durchorganisiert. Erst im Nachhinein, als es schon längst zu spät war, wurde mir klar, dass mein Vater jeden noch so kleinen Aspekt meines Lebens kontrollierte. In der Öffentlichkeit hatte er natürlich keine Verbindungen zur Sumiyoshi-kai, doch es gab Gerüchte und seinen nicht unerheblichen gesellschaftlichen Einfluss. Mit anderen Worten mieden mich meine Klassenkameraden, weil sie Angst vor mir hatten. Meine einzigen Kontakte waren von meinem Vater ausgesuchte Kinder seiner Geschäftspartner. Und die... Nun ja befanden sich im selben Boot. Sie waren keine Freunde, die Mädchen Konkurrentinnen, die Männer potentielle Heiratskandidaten. Und sie alle wussten, dass Verbindungen lediglich geschäftlicher Natur waren. Wenn es profitabel gewesen wäre, hätten wir uns alle gegenseitig verraten, weil es von uns verlangt wurde."
    Erneut stockte sie und wusste nicht, wie sie fortfahren sollte. Jedes Wort das sie sprach, führte ihr erneut vor Augen wie schwach und willenlos sie gewesen war.
    "Ich... hatte durch diverse Umstände keine Möglichkeit mich gegen meinen Vater zu wehren. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes abhängig gewesen. Und dadurch wurde ich halt zu einem halbwegs hübschem Püppchen, das zur Verbesserung seines öffentlichen Images und seiner Beziehung zu Geschäftspartnern benutzt wurde. Nur... hatte mein Vater viele Feinde, was mir schließlich zum Verhängnis wurde..."
    Ihre Stimme wurde noch leiser und gleichzeitig springend in ihrer Tonhöhe, während sie sich gegen die aufkeimenden Erinnerungen zur Wehr setzte:
    "Vater und Sohn einer Familie, die von meinem Vater ruiniert worden war, hatten mich entführt, um ein Geständnis von meinem Vater zu erpressen. Er sollte sich stellen und ihnen ihr Leben zurückgeben. Dann würden sie mich freilassen. Anfangs glaubte ich auch noch daran... Daran gerettet zu werden. Ich weiß nicht für wie viele Tage... sie mich dort festhielten. Der Raum war dunkel und abgeschottet. Ich hatte keinerlei Zeitgefühl. Nie... Und.. Sie... Versuchten meinen Vater immer wieder dazu zubringen ihre Forderungen zu erfüllen... Erfolglos. Ich meine mich daran zu erinnern, dass sie Bilder und Videos von mir sogar veröffentlichten. Irgendwann gingen sie dazu über mich auszufragen, ob ich nicht etwas wüsste. Nein, sie wollten glauben, dass ich ihnen geben konnte, was sie wollten, weil mein Vater nicht reagierte... Egal, was sie mir antaten... Und dann wurde ich erlöst. Zumindest dachte ich das in dem Moment.... Bis ich in dieser Welt aufwachte in der man immer wieder sterben kann... Und jedes Mal..."

    Die Erinnerungen überkamen sie und ihre Rede ging in ein Schluchzen über. Während sie mit einer Hand noch die Mangas an sich drückte, wischte sie sich mit der anderen über die Augen, um ihre Tränen wegzuwischen. Ihr Gesicht war leichenblass und Übelkeit stieg in ihr auf.
    "Entschuldige", schniefte sie.
    "Ne? Das bleibt doch unter uns, oder? Selbst Okamura-sama habe ich nicht so viel erzählt, als ich den Zusammenbruch hatte..."

    [Yukiko Sakamato]
    16:08 Uhr - Bibliothek (13) - Empfangshalle


    Yukiko nickte verstehend und dankbar dafür, dass Rika nicht weiter nachbohrte, was sie mit ihrer Aussage gemeint hatte. Stattdessen wurde ihre Neugier geweckt und sie fragte:
    "Wie bist du zu diesem Hobby gekommen, Senpai? Wenn ich das fragen darf? Zumindest in meinem damaligen Bekanntenkreis gab es nicht ein einziges Mädchen, das so technisch visiert war, wie du. Ein paar haben sich zwar sehr gut mit Computern und so einem Kram ausgekannt, aber sie... nun ja den Vorurteilen entsprechend verhalten. Und sahen meist auch dann so aus."
    Yukiko machte eine winzige Pause, in der sie Rika bewundernd ansah und fuhr dann fort:
    "Aber du brauchst dich nicht hinter einem Image verstecken. Du bist hübsch und schlauer als die meisten von uns, sonst hättest du niemals deine Fähigkeit zum Erschaffen entdeckt. Also... Wie bist du dazu gekommen?"


    Während sie fragte, nahm ihr von kindlicher Neugierde gespeister Mut immer weiter ab, was sich darin äußerte, dass ihre Stimme geringfügig leiser wurde und sie die Mangas wieder an sich drückte.

    Ehrlich gesagt habe ich diese Entwicklung von Anfang an erwartet. ^^'
    Deswegen habe ich meinen Charakter auch nur an den Seitenlinien der Geschichte auftreten lassen, um erstmal abzuwarten, ob sich dieses RPG überhaupt "lohnt". (Man erinnere sich daran, dass Natsu noch nie ein RPG geleitet hatte und bei ABA zeitgleich eingestiegen ist.)


    Das hat sich bis jetzt nicht geändert. Bin noch immer dabei, würde auch gerne weiterschreiben, wenn sich denn eine Entwicklung zeigen würde.


    Allerdings: Ohne Leiter wird es nicht gehen. Kommt Natsu nicht zurück, ist das RPG höchst wahrscheinlich gelaufen. Egal ob die anderen weiterschreiben wollen oder nicht.

    [Yukiko Sakamato]
    16:07 Uhr - Bibliothek (13) - Empfangshalle


    "Wieso denkst du, dass es mir etwas ausmachen würde? Ich lese auch Mangas zur Entspannung", sagte Rika. Erst war sich Yukiko unsicher, ob sie das nicht einfach so sagte, um den guten Willen zu wahren. Besonders als Yukiko die technischen Bücher entdeckte. Sofort regte sich in ihr wieder der Konkurrenzgedanke, der ihr eingepflanzt wurde. Stets hatte sie besser sein müssen, stets hatte sie die andere übertreffen müssen. Das war ein Grund warum es ihr verboten gewesen war Mangas zu lesen. Kinderkram. Wenn sollte sie zu guter Literatur greifen von namenhaften intellektuellen Schriftstellern.
    Dann aber schüttelte sie innerlich den Kopf und verwarf den Gedanken. In dieser Welt galt das nicht. Hier war sie frei zu lesen und zu tun was sie wollte. Ebenso wie die anderen. Also lächelte sie entschuldigend und erwiderte:
    "Tut mir leid, Sempai... Macht der Gewohnheit."
    Schnell schob sie hinterher:
    "Wofür brauchst du die Bücher, Sempai? Möchtest du damit versuchen andere Dinge zu erschaffen?"

    [Yukiko Sakamato]
    15:57 Uhr - Bibliothek


    Bevor sich Yukiko mit Rika und Leo auf den Weg machte, verbeugte sie sich noch einmal vor Hayato und lächelte ihm dankbar zu. Dann drehte sie sich um und folgte den anderen beiden mit schnellen Schritten.
    Die frische Luft auf dem Weg tat ihr gut und half ihr wieder ein wenig Farbe ins Gesicht zu bekommen.


    Als sie in der Bibliothek ankamen, staunte sie nicht schlecht. Irgendwie hatte sie erwartet ein altes Gebäude vorzufinden mit verstaubten Regalen, wenig Platz und einer alten Hexe mit strenger Brille als Verantwortliche. In Wirklichkeit machte es einen mehr als modernen Eindruck. Es gab einen großen, durch viele Fensterfronten hellen Eingangsbereich in dessen Mitte sich ein Roundtable mit diversen Barcodescannern und Computerbildschirmen befand. Das Informationssystem verriet Yukiko, dass man die Bücher, die man ausleihen wollte, zuerst mit dem Code einscannen musste. Jeder Schüler hatte einen Account, dem die Ausleihe dann durch einen Handabdruckscann zugeordnet wurde, der durch die Bildschirme neben den Scannern stattfand. Mit anderen Worten war das Ausleihsystem vollständig durch die Technik geregelt.


    Neugierig sah sich weiter um und entdeckte, dass sich die Fensterfronten an allen Wänden des Erdgeschoss wiederfanden. An einer Treppe hing ein Schild, was den Besuchern verriet was sich in den jeweiligen Stockwerken finden ließ. Bücher gab es auf allen drei Stockwerken, Mangas im Erdgeschoss und DVDs im 1. Stock. Als Yukiko das las, bekam sie große Augen und eine plötzliche Freude stieg in ihr auf.
    An Rika gewandt sagte sie sich fast überschlagender Stimme:
    "Ich schau mich hier im Erdgeschoss um, falls du mich suchst."
    Und dann wuselte sie auch schon davon. Es dauerte nicht lange da hatte sie die Abteilung für die Mangas gefunden. Für einen Moment stand sie vor den Regalen mit den hunderten bunten Buchrücken und starrte sie mit leicht geöffnetem Mund und vor lauter kindlicher Freude glänzenden Augen an. Dann stieß sie einen innerlichen Jubelschrei aus und durchwühlte die Regale.


    Schneller als es ihr lieb war, hatte sie mehrere Bände gefunden, die sie lesen wollte. Allerdings machte ihr das System da einen Strich durch die Rechnung. Sie durfte sich nur maximal fünf Bücher gleichzeitig ausleihen. Definitiv würde sie noch öfters hier her kommen, um sich etwas auszuleihen. Schweren Herzens entschied sie sich in einem quälend langsamen Prozess für eine 3 teilige Liebesgeschichte und für zwei erste Teile eines Krimis und eines Mystery Mangas.


    Sie durchzog die Prozedur mit den Scannern und wartete dann im Eingangsbereich auf die anderen. Gut gelaunt wippte sie im Stand auf den Füßen auf und ab, bis sie Rika erblickte. Sie sah die Mangas in ihren Händen und Yukiko bildete sich ein, einen belächelnden Ausdruck zu erkennen. Sie lief rot an, drehte ihren Fuß nach innen, drückte die Bücher fester an sich und erklärte:
    "Ich durfte Mangas nie lesen... Deshalb... Ich... Auch wenn es für Kinder ist..."

    [Yukiko Sakamato]
    15:47 Uhr - Cafeteria (2) - Speisesaal


    Erst nachdem Jester die Cafeteria verlassen hatte, fiel die Spannung von Yukiko ab. Ihre angezogenen Schultern sackten zusammen und sie ließ hörbar ihren Atem entgleiten, auch wenn sie damit nicht die besten Manieren zeigte. Ihre verkrampften Finger lockerten sich und sie strich sofort wieder ihren Rock glatt.
    "War es das jetzt? Oder kommt es noch schlimmer? Noch einmal werde ich das bestimmt nicht durchstehen...", flüsterte sie zu sich selbst, für einen Moment in der Welt ihrer Erleichterung gefangen.
    Dass sie sich gegenüber dieser Jester zur Ruhe gezwungen hatte, hatte ihren Nerven mehr abverlangt, als sie vermutet hätte. Ein zweites Mal würde sie die Tränen garantiert nicht mehr zurückhalten können. Sie war ausgelaugt und erschöpft.
    Trotzdem suchte sie Hayatos Blick und brachte ein müdes, aber dankbares Lächeln zustande:
    "Danke für die Unterstützung, Hayato-sempai. Ich habe das Gefühl, dass sie mich ohne deine Unterstützung noch mit sich gezogen hätte..." Nach einer kurzen Pause wandte sie den Blick beschämt ab und fügte ehrlich hinzu:
    "Oder noch schlimmer, wenn sie mich überredet hätte..." Sie schluckte und schüttelte abwehrend den Kopf. Wäre sie allein gewesen, wäre das garantiert geschehen. Diese Jester hatte eine beunruhigend beruhigende Wirkung auf sie gehabt.


    "Warum nicht, Leo-san?", vernahm Yukiko dann plötzlich Rikas Stimme. Dankbar mit ihren Gedanken wieder in Bereiche zurückkehren zu dürfen, die sie nicht an den Rand ihrer Belastbarkeit trieben, fragte sie schnell:
    "Ich würde auch gerne mitkommen, wenn das in Ordnung ist."

    Ich stimme dir dahingehend zu, dass wir bei ABA einen Schritt zulegen sollen. Deswegen habe ich auch schon lange die Entwicklung von Yukiko (die hätte eigentlich ein paar Tage brauchen sollen um sich in ihrem aktuellen Zustand zu befinden!) stark angezogen und spreche mich mit Soul bezüglicher kleinerer Dinge immer mal wieder ab. Einfach damit sie handlungsfähiger und damit unabhängiger wird. Deswegen konzentriere ich mich momentan so stark auf ihre Gefühle usw. Ich kann halt nicht eine 900 ° Kehrtwende mit dem Charakter machen. (Du weißt von "Labyrinth" das ich durchaus nicht zögere Charaktere handeln zu lassen)


    Das "anziehen" der Geschwindigkeit ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich Yukiko nicht habe nachgeben lassen, als dein Charakter sie darum gebeten hat mit Ibuki zu reden. Das hätte den ganzen Tag noch einmal in die Länge gezogen. Und das nicht zu knapp! Warum ich bis jetzt nicht gepostet habe ist übrigens wegen Natsu und Animefreakz. Ich tendiere dazu schnell auf Posts zu reagieren und da die beiden momentan nicht sonderlich aktiv sind möchte ich ihnen nicht die Chance nehmen auf aktuelle Situationen zu reagieren.
    Wenn es die aktiveren Schreiber wollen, kann ich darauf aber auch verzichten und einfach posten.



    Bezüglich TS und geregelten Zeiten: Bitte, bei der philosophischen Stechmücke namens Sokrates und Hegels absolutem Geist, nein! Dann bin ich raus. :P



    Zu den anderen RPGs außer dem FT:NA RPG (wo es an der Abwesenheit des Spielleiters liegt) kann ich nichts sagen. Da schreibe und lese ich nicht mit.

    [Ryan]


    Ein wenig verdutzt registrierte Ryan das scheinbar völlig planlose Vorgehen der anderen. Das Stille Mädchen schien sich damit zu begnügen eine einzige Schublade der rechten Kommode zu durchsuchen. Das Geschirr wurde von den anderen völlig ignoriert, dieser Jack zerpflückte die Rolltasche anstatt sie in ihrer Gänze mitzunehmen und preschte dann mit der Kleinen im Schlepptau in den weiterführenden Raum ohne sich einer Rückendeckung zu vergewissern. Außerdem ging seine Art der Kleinen Sicherheit zu vermitteln eindeutig zu weit. Es war eine Sache ihr Mut zu machen, eine ganz andere sie in gefährliche Illusionen aus Watte zu packen. Wenn sie wirklich anfangen würde zu denken, dass ihr keine Gefahr droht, würden sich die Chancen, dass sie eine gefährliche Dummheit begeht drastisch erhöhen. Den zweiten Barcodeleser im Gang aus dem ersten Raum hatten sie bis jetzt auch völlig ignoriert. Wahrscheinlich war er für ein Vorankommen genauso wichtig wie der Rest der Gegenstände in diesem Raum.


    "Habt ihr etwas nützliches gefunden?", ertönte die Stimme des Alten.
    "Bin noch dabei", erwiderte Ryan knapp.


    Innerlich schüttelte er den Kopf und wandte sich dann den bis jetzt nicht untersuchten Schubladen der rechten Kommode zu. Aber erst nachdem er sich das Geschirr angelegt hatte und dort seine mit Wasser aufgefüllte Feldflasche befestigte, um sie nicht die ganze Zeit in der Hand tragen zu müssen. So ein Ding passte definitiv nicht in die Hosentasche. Während er die Gummistiefel, Messer und Handschuhe entdeckte, hörte er aus dem nächsten Raum eine Stimme rufen:


    "Ryan! Du bist doch derjenige hier, der sich am besten mit dem Grünzeug auskennt! Gibt es hier irgendwas, worauf wir achten müssen?"

    Und da wurde er plötzlich stutzig. Woher wussten die noch gleich, dass er in einer Gärtnerei arbeitete? Von einem Muskelpaket wie er eins war, würde man das auf den ersten Blick definitiv nicht vermuten und erzählt hatte er es den anderen auch nicht. Wer hatte noch gleich damit angefangen? Er blinzelte und dann glitt sein Blick wieder zu dem Alten. Er hatte damit angefangen. Woher hatte er das gewusst? Er hatte es nicht wissen können... Außer... Wieder zuckte sein Mundwinkel. Es gab nur einen möglichen Grund, woher er das hatte wissen können. Warum war ihm das nicht gleich aufgefallen, als der Typ angefangen hatte ihn so zu nennen? Wahrscheinlich zehrte die Situation doch mehr an Ryans Nerven als er erwartet hatte.
    Jedenfalls würde er abwarten und den Alten im Auge behalten. Es war nicht unwahrscheinlich das an ihm mehr dran war, als es auf den ersten Blick schien.


    An Jack gerichtet knurrte Ryan feindseliger als beabsichtigt, während er die Messer griffbereit am Geschirr befestigte, wodurch sein Äußeres wohl eher dem eines Soldaten glich, als eines Gärtners:
    "Eins nach dem anderen. Es nützt nichts die Dinge zu überstürzen. Ich komme..."
    Doch dann hörte er plötzlich eine stöhnende Stimme und brach die Antwort an Jack ab.


    "Was ist passiert? Warum bin ich ohnmächtig geworden?"
    Er drehte sich um und entdeckte wie Slice sein Bewusstsein wiedererlangte. Ryan lächelte schmal und warf ihm eine der Flaschen mit Wasser zu.
    "Dir wurde ein Betäubungsmittel verabreicht, als du den Barcodeleser benutzt hast. Trink was. Wird dir gut tun und Kopfschmerzen verhindern."
    Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
    "Wir haben zwei weitere Räume entdeckt. Das Spiel ist noch nicht vorbei. Kannst du stehen? Wir müssen uns einen Überblick verschaffen, sonst könnten wir ernsthaft in der Klemme stecken."

    Ryan verdrückte ein Sandwich und spülte den Rest mit einem weiteren Schluck herunter. Zweifelsohne war er von den Anwesenden körperlich am Stärksten. Da er allerdings nur gefrühstückt hatte, bevor er nachmittags entführt wurde, kam ihm die kleine Mahlzeit sehr gelegen. Sie hatten keine Ahnung wie lange sie noch gefangen sein würden. Jede Gelegenheit zur Stärkung sollten sie nutzen. Insbesondere da der Spieler anscheinend nicht daran interessiert war, sie verhungern zu lassen. Viel mehr legte er wohl Wert darauf, dass sie an entweder an den Rätseln scheitern oder sie überwinden würden. Wenn sie sterben würden, dann weil sie unfähig waren eine Lösung zu finden. Alles andere würde nicht zu diesem Spiel passen.


    "Ich würde das lieber lassen..", flüsterte das kleine Mädchen namens Taylee sanft. Er sah sie an und zuckte mit den Schultern.
    "Jetzt ist es eh zu spät. Ich kann wohl sagen, dass ich mein Leben darauf verwette, dass dies alles hier nicht vergiftet ist."


    Nachdem er die Bilder gründlich untersucht hatte und dort nicht gefunden hatte, ging er zu den anderen, die sich wie die Fliegen um die Kommoden tummelten. Allerdings hatte nur die schweigsame Fina es geschafft eine von den Schubladen zu öffnen. Innerlich schüttelte Ryan den Kopf, hielt aber den Mund, während er zu der linken ging und nacheinander die Schubladen öffnete.


    "Pullover, Feldflaschen, eine kleine Rolltasche mit Werkzeug und ein Koppeltragegeschirr habe ich hier gefunden", verkündete er der Gruppe, ohne dabei seine Verwunderung zu unterdrücken.
    Warum bitte Pullover? Hat der Spieler sich etwa nicht nehmen lassen die Antarktis in einem der kommenden Räume zu simulieren?
    Den Gedanken schob er erst mal beiseite und öffnete die Rolltasche, um den Inhalt zu inspizieren.


    Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, kramte er die Feldflaschen hervor und sagte:
    "Am besten füllen wir die mit den restlichen Getränken auf. Anscheinend werden wir den Vorrat brauchen. Warum auch immer."


    Zum Schluss wühlte er sich durch die Pullover, wobei er aufmerksam darauf achtete, dass sich zwischen den einzelnen Kleidungsstücken nicht noch etwas kleines, aber wichtiges verbarg.