Beiträge von Ryoki

    [Ryan]


    So vorsichtig wie es ihm möglich war, ließ er den Bewusstlosen in einen der Sessel sinken. Bevor er sich weiter umsah kontrollierte er noch einmal seinen gleichmäßigen Puls, um sicherzugehen, dass er noch lebte. Dann wandte er sich dem Tisch zu, worauf Jack sie vor möglichen Giften warnte und dazu riet Knöpfe zu kauen.
    Ryans erste Reaktion war ein äußerst skeptisches Zucken seines linken Mundwinkels. Weder glaubte er, dass es etwas bringen würde, noch war sich so sicher, ob das tatsächlich eine Falle war. Bis jetzt hatte ihr Entführer Regeln aufgestellt und sie auch eingehalten. Ein Barcode für eine Reaktion. Die Rätsel waren zu lösen, sonst wäre es ihnen nicht möglich gewesen aus dem ersten Raum zu entkommen.


    Er ging zum Tisch und griff nach der Flasche, die das Wasser beinhalten sollte. Erstaunlicherweise war sie noch kühl, was bedeutete, dass sie vor nicht allzu langer Zeit dort aufgestellt wurde. Er öffnete sie und schnupperte neugierig an der Flüssigkeit ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Dann zuckte er mit den Schultern und nahm einen kleinen Schluck.
    Um voranzukommen war es seiner Meinung nach wichtig die Spielregeln weiter zu erkunden. Mittlerweile war seiner Meinung nach auch klar, dass das Gift wirklich nur zur Betäubung diente. Sonst wäre der arme Kerl bereits tot. Oder sein Körper würde anders reagieren.


    Zwar verkrampfte sich sein Magen, als er schluckte, doch dabei blieb es dann auch. Anschließend griff zu einem der Sandwichs, schnüffelte und aß. Dann ging er im Raum umher, um die Bilder zu betrachten und sagte derweil mit einem Nicken zu dem Bewusstlosen:
    "Wenn ich mich zu ihm geselle, wisst ihr Bescheid."


    Ihm war zwar mulmig zu mute, aber trotzdem hoffte er, dass seine Einschätzung richtig war. Der Verantwortliche war krank, ohne Frage, aber bis jetzt war er fair. Er spekulierte darauf, dass es so bleiben würde.

    [Ryan]


    Ryan nickte Jack zu und setzte sich wortlos in Bewegung, wobei er dem Mädchen kurz ungeschickt über die Haare strich. Eine kleine Geste, von der er hoffte, dass sie ihr Mut machen würde. Mit Worten versuchte er es gar nicht. Das überließ er Jack, dem Ryan kurz zunickte bevor er sich selbst daran machte die falsche Falltür zu untersuchen.
    Doch bevor er neue Erkenntnisse gewonnen hatte, vernahm er Finas Ausruf und folgte ihrer Geste mit den Augen. Zuerst konnte er nichts erkennen, weshalb er sich zu dem alten Mann gesellte und sich die Entdeckung genauer ansah.
    Mit den Händen war er zwar immer geschickt gewesen, aber das hatte Ryan nie im Bereich der Mechanik und Technik angewandt.
    "Vermutlich haben wir hier gerade eine Tür entdeckt", kommentierte er trocken, um das Offensichtliche den anderen mitzuteilen. Unwillkürlich spannte er seine Muskeln an, die trotz des recht weiten Shirts deutlich erkennbar hervortraten. Ohne auf die anderen zu achten, griff er zu und zog mit kontrollierter Kraft. Sehr zu seinem Erstaunen glitt die massive Stahltür ohne Probleme auf. Weder brauchte er sonderlich viel Kraft, noch gab sie quietschende Laute von sich, was Ryan als Zeichen für die enorme Vorbereitung aufnahm, die in dieses Szenario gesteckt wurde.
    "Okay es ist eine Tür", sagte er vorsichtig, wobei er einen vorsichtigen Blick auf das Flansch warf und dann auf das Rad auf der anderen Seite der Tür. Dann wanderte sein Blick zum Alten weiter. Für einen kurzen Moment hielt er den Blickkontakt, ihn davor warnend alleine weiterzugehen. Nicht zuletzt weil Ryan befürchtete, dass sich die Tür einmal geschlossen nicht wieder öffnen lassen würde.
    Dann wandte er sich ab, durchquerte den Raum mit großen und schnellen Schritten, um zum Bewusstlosen zu gelangen. Dort angekommen hievte er ihn grob auf seinen Rücken, ging zur Tür zurück und sagte:
    "Also wollen wir? Am besten gehen wir alle direkt nacheinander... Wer weiß ob sich das Ding nicht dazu entschließt sich zu schließen, sobald eine gewisse Anzahl an Leuten durchgegangen ist."

    [Ryan]


    Innerlich stellte sich Ryan darauf ein in Zukunft, zumindest solange sie noch gefangen waren, sich immer auf das Schlimmste gefasst zu machen. Wobei er dem Schlimmsten keine Bedeutung zusprechen wollte. Wo auch immer sie gelandet waren, so ziemlich alles würde hier passieren können. Dass dieser Junge vergiftet worden war, war bestimmt nur der Anfang.
    Ähnlich schien es sich mit den Rätseln der Räume zu verhalten. Die Falltür war nur eine Attrappe. Sie sollte falsche Hoffnungen wecken. Wer auch immer dafür verantwortlich war, fand seinen Spaß darin andere leiden zu sehen.


    Ryan ging zu dem Bewusstlosen und tastete nach seinem Puls. Erleichterung ergriff ihn, als er ihn fand.
    "Scheint als wäre er nur bewusstlos. Die Wunde selbst ist auch nicht weiter gefährlich. Die Chancen stehen gut, dass er nur betäubt wurde", sagte er ohne wirklich daran zu glauben. Er wollte nur keine zusätzliche Panik sähen.
    "Das Klicken, als er den Barcode eingescannt hat, muss irgendwas bewirkt haben. Entweder diese Falltür ist tatsächlich nur eine Attrappe, oder sie soll nur so aussehen, damit der Verantwortliche sein Spiel mit uns treiben kann. Am besten untersucht jemand das Ding, während die anderen weiter den Raum absuchen. Wenn wir den Ausgang gefunden haben, werde ich unseren schnarchenden Kollegen tragen."

    [Yukiko Sakamato]
    15:46 Uhr - Cafeteria (2) - Speisesaal


    Yukiko warf einen hilfesuchenden Blick in die Runde. Sie konnte die Fremde nicht einschätzen und wusste nicht wie sie reagieren sollte.
    Erst als sie von der Fremden in die Arme genommen wurde, erstarrte sie förmlich und war unfähig sich zu bewegen, geschweige denn den Monolog der Fremden zu unterbrechen.
    Als sie erwähnte stellvertretende Schülerpräsidentin zu sein, entspannte sie sich ein wenig, was aber an der Gesamtsituation nicht viel änderte. Die Nähe der Unbekannten war ihr mehr als nur unangenehm und auch wenn sie ihr gut zuredete, fühlte sie sich kein Stück wohler oder sicherer. Egal in was für Worte sie es kleidete, die Bedeutung änderte sich nicht.
    Sie wollte, dass Yukiko ihrer Mörderin vergab. So unlogisch das auch war. Immerhin ist sie es gewesen, die diese Ibuki zuerst ein zweites Mal ins Reich der Toten befördert hatte. Zwar war es ein Unfall gewesen, aber trotzdem war es ihre Schuld gewesen. Nach dem sie sich nun an ihr gerächt hatte, waren sie quitt. Sie hatte nicht entfernt daran gedacht, dass es nötig wäre ihr zu vergeben. Sie wurde für ihren Fehler bestraft und damit war die Angelegenheit für Yukiko erledigt gewesen. Würde sie ihr jetzt von Angesicht zu Angesicht eine Vergebung aussprechen, wäre es eine glatte Lüge gewesen.
    Das änderte nichts daran, dass sie mit Ibuki nichts mehr zu tun haben wollte. Bevor sie ihr das Genick gebrochen hatte, strahlte sie solch einen Hass aus, dass es Yukiko noch immer kalt den Rücken hinunter lief.
    Vielleicht wurde Ibuki von ihrem Gewissen geplagt und vielleicht könnte Yukiko diese Last von ihr nehmen. Doch was war danach? Niemals würde diese Person ihren Charakter ändern. Sie hatte die Gewalt genossen. Und die Macht, die diese ihr gewährte. Was hätte Yukiko dem entgegenzusetzen? Nichts. Rein gar nichts. Sie würde nur wieder ihr Opfer werden. Ibuki war solch eine Person. Würde sie ihr jetzt vergeben, würde alles nur von vorne beginnen. Das wollte sie sich unter keinen Umständen antun.


    "Lass uns doch irgendwo hin gehen, etwas reden und ein wenig zur Ruhe kommen." Sie war doch überhaupt erst dafür verantwortlich, dass sich Yukikos Innerstes verkrampfte!

    "Ihr scheint auch nicht wirklich einen ruhigen Tag gehabt zu haben, also gönne dir die Pause." Sie waren gerade dabei gewesen, als sie dazwischen platzte und für Unruhe sorgte!
    Wie viel musste heute denn noch passieren? Sie verkrampfte sich erneut, hob schützend die Schultern und zog den Kopf ein. Sie spürte wie ihre Nerven wieder kurz davor waren sich zum zweiten Mal an diesem Tag zu verabschieden. Yukiko schloss ihre Augen, atmete einmal tief durch und öffnete sie wieder. Dann begegnete sie Jesters sanftem Blick mit widerspenstiger Entschlossenheit. Ihre Nähe schüchterte sie nach wie vor ein, aber trotzdem erwiderte sie:
    "Ich werde diese Ibuki nicht anlügen. Ich werde ihr nicht vergeben, weil es nichts zu verzeihen gibt. Ich habe sie umgebracht und sie mich. Ich brauche keine Entschuldigung und will sie auch nicht. Wenn sie wirklich fühlt, als müsse sie etwas tun, dann soll sie sich von mir fernhalten. Das können Sie ihr ausrichten, wenn Sie unbedingt wollen, Jester-sempai."
    Nach einer kurzen Pause, die Yukiko benötigte um ihre Gedanken zu ordnen und sich weiter zu beruhigen, fuhr sie fort:
    "Ich möchte Ihre Einschätzung nicht anzweifeln Sempai, aber diese Ibuki wird nicht durch erlogene Vergebung aufhören so zu sein, wie sie ist. Es braucht mehr als einen Tag, damit sich ein Mensch ändern kann...
    Und deswegen halte ich es auch nicht für sinnvoll Ihrem Vorschlag nachzukommen... Außerdem würde ich Sie bitten mich los zulassen."

    [Yukiko Sakamato]
    15:44 Uhr - Cafeteria (2) - Speisesaal


    Eben hatte Rika noch ihre Aussage kommentiert, als plötzlich jene Person zu ihnen trat. Yukiko erinnerte sich wage daran, das Mädchen am Morgen zusammen mit Takeshi gesehen zu haben. Hieß das sie gehörte auch zum Schülerrat? Oder war es nur Zufall gewesen?
    Ihr wurde jedoch keine Zeit gelassen darüber zu grübeln, denn diese Person sagte etwas, das ihr mehr als einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
    "Und, konnten du und Ibuki eure Angelegenheit klären?" fragte das Mädchen, wobei sie sich direkt an Yukiko richtete. Zuerst wusste sie nicht, wen sie damit meinte. Trotzdem blieb ihr die Äußerung ihres Wunsches, Rika und Leo in die Bibliothek zu begleiten, im Hals stecken. Dann kam ihr langsam die Erkenntnis. Es gab nur eine Person in dieser Welt mit der sie so etwas wie eine offene Rechnung hatte.
    Auch wenn das aus ihrer Sicht nicht wirklich zutreffend war.
    Das braunhaarige Mädchen, das ihr heute das Genick gebrochen hatte und danach einfach verschwunden war. Glücklicherweise verschwunden war.
    Yukiko hatte nicht den geringsten Wunsch diese Person noch ein einziges Mal in ihrem Nachleben zu sehen. Ihr war bewusst, dass es sich in dieser begrenzten Welt wohl kaum vermeiden lassen würde, aber trotzdem sträubte sich alles in ihr gegen den Kontakt zu diesem Mädchen.
    Ihr Körper wurde von einem Zittern erfasst und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihre Intuition sagte ihr, dass ein Treffen nur Geschehenes wiederholen würde. Wahrscheinlich würde sie erneut sterben.
    Vielleicht diesmal nicht so schnell, sondern langsamer. Und qualvoller. Sie wollte nicht sterben. Nicht schon wieder.
    Sie verkrampfte sich noch stärker als sie es ohnehin schon war, krallte sich in den Stoff ihres Rocks und erwiderte mit piepsiger Stimme:
    "Ich habe nicht vor mich freiwillig mit... mit... dieser Mör... dieser Person zu treffen. Nicht jetzt und auch nicht in Zukunft!"

    [Yukiko Sakamato]
    15:44 Uhr - Cafeteria (2) - Speisesaal

    Yukiko ahnte worauf Hayatos Vorschlag hinauslaufen würde. Die Gruppe würde sich wohl wieder trennen und jeder würde sich entsprechend nach seinen Interessen in den Clubs einfinden. Oder halt auch nicht. Das änderte nichts daran, dass sie in absehbarer Zeit wieder alleine sein würde. Und davor hatte sie Angst. Zwar war ihr bewusst, dass spätestens in der Nacht alle voneinander getrennt sein würden, trotzdem wollte sie es nicht. Die Gruppe hatte sie stehts abgelenkt und verhindert, dass die Erinnerungen zurückkehrten, die sie so sehr fürchtete. Ihr Nervenzusammenbruch in der ersten Pause hatte ihr gereicht, obwohl es höchst wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack gewesen ist, auf das was noch kommen würde, wenn Takeshi mal nicht in der Nähe sein sollte. Oh ja sie fürchtete sich vor der Nacht und vor dem Alleinsein.
    Und das aus dem gleichen Grund, warum sie die anderen bis jetzt nicht gefragt hatte, wer sie eigentlich waren und was ihnen widerfahren ist. Da war ihre Angst sich dadurch zu erinnern größer als ihre Neugierde, die von Augenblick zu Augenblick zu wachsen schien.


    Sie verkrampfte sich unmerklich, zwang sich zu einem aufgesetzten Lächeln und sagte:
    "Stimmt... Mit den Clubs kann man bestimmt Zeit totschlagen, wenn man möchte. Und vielleicht erfährt man von den anderen Schülern auch noch etwas, das wir nicht wissen. Wobei ich das nicht glaube... Als wir heute die Haarklammern getauscht haben, hatte ich das Gefühl bekommen, dass sie... in ihrer eigenen Welt leben würden. So als wäre ihre Wahrnehmung anders als unsere, als wäre ihnen nicht bewusst, dass sie im Grunde wandelnde Tote sind!"
    Dann verstummte sie und ihr Blick senkte sich. Ihre Hände vergruben sich in den Falten ihres Rocks. Eine plötzlich Kälte fuhr ihr den Rücken herab. Ihre Gedanken setzten aus. Ohne sich davon abhalten zu können, flüsterte so leise, dass, wenn überhaupt jemand, nur Rika und Honoko sie verstehen konnten.
    "Vielleicht geht es ihnen ähnlich wie mir. Vielleicht wollen sie nicht mehr wandeln..."

    [Yukiko Sakamato]
    15:42 Uhr - Cafeteria (2) - Speisesaal


    Yukiko hatte nur zögerlich, fast schon widerwillig zugestimmt. In ihren Augen war Rika eine Respektsperson, nicht nur weil sie älter war als sie selbst, sondern auch wegen ihrer Gabe Dinge erschaffen zu können. Da Rika allerdings darauf bestand und sie sie nicht kränken wollte, behielt sie ihr Zögern für sich und beschwerte sich nicht. Nicht nur das, sie fühlte sich dadurch dazu gezwungen gleichzuziehen und bot den Mädchen sowohl den Vornamen, wie auch den Kosenamen "Yuki" an.


    Als die Jungen wieder zu ihnen stießen, glitt Yukikos Blick über Leo. Besorgt sah sie seine Wut. Mit einem weiteren Blick zu Hayato versicherte sie sich, dass es zwischen den beiden kein böses Blut gegeben hat. Trotzdem ließ das die Frage übrig, was denn geschehen war. Sie wollte sich nichts anmaßen und schwieg daher. Vielleicht war sie auch nur zu erschöpft, um seine Emotionen richtig zu deuten.


    Während sie aßen, machte sich die Müdigkeit immer weiter bemerkbar. Zwar war es noch früh am Tag, doch die warme Mahlzeit und der Tee entspannten sie, was sie schläfrig machte. Und sie genoss es. Es war anders, als die Erschöpfung vom Mittag. Sie war nicht ihren überstrapazierten Nerven zu verdanken, sondern einem kurzweiligen Gefühl von Frieden und Normalität. Auch wenn sie im Vergleich zu den anderen ein wenig auffiel, auch wenn sie das nicht bemerkte. Die Regeln der Etikette, die Teil ihrer Erziehung gewesen waren, befolgte sie unbewusst, was für eine ganz normale Schulkantine ein wenig fehl am Platz wirkte.


    Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem, genoss ihn mit geschlossenen Augen und stellte die Tontasse mit beiden Händen gefasst anmutig auf den Tisch zurück. Währenddessen hob sie ihre Lider wieder an und gestand lächelnd:
    "Ich fühle mich wie neugeboren... Irgendwie ironisch."
    Nach einer Pause fügte sie hinzu:
    "Und was machen wir, wenn wir hier fertig sind?"

    [Yukiko Sakamato]
    15:06 Uhr - Schulgebäude - Gebäude B, Erdgeschoss


    "Es ist doch ein Anfang", sagte Takeshi, was dazu führte, dass Yukiko für einen kurzen Augenblick verstummte. Sie blinzelte Takeshis Rücken an, während er weiter Abstand zwischen sie und ihn brachte.
    'Er hat mich gelobt?', fragte sie sich verblüfft. Ihre Wangen glühten und ein fluffiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Nicht aus Scham, sondern weil sie sich freute. Irgendwo regte sich Widerstand. Ihre Reaktion sei übertrieben. Die Lehrer hatten sie ständig gelobt und Komplimente hatte sie ständig an den Kopf geworfen bekommen. Warum also wurde sie plötzlich wegen einem einzigen Satz so glücklich? Ohne weiter darüber nachzudenken, legte sie die Hände zusammen und verbeugte sich leicht hinter Takeshi.
    "Hai! Ich werde weiterhin mein Bestes geben."


    Für eine Sekunde verharrte sie noch in ihrer gebeugten Haltung, richtete sich dann aber wieder auf und ging motiviert zurück zu den anderen Beiden. Das Getuschel und die Blicke der anderen Schülerinnen, denen Yukiko die Haarklammern verkauft hatte und die diese kurze Unterhaltung aufmerksam verfolgt hatten, bemerkte sie gar nicht.

    [Yukiko Sakamato]
    15:05 Uhr - Schulgebäude - Gebäude B, Erdgeschoss


    Zuerst stutzte Yukiko bei Takeshis Worten, bis ihr schließlich wieder das Informationssystem in den Sinn kam. Dann lächelte sie, schüttelte leicht den Kopf und sagte:
    "Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Kaichou. Schließlich wissen wir noch viel zu wenig über diese Welt und ihr System... Aber trotzdem danke, dass Sie ihn mir verraten haben. Das saß mir die ganze Zeit im Hinterkopf."
    Nachdem sie geendet hatte, lief sie noch zwei, drei Schritte neben ihm her. Sie hatte noch so viele Fragen, die sie ihm hatte stellen wollen. Doch noch bevor sie sie aussprechen konnte, verschwanden sie. Sie waren einfach weg. Panisch durchkämmte sie ihre Hirnwindungen auf der Suche nach den verschwunden Biestern, doch sie hatten sich zu gut versteckt. Ihre Schritte verlangsamten sich, bis sie hinter Takeshi zurückblieb. Das konnte doch nicht sein! Sie wusste genau, dass sie noch so vieles erfahren wollte. Trotzdem war nur Leere in ihrem Kopf.
    "I-ich glaub ich sollte dann wieder zurück zu den anderen", murmelte sie beschämt. So etwas war ihr noch nie passiert!

    [Yukiko Sakamato]
    15:05 Uhr - Schulgebäude - Gebäude B, Erdgeschoss

    Yukiko konnte ihre Faszination nicht unter Kontrolle halten. Während Rika die Haarklammern aus dem Dreck, oder dem Staub, wie man es nennen wollte, erschuf sah sie mit vor Staunen aufgerissenen Augen zu. Egal wie sie es betrachtete es war eine bewundernswerte Fähigkeit. Am liebsten hätte sie sich gleich so eine Haarklammer eingesteckt, doch sie hielt sich zurück. Vielleicht später wenn noch welche übrig bleiben sollten und sie ihre erste Mahlzeit am Tag gesichert hätten. Für sie verflog die Zeit, bis sie genügend Klammern zusammen hatten und ins Schulgebäude gegangen waren.


    Als die Schulglocke schließlich läutete und die Schüler sich in den Gang schoben, ergriff dann wieder die Nervosität von ihr Besitz. Doch so schnell wie sie gekommen war, verflog sie auch schon wieder, nachdem ihr Sempai die ersten Mädchen angelockt hatte. Schließlich waren es nur Schüler. Irgendwie waren sie alle Zombies, aber trotzdem waren sie Schüler. Keine hochrangigen Mitglieder der Gesellschaft in edlen Anzügen, eleganten Kleidern und hochhackigen Damenschuhen. Sie musste mit ihren Worten nicht aufpassen potentielle Geschäftsbeziehungen ihres Vaters zu gefährden. Sie brauchte den Söhnen der Reichen keine schönen Augen machen und musste keine Freude und keinen Respekt heucheln, wo in Wirklichkeit nur das Verlagen war zu so schnell wie möglich so weit wie möglich zu fliehen.
    Hier war alles anders. Vielleicht war sie eine Gefangene dieser Welt, doch der Käfig der Gesellschaft war verschwunden. Hier konnte sie sich aufrichten und vielleicht würden ihr irgendwann die Flügel wachsen, um zu erkunden, ob hinter dieser Welt noch etwas Neues lag, oder ob die Ewigkeit ihr neuer Weggefährte werden sollte.


    Rika stach mit ihren eigenen Klamotten deutlich hervor und weckte damit ohne Probleme die Aufmerksamkeit der Schülerinnen. Um sie bildete sich ein Kreis aus Interessierten, während andere Mädchen ihr skeptische, schon fast verwirrte, Blicke zuwarfen. Zuerst fand Yukiko das verwunderlich. Doch nach wenigen Augenblicken meinte sie ihr Zögern verstehen zu können. In dieser Welt gab es keine anderen Kleider als die Schuluniformen. Wahrscheinlich noch nicht einmal in der Zeit nach der Schule. Sah man es so, war Rika eine Anomalie, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und wer weiß schon wie lange die Schüler bereits ohne eine einzige Veränderung in dieser Welt lebten?
    Mit einem schüchternen Lächeln gab sich Yukiko einen Ruck und trat zu den zögernden Schülerinnen, um ihnen die Haarklammern direkt anzubieten. Sie hoffte es würde reichen, dass sie noch die ganz normale Schuluniform trug. Und tatsächlich schien sie ausnahmsweise mal Glück zu haben. Nachdem sie die Zögernden direkt angesprochen hatte, bildete sich schon bald eine Traube um sie, von schnatternden Mädchen, die mit ihr über den Preis für die Haarklammern debattierten. Zwischendurch meinte sie immer wieder ein Paar brauner Augen auf sich zu spüren, die sie eindringlich beobachten. Normalerweise hätte sie sich in dieser Situation dabei nichts gedacht, doch den Ausdruck dieser Augen kannte sie nur zu gut von den reichen Söhnen, die versuchten einen bleibenden Eindruck bei ihr zu hinterlassen, um eventuell als Ehemänner ausgewählt zu werden, damit sie am Ende in das Geschäft ihres Vaters einsteigen konnten. Es waren die Augen eines Jägers.


    "Freut mich, dass es dir wieder besser geht, Sakamato-san", ertönte plötzlich eine Stimme neben ihr. Sofort hatte sie die Stimme des Schülerpräsidenten erkannt, die direkt seitlich von ihr in ihr Ohr drang. Ein angenehmer Schauer der Überraschung rieselte ihr über die helle Haut. Sie drehte ihren Kopf und fand ohne Probleme das Grün seiner Augen. Für einen Augenblick stand sie wie angewurzelt an Ort und Stelle ohne dass sich auch nur ein Gedanke oder Muskel rührte. Er ging an ihr vorbei, wobei ihr Blick ihm folgte. Dann, ohne nachzudenken, drückte sie die Haarklammern Rika mit einem "Entschuldige Sempai, aber könntest du die bitte eben halten?" in die Hand und holte den Präsidenten mit ein paar schnellen Schritten ein.
    "Es freut mich wirklich, dass Sie sich um mich sorgen", sagte Yukiko mit roten Wangen. Die Nervosität war wieder zurückgekehrt und ließ ihre Stimme im Laufe des Satzes immer leiser werden. Doch dieses Mal war es eine andere Art der Nervosität. Sie rührte nicht davon her, dass sie etwas tun musste, was sie sich nicht zutraute. Es war ein völlig anderer Grund. Sie spürte, dass sich das erste Mal in ihrem Leben ein Junge Sorgen um ihre Person machte, die ihren Ursprung nicht in Finanzen hatten. Nicht ganz nebensächlich waren dabei die Blicke der Mädchen, die verwundert über ihren plötzlichen Aufbruch, ihr hinterher schauten und bei der Röte in ihrem Gesicht verstehend grinsten.
    Dennoch ließ sich Yukiko nicht beirren und straffte sich innerlich. Diesmal würde sie sich nicht so einfach abschütteln lassen.
    "Sie haben mir geholfen und ich kennen Ihren Namen nicht. Bitte verraten Sie ihn mir doch!"

    [Yukiko Sakamato]
    14:05 Uhr - Lehrerwohnheim - Haupteingang

    "Es gibt hier also auch einen Keller...", stellte sie weniger überrascht fest, während sie auf ihren Sempai wartete. Allgemein ging sie davon aus, dass es vieles in dieser Welt gab, das das Auge nicht auf den ersten Blick traf.
    "Ich war noch nie ein großer Freund vom Schleppen, von daher finde ich die Idee gut", stimmte Yukiko dem Vorschlag zu und wartete darauf, dass sie fertig wurde. Von welchem Gebäude sie wohl gesprochen hatte?

    [Yukiko Sakamato]
    14:04 Uhr - Lehrerwohnheim - Eingangshalle


    "Um in einer Welt wie dieser nicht einen Rappel zu kriegen, brauchen wir schon einiges an Ablenkung", sagte Rika. Yukiko wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte und nickte nur mit einem schwachen Lächeln. Ihre Gedanken kreisten um die Leere, die ihr Tod zurückgelassen hatte. Früher hatte die Schule den größten Teil ihres Lebens eingenommen. Ihr Vater hatte sie darauf getrimmt immer eine der besten, wenn nicht sogar die beste Schülerin zu sein. Dementsprechend hatte sie stundenlangen Privatunterricht über sich ergehen lassen müssen. Wobei das vielleicht eine unangemessene Formulierung gewesen ist. Sie hatte immer gerne gelernt, um ihren Durst nach Wissen zu stillen. Leider war ein Großteil des Wissens das für die Schule notwendig war, einfach nur uninteressant gewesen.
    Am Ende ihrer Schulzeit wäre sie gerne auf eine Universität gegangen. Dank ihres Elternhauses hätte man sie garantiert nicht abgelehnt, selbst wenn sie die Beitrittsprüfungen nicht bestanden hätte. Allerdings war das auch der Grund, warum es nur ein naiver Traum gewesen war. Sobald sie 16 geworden war, hatte ihr Vater damit begonnen einen Ehemann für sie zu suchen. Im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern war es in Japan so, dass Mädchen bereits mit 16 offiziell heiraten durften, während die Männer auf das 18. Lebensjahr warten mussten. Eine seltsame Regelung wie sie fand. Wäre sie nicht gestorben hätte sie sich jedenfalls in einer Woche verloben müssen und damit wäre ihr Traum geplatzt. Nicht das ihr Tod daran etwas geändert hätte. Aber immerhin musste sie jetzt keine Hausfrau und junge Mutter werden. Ob das in dieser Welt überhaupt möglich wäre? Immerhin schien es als wäre das durchschnittliche Alter der Gefangenen dieser Welt hoch genug, um Beziehungen möglich zu machen. Sie würde sich eher wundern, wenn es keine gäbe. Immerhin gab es hier jede Menge pubertierende Jugendliche.
    Mit einem innerlichen Seufzen schob sie die Gedanken beiseite. Sie gingen nämlich zum wiederholten Male in eine Richtung, die sie nur deprimieren würde. Was hatte der Schülerpräsident noch gleich gesagt? In dieser Welt würde sie sein können, wie sie es immer wollte... Leichter gesagt als getan, aber sie würde es tun. Schritt für Schritt.


    "Wir brauchen... Dreck dafür, richtig? Also ganz normale Erde? Die gibt es ja hier überall", meinte sie, während sie die Schuhe wechselte. Ihr Blick glitt über Rikas Stiefel und für einen Moment wünschte sie sich Schuhe mit Absätzen... Zumindest ein paar kleine, damit sie zumindest ein paar Zentimeter größer erschien, als sie eigentlich war.

    [Ryan]


    "Ich habe diesen B-Barcode auch.. am Knöchel.. W-Was hat das zu bedeuten?!", fragte Taylee.
    Zuerst überlegte Ryan wie er ihr das beibringen konnte. Er schätzte, dass sie nicht sonderlich alt war, vielleicht zu jung, um den Horror der Situation direkt erklärt zu bekommen. Glücklicherweise wurde ihm die Entscheidung von den anderen abgenommen, als der Scanner gefunden wurde.
    Der Barcode setzte einen Mechanismus in Gang, der höchst wahrscheinlich den Ausweg öffnen würde. Aber warum hatte dann jeder von ihnen so einen Code? Die Erklärung war offensichtlich. Es würde mehrere Räume geben.
    Nachdem das Geräusch wieder verstummte, lächelte er das Mädchen an, wobei er nicht gegen den grimmigen Ausdruck unternehmen konnte, der sich auf sein geschlichen hatte, und sagte:
    "So wie es aussieht sind diese Codes unser Schlüssel für die Freiheit."
    Nach einer kurzen Pause, in der sicher stellte, dass niemand im Weg stand, ging er den Teppich an.
    "Dann wollen wir das Ding mal bewegen. Auf drei. 1, 2, 3!"



    [Ryan]


    Langsam wurden Ryan die Ausmaße der Situation klar. Sie waren gefangen und wurden zu Spielbällen in den Händen eines unbekannten reduziert. Der kurze Clip des Projektors, die Entdeckung der Barcodes vom Mädchen... Wahrscheinlich mussten sie um ihr Leben fürchten.
    Schweigend untersuchte sich Ryan und entdeckte ebenfalls auf der Unterseite seines Handgelenks einen Strichcode. Für einen Moment starrte er ihn böse an, als könnte er ihn so vertreiben. Dann schnalzte er mit der Zunge und registrierte dann erst, die Tränen des Mädchens. Ryan war schlecht gelaunt und er war schon immer schlecht darin gewesen in solchen Situationen ein freundliches Gesicht zu machen. Würde er versuchen sie zu trösten, würde er wahrscheinlich nur den gegenteiligen Effekt erzielen.
    'Wunderbar..', dachte er und sah wieder zur Projektion des Countdowns. Sie musste hier raus.


    Er drehte sich um und tastete die Wände mit seinem Blick ab. Nur in den Schatten konnte sich noch etwas verstecken. Dann glitt sein Blick wieder zur Mitte und blieb am Boden hängen. Unter Umständen konnte sich noch etwas unter dem Teppich verbergen.
    "Ich will nicht wissen, was passiert, wenn der Countdown abläuft", sagte er entschlossen.
    "Einer tastet die Wände in den dunklen Ecken des Raums ab. Vielleicht verbirgt sich da noch etwas. Der Rest hilft mir am besten den Teppich wegzuschaffen. Vielleicht geht es nach unten weiter. Nach oben können wir ja ganz offensichtlich nicht." Er verstärkte seine Aussage, indem er dem Lichtstrahl folgte, der aus der Schwärze der Decke auf die Wand strahlte.
    Dann krempelte er sich die Ärmel hoch, wodurch er ein paar muskulöser Arme entblößte. Mit einem Lächeln sagte er:
    "Also hopp steht auf. Ich will euch nicht einrollen."


    'Wenn ich den Verantwortlichen in die Finger kriege, wird er seines Leben nicht mehr froh!'