[Yukiko Sakamato]
15:05 Uhr - Schulgebäude - Gebäude B, Erdgeschoss
Yukiko konnte ihre Faszination nicht unter Kontrolle halten. Während Rika die Haarklammern aus dem Dreck, oder dem Staub, wie man es nennen wollte, erschuf sah sie mit vor Staunen aufgerissenen Augen zu. Egal wie sie es betrachtete es war eine bewundernswerte Fähigkeit. Am liebsten hätte sie sich gleich so eine Haarklammer eingesteckt, doch sie hielt sich zurück. Vielleicht später wenn noch welche übrig bleiben sollten und sie ihre erste Mahlzeit am Tag gesichert hätten. Für sie verflog die Zeit, bis sie genügend Klammern zusammen hatten und ins Schulgebäude gegangen waren.
Als die Schulglocke schließlich läutete und die Schüler sich in den Gang schoben, ergriff dann wieder die Nervosität von ihr Besitz. Doch so schnell wie sie gekommen war, verflog sie auch schon wieder, nachdem ihr Sempai die ersten Mädchen angelockt hatte. Schließlich waren es nur Schüler. Irgendwie waren sie alle Zombies, aber trotzdem waren sie Schüler. Keine hochrangigen Mitglieder der Gesellschaft in edlen Anzügen, eleganten Kleidern und hochhackigen Damenschuhen. Sie musste mit ihren Worten nicht aufpassen potentielle Geschäftsbeziehungen ihres Vaters zu gefährden. Sie brauchte den Söhnen der Reichen keine schönen Augen machen und musste keine Freude und keinen Respekt heucheln, wo in Wirklichkeit nur das Verlagen war zu so schnell wie möglich so weit wie möglich zu fliehen.
Hier war alles anders. Vielleicht war sie eine Gefangene dieser Welt, doch der Käfig der Gesellschaft war verschwunden. Hier konnte sie sich aufrichten und vielleicht würden ihr irgendwann die Flügel wachsen, um zu erkunden, ob hinter dieser Welt noch etwas Neues lag, oder ob die Ewigkeit ihr neuer Weggefährte werden sollte.
Rika stach mit ihren eigenen Klamotten deutlich hervor und weckte damit ohne Probleme die Aufmerksamkeit der Schülerinnen. Um sie bildete sich ein Kreis aus Interessierten, während andere Mädchen ihr skeptische, schon fast verwirrte, Blicke zuwarfen. Zuerst fand Yukiko das verwunderlich. Doch nach wenigen Augenblicken meinte sie ihr Zögern verstehen zu können. In dieser Welt gab es keine anderen Kleider als die Schuluniformen. Wahrscheinlich noch nicht einmal in der Zeit nach der Schule. Sah man es so, war Rika eine Anomalie, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und wer weiß schon wie lange die Schüler bereits ohne eine einzige Veränderung in dieser Welt lebten?
Mit einem schüchternen Lächeln gab sich Yukiko einen Ruck und trat zu den zögernden Schülerinnen, um ihnen die Haarklammern direkt anzubieten. Sie hoffte es würde reichen, dass sie noch die ganz normale Schuluniform trug. Und tatsächlich schien sie ausnahmsweise mal Glück zu haben. Nachdem sie die Zögernden direkt angesprochen hatte, bildete sich schon bald eine Traube um sie, von schnatternden Mädchen, die mit ihr über den Preis für die Haarklammern debattierten. Zwischendurch meinte sie immer wieder ein Paar brauner Augen auf sich zu spüren, die sie eindringlich beobachten. Normalerweise hätte sie sich in dieser Situation dabei nichts gedacht, doch den Ausdruck dieser Augen kannte sie nur zu gut von den reichen Söhnen, die versuchten einen bleibenden Eindruck bei ihr zu hinterlassen, um eventuell als Ehemänner ausgewählt zu werden, damit sie am Ende in das Geschäft ihres Vaters einsteigen konnten. Es waren die Augen eines Jägers.
"Freut mich, dass es dir wieder besser geht, Sakamato-san", ertönte plötzlich eine Stimme neben ihr. Sofort hatte sie die Stimme des Schülerpräsidenten erkannt, die direkt seitlich von ihr in ihr Ohr drang. Ein angenehmer Schauer der Überraschung rieselte ihr über die helle Haut. Sie drehte ihren Kopf und fand ohne Probleme das Grün seiner Augen. Für einen Augenblick stand sie wie angewurzelt an Ort und Stelle ohne dass sich auch nur ein Gedanke oder Muskel rührte. Er ging an ihr vorbei, wobei ihr Blick ihm folgte. Dann, ohne nachzudenken, drückte sie die Haarklammern Rika mit einem "Entschuldige Sempai, aber könntest du die bitte eben halten?" in die Hand und holte den Präsidenten mit ein paar schnellen Schritten ein.
"Es freut mich wirklich, dass Sie sich um mich sorgen", sagte Yukiko mit roten Wangen. Die Nervosität war wieder zurückgekehrt und ließ ihre Stimme im Laufe des Satzes immer leiser werden. Doch dieses Mal war es eine andere Art der Nervosität. Sie rührte nicht davon her, dass sie etwas tun musste, was sie sich nicht zutraute. Es war ein völlig anderer Grund. Sie spürte, dass sich das erste Mal in ihrem Leben ein Junge Sorgen um ihre Person machte, die ihren Ursprung nicht in Finanzen hatten. Nicht ganz nebensächlich waren dabei die Blicke der Mädchen, die verwundert über ihren plötzlichen Aufbruch, ihr hinterher schauten und bei der Röte in ihrem Gesicht verstehend grinsten.
Dennoch ließ sich Yukiko nicht beirren und straffte sich innerlich. Diesmal würde sie sich nicht so einfach abschütteln lassen.
"Sie haben mir geholfen und ich kennen Ihren Namen nicht. Bitte verraten Sie ihn mir doch!"