[Yukiko Sakamato]
15:08 Uhr – Gelände der Schule - Pausenhof
Ein wenig planlos stand Yukiko mitten auf dem Pausenhof und warf den vorbeiziehenden Leuten suchende Blicke zu in der Hoffnung Honoka zu finden. Wie sie es befürchtet hatte, war das Unterfangen nicht gerade von Erfolg gekrönt, also begab sie sich zu den Klubräumen. Vielleicht hatte sie ja bei den Musikern mehr Glück. Doch auch dort fand sie sie nicht. Vielleicht hatte sie sie ja gerade so verpasst? Yukiko biss sich auf die Unterlippe und überlegte, wo sie noch suchen sollte. Honoka war die Einzige in ihrem Alter, weswegen Yukiko sie auf jeden Fall auch mit zu den Selbstverteidigungsübungen bringen wollte.
Deswegen suchte sie auf gut Glück weiter, streunte durch die Cafeteria, den Rest des Schulgebäudes, warf kurz einen Blick auf das Dach der Schule und versuchte von da aus mit zusammengekniffenen Augen den Blondschopf Honokas. Allerdings erneut erfolglos.
Sie seufzte und schlenderte wieder die Treppen herunter. So würde sie sie wohl kaum finden. Wahrscheinlich wollte sie gerade nicht einmal gefunden werden. Yukiko konnte gut verstehen, dass sie angesichts der Situation Zeit für sich haben wollte. Auch wenn sie das ein wenig enttäuschend fand. Aber nicht jeder brauchte Gesellschaft so dringend wie sie.
Schlechten Gewissens entschloss sie sich die Suche hintenan zu stellen. Sie hatte noch etwas mehr als eine dreiviertel Stunde bis zum verabredeten Termin in der Cafeteria. Die Zeit würde sie nutzen, um ein wenig mehr über ihren eigenen Körper in Erfahrung zu bringen und wie effektiv ihr Wissen zur Verteidigung tatsächlich war. Und was war dafür besser geeignet als sich mit den Kampfkunstclubs der Schule anzulegen? Wenn es solche denn überhaupt gab.
Sie tigerte also neugierig zur Turnhalle und spähte schüchtern hinein. Sie war groß. Sogar größer, als die Sporthalle ihrer alten Schule und die war schon beeindruckend gewesen. Sieben großen Hallen, alle von einander abtrennbar, ausgestattet mit so ziemlich allem was man brauchte. Fußballtore, Basketballkörbe, kleinere Hockeytore, Schwebebalken, Hochsprungstäbe und Latten, und so weiter und so fort.
Zuerst schien es als würde sie sich für eine weitere Enttäuschung bereit machen müssen, doch dann entdeckte sie in den hinteren Hallen einige Schüler in weißen Kampfanzügen mit Gürteln und schwarzen Hosen. Sie wollte die Halle nicht mit ihren normalen Schuhen betreten, weshalb sie nicht den direkten Weg nahm, sondern den über den Gang für die Umkleidekabinen, der rechts neben den Hallen verlief.
An der Tür für die sechste Halle blieb stehen und spähte wieder hinein. Tatsächlich. Die Schüler übten tatsächlich eine Kampfkunst. Und Yukiko erkannte sie sogar. Es war Kwoon Do, für das sie selbst nie die passenden körperlichen Fähigkeiten gehabt hatte. Aufregung und Nervosität stiegen in ihr auf. Sollte sie wirklich?
Doch bevor sie eine Entscheidung fällen konnte, kamen drei Schüler hinter ihr auf die Tür zu. Yukiko war gerade im Begriff sich um zudrehen, als einer von ihnen sagte: "Seht mal, eine Besucherin. Und dann auch noch so ein kleines Püppchen! Ich wette sie wollte mal ein paar echte Männer in Aktion sehen!"
Yukikos Wangen färbten sich leicht rosa, als sie sich den Sprecher ansah. Kurze aber wilde, schwarze Haare, ein kantiges Gesicht, ungefähr 1,63 groß und Augen, die sie an einen Falken im Sturzflug erinnerten. So intensiv und bohrend waren sie. Neben ihm standen anscheinend zwei seiner Freunde, die ihm bereits warnende Blicke zuwarfen. Sie beide waren gut einen Kopf größer, als das Falkenauge, der in der Mitte mit braunen Haaren, offensichtlich ein Ausländer, und der linke ebenfalls mit schwarzen Haaren, die ihm allerdings glatt bis zu den Schultern reichten.
Noch konnte sie einen Rückzieher machen. Aber sie musste sichergehen, dass ihr Können den anderen auch etwas brachte. Nein, sie konnte jetzt nicht kneifen. Außerdem konnte sie nicht leiden, wie er mit ihr sprach. Sie hatte heute schon dank Ibuki genug respektloses Verhalten über sich ergehen lassen müssen. Also sagte sie:
"Klein? Irgendwie ironisch. Im Vergleich zu deinen Freunden kommst du mir wie ein Kleinkind vor."
Überrascht blinzelte er. Seine Freunde warfen sich lachende und zugleich alarmierte Blicke zu. Dann baute sich das Falkenauge vor ihr auf und knurrte:
"Vorsichtig, Kleines! Du weiß nicht mit wem du dich hier anlegst!"
Yukiko ertappte sich dabei, wie sie in alte Verhaltensmuster zurück zu fallen drohte. Sie hatte schon ihre Schultern nach vorne ziehen, ihren Kopf senken und Hilflosigkeit ausstrahlen wollen. Jedoch stoppte sie das so schnell sie es bemerkte. Stattdessen stemmte sie ihre Hände in die Hüften, hob ihren Kopf und erwiderte seinen Blick direkt.
"Einem vorlauten Zwerg?" Hinter ihm gestikulierten seine Freunde, dass sie es nicht weiter treiben sollte. Aber da sie ja genau das wollte, beachtete sie es nicht.
"Du...", knurrte er.
"Du könntest mir beweisen, dass ich falsch liege, in dem mit mir einen kleinen Übungskampf machst. Nichts wildes, ich möchte dich nicht zu sehr demütigen. Sagen wir derjenige, der zuerst auf der Matte liegt, verliert die Runde. Insgesamt tragen wir drei Runden aus, und derjenige, der zuerst zwei Siege hat gewinnt."
Nun war er völlig aus dem Konzept geworfen worden. Ungläubig starrte er sie an, als ob er seinen Ohren nicht trauen konnte.
"Du willst gegen mich kämpfen?", fragte er zur Sicherheit noch einmal. Yukiko nickte und ignorierte dabei die blassen Gesichter seiner beiden Freunde. Der Ausländer ging dazwischen:
"Ken, das ist eine schlechte Idee. Kouhai-san, unser Ken hier gehört zu den Besten, trotz seiner Größe. Ich würde dir nicht raten, das zu tun."
Yukiko lächelte ihn an, beruhigt darüber dass wenigstens seine Freunde über eine Portion Verstand verfügten, schüttelte dann aber den Kopf.
"Danke, dass du dir Sorgen machst, aber das ist nicht nötig."
"Nicht nötig... So so, du hältst ganz schön große Stücke auf dich, Kleines", brummte Ken.
Sie lächelte ihn an und fragte:
"Und? Bist du dabei, oder rennst du weg?"
Sein rechtes Auge zuckte in Wut. Sie hatte einen wunden Punkt getroffen, was ihr irgendwo Leid tat. Vielleicht würde sie sich nach dem Kampf bei ihm entschuldigen.
"In Ordnung", knurrte er, "wir kämpfen, aber wenn du nachher flennst, wie ein Baby, beschwer dich nicht. Ich werde dich nicht mit Samthandschuhen anfassen."
"Gut, können wir dann sofort starten? Ich habe leider nicht mehr so viel Zeit."
"Du unverschämtes Gör..."
"Spar dir deine Beleidigungen bis du mich auf die Matte gelegt hast."
"Hmpf! Dann komm!"
Während wir sie sich vorbereiteten, versuchten seine Freunde sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Allerdings schafften sie es bei keinem von den beiden. Während der Vorbereitung schlug Yukiko das Angebot aus, sich einen Anzug auszuleihen, sehr zur Verwunderung aller Anwesenden. Sie legte lediglich die Arm- und Beinschoner, wie auch den Kopfschutz an. Ken lächelte derweil bösartig und flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: "Na dann bin ich mal gespannt was für Unterwäsche die kleine Miss heute trägt. Die Zuschauer wird es bestimmt auch interessieren."
Zuschauer? Verwirrt blickte sich Yukiko um. Und tatsächlich. Die Neuigkeit dass es einen Übungskampf zwischen Ken und ihr gab, hatte sich wie ein Lauffeuer in der Turnhalle verbreitet. Viele Klubs hatten eine Pause eingelegt und spähten neugierig herüber oder bildeten einen Kreis um die Matten, um besser zuzusehen zu können. Yukiko lief knallrot an. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Und natürlich war die Mehrzahl der Zuschauer männlich! Egal, alles war gut, solange sie nicht auf die Matte geworfen wurde... Oder zu hohe Tritte ansetzte. Das war plötzlich viel schwerer, als sie dachte. Trotzdem... Sie durfte auf keinen Fall verlieren! Die Scham würde sie niemals überleben.
Mit neuer Entschlossenheit stellte sie sich Ken gegenüber. Einer seiner Freunde übernahm die Rolle des Schiedsrichters. Sie verbeugten sich und dann begann die erste Runde.
Yukiko nahm eine Haltung ähnlich wie die Deckung beim Boxen ein, nur dass ihre Handrücken nicht zum Gegner, sondern jeweils zur Seite zeigten. Ken zögerte nicht in die Offensive zu gehen und sandte ihr einige Schläge entgegen. Sie bemerkte zuvor, dass er sich zurückhielt, während sie jedem Schlag mit flinken Bewegungen auswich. Gleichzeitig wurde ihr aber auch bewusst, dass er mindestens so viel Kraft wie Ibuki besaß, wenn nicht sogar bedeutend mehr. Zuerst hatte sie es nicht bemerkt, aber unter dem Anzug mussten sich einige wirklich gut trainierte Muskeln befinden.
Nach einem etwa zweiminütigen Tanz verlor er die Geduld und setzte ihr stärker nach. Und genau darauf hatte sie gewartet. Er unterschätzte sie noch immer, was ihr erlaubte, mit einem Ausfallschritt nach vorne, ihr bisheriges Muster zu durchbrechen. Während der Schlag auf sie zuflog schob sie ihre linke Hand mit dem Handrücken voran entlang seines Unterarms und drückte ihn dabei leicht zur Seite. Der Schlag pfiff so an ihrem Ohr vorbei und sie befand sich innerhalb seiner Deckung. Ohne zu zögern um ihm keine Zeit zum reagieren zu geben, nutzte sie ihren eigenen Schwung aus, ballte ihre Linke zur Faust und ließ sie gegen seinen Kopf krachen. Sie war zwar körperlich weit unterlegen, doch der Schwung aus seinem Schlag vervielfachte die Wirkung ihres Angriffs, sodass selbst er die Auswirkungen spüren sollte. Um sicher zu gehen, setzte Yukiko nach. Noch immer den Schwung aus ihrem Ausfallschritt und dem Schlag nutzend, ließ sie ihren linken Ellbogen auf ihn zu schnellen, der den überraschten Ken ebenfalls ohne Gegenwehr traf. Das benebelte ihn so sehr, dass er anfing zu taumeln. Mit der Rechten packte sie ihm am Kragen seines Anzugs und führte mit ihrem Fuß eine Sichelbewegung aus, die ihm ein Standbein raubte. Ein wenig Druck auf den Oberkörper und er verlor sein Gleichgewicht, wodurch er auf den Hintern plumpste.
Ein Raunen durchlief die Zuschauer. Einige lachten, andere sahen Yukiko beeindruckt an. Sie dagegen warf dem verdutzten Ken nur einen wütenden Blick zu.
"Von wegen harter Kerl. Du fasst mich doch mit Samthandschuhen an."
Dann erst begriff er, was passiert war. Sein Gesicht wurde knallrot und er sprang wieder auf die Beine. Sein Blick brannte förmlich.
Die nächste Runde startete und wie erwartet, wollte er nicht verlieren. Er setzte Yukiko bedeutend härter nach. Seine Schläge wurden schneller und härter, teilweise versuchte er sie in einen Griff zu zwingen, wenn sie versuchte unter seine Deckung zu schlüpfen. Als er sie nicht zu fassen bekam, erkannte er ihre Schwachstelle. Sie war mittlerweile schwer am Atmen und die Uniform klebte ihr förmlich am Körper. Sie war diese Art der Anstrengung nicht gewohnt.
Also fing er an sie mit Lowkicks und weiteren Schlägen über die Matten zu treiben. Yukiko erkannte sein Vorhaben und bemerkte, dass er so auf jeden Fall gewinnen würde. Seine Ausdauer war bedeutend besser, als ihre es jemals sein würde. Diesmal musste sie also in die Offensive gehen und es schnell beenden.
Doch ehe sie eine Lücke in seiner Verteidigung finden konnte, verlor er seine Geduld. Oder schätzte ihre verbleibende Agilität falsch ein. Er setzte zu einem Tritt gegen ihren Brustkorb an, den sie für sich nutzte. Sie tauchte unter ihm hinweg, war darauf nah genug an ihm dran, um ihren Ellbogen in seiner Seite zu versenken. Er blockte den Schlag, achtete dabei jedoch nicht darauf, dass sie einen Lowkick gegen sein aktuelles Standbein ausführte. Dieser traf auf Höhe seines Knies, was ihn trotz des Schutzes ächzen ließ. Yukiko witterte ihre Chance und verhinderte durch Schlagkombinationen, dass er Abstand zu ihr gewinnen konnte. Wieder blitzte Wut in seinen Augen auf und er holte zu einem weiten Schlag aus.
Sie dachte nicht, dass er denselben Fehler ein zweites Mal machen würde, wie in der ersten Runde veränderte sie die Flugbahn des Schlags und setzte zu der Kombo an. Allerdings schien er damit gerechnet zu haben und nutzte seine freie Hand um ihre Uniform zu greifen. Er drehte seinen Oberkörper ein und streckte seine Hüfte raus. Er plante einen simplen Hüftwurf. Überrascht schlug ihm Yukiko in die offene Seite und trat sogleich in seine Kniekehlen in der Hoffnung, dass er sie loslassen würde. Doch das tat er nicht. Sie biss die Zähne zusammen und legte ihr Kinn auf die Brust, als sie spürte, dass sie den Boden unter den Füßen verlor. Doch nur einen Wimpernschlag später machte ihr Körper eine abrupte Abwärtsbewegung und Ken ächzte erneut. Irgendwie wurde sie herumgeschleudert, wobei sie die Orientierung verlor. Und plötzlich knallte sie mit dem Kopf auf den Boden. Für einen Moment klingelten ihre Ohren. Jemand stöhnte und sie versuchte sich hochzustemmen, um zu erkennen was passiert war. Doch als sie ihre Hände auf den Boden setzte, spürte sie nur eine warme, sich bewegende Masse. Sie blinzelte und erkannte, dass sie halb auf Ken gelandet war, der es irgendwie geschafft hatte sich in seinem Wurf noch auf den Rücken zu drehen. Sein Schweißgeruch stieg ihr in die Nase und mit der linken Hälfte ihres Körpers konnte sie sein hämmerndes Herz spüren. Allerdings dachte sie in diesem Moment nicht daran sich zu bewegen. Vorher gab es noch etwas wichtigeres zu klären.
Er schien nicht minder überrascht und verwirrt zu sein, als Yukiko, weswegen sie nach einem kurzen Blickaustausch ruckartig zum Schiedsrichter sahen.
Dieser wirkte ein wenig beunruhigt und war bereits heran geeilt, um zu prüfen, ob es den beiden Kämpfern gut ging.
"Alles in Ordn...", setzte er an, wurde jedoch von Ken unterbrochen.
"Was ist das Ergebnis?"
Sein Freund schien ein wenig zu drucksen, bevor er schließlich auf ihre Seite der Matten deutete und sagte:
"2:0 für die Herausforderin. Bei dem letzten Wurf ist dein Bein eingeknickt, dann hast du sie losgelassen und konntest den Schwung nicht mehr abfangen. Du bist zuerst auf der Matte aufgeschlagen."
"Tche!", zischte er, während Yukiko die Neuigkeit noch verarbeitete. Dann glänzten ihre Augen und sie grinste breit.
"Yatta!", rief sie aus, während sie sich von ihrem Gegner rollte und neben ihm hinsetzte. Eine weitere Runde hätte sie nicht überlebt. Sie war dermaßen fertig, dass sie schwer atmete und aus jeder möglichen Pore schwitzte. Jetzt wo das Adrenalin langsam aus ihrem Blutkreislauf wich, würde sie wahrscheinlich nicht einmal mehr sicher stehen können, so gummiartig fühlten sich ihre Beine an.
Das Auditorium tuschelte aufgeregt, was allerdings nicht den Spott überdecken konnte, den sie Ken entgegen brachten. Einige schienen wirklich zu genießen, dass er von einem Mädchen besiegt worden war. Nachdem er sich langsam aufgesetzt hatte und an einige Leute ein paar warnende Blicke verschossen hatte, wandte sie sich ihm zu, zog sich den Schutz vom Kopf und sagte:
"Du bist wirklich gut. Hättest du mich von der ersten Runde an ernst genommen, hätte ich keine Chance gehabt."
Prüfend sah er sie an. Ob er glaubte, dass sie sich nach so einem Kampf noch über ihn lustig machte?
"Habe ich aber nicht...", sagte er langsam, als müsse er seine Niederlage erst noch verdauen. "Du bist zwar klein, aber verdammt gut. Wo zum Teufel hast du das gelernt?"
Sie kicherte und erwiderte: "Beim Teufel höchstpersönlich. Das nennt sich Yi Quan Dao. Perfekt für jemanden wie mich, der körperlich so ziemlich jedem unterlegen ist."
Wieder musterte er sie, während er schwieg. Yukiko nahm es als stille Kritik, seufzte innerlich, entfernte die restlichen Schützer und stand auf. Mit einer kleinen Verbeugung verabschiedete sie sich von ihm, dankte seinem Freund dafür, dass er sich als Schiedsrichter bereit erklärt hatte und verließ die Halle. Dabei kam ihr noch jemand hinterher gelaufen, der sie für den Klub gewinnen wollte, was sie aber ablehnte. Draußen angekommen fröstelte es sie. Ihre Kleidung war verschwitzt und der Wind ließ ihre Härchen stehen. Sie guckte auf die Uhr. Noch zehn Minuten hatte sie. Sie entschied sich, sich auf der Grünfläche noch ein wenig in die Sonne zu legen, um sich zu trocknen und dann in die Cafeteria zu gehen. Sie würde zwar müffeln, aber daran konnte sie jetzt nichts ändern.
Acht Minuten später hörte sie plötzlich einige aufgeregte Stimmen. Langsam richtete sie sich auf und sah sich neugierig um, was sie sofort wieder bereute. Es war Ken. Und er fragte lautstark jeden, ob er sie gesehen hatte. Er stampfte von Schüler zu Schüler mit einem grimmigen Gesichtsausdruck und einem wütenden Blick. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. Wollte er sich etwa für die Demütigung rächen? Das musste es sein. Dafür war er der Typ! Absolut.
Langsam stand sie auf und versuchte sich in Richtung Cafeteria davonzustehlen. Doch schon nach wenigen Schritten hörte sie seine Stimme:
"Ahhh! Du bleib stehen! Mit dir bin ich noch nicht fertig!"
Sofort flüchtete sie ohne sich um zudrehen. Sie hörte seine unablässigen Flüche, auch noch dann, als sie sich den anderen Schülern anschloss, die in die Cafeteria strömten. Es war zwar schon fünf, aber trotzdem war es noch lange nicht leer und sie musste sich zwischen den hungrigen Schülern hindurch quetschen. Doch ehe sie Rika entdecken konnte, wurde sie grob von hinten an der Schulter gegriffen. Sie drehte sich langsam um und stand Ken gegenüber der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Knie rieb, während er ihr genervte Blicke zuwarf.
"Was willst du noch? Ist dein Knie in Ordnung? Du solltest es kühlen und ruhen lassen, bevor du mir hinterher jagst."
"Entscheide dich, ob du dir Sorgen machst, oder Angst hast", murrte er, ließ sie los und nahm die Hand von seinem Knie.
"Okay," sagte sie, drehte sich flink um und rannte wieder weg.
"Wa.. Halt! Sofort! An!", schnaubte er und stürmte ihr hinterher und schubste kurzerhand jedem der ihm im Weg stand zur Seite. Als sie sich gerade entlang der Wand an einem Schüler vorbei schlängeln wollte, hatte er sie eingeholt. Sein Arm versperrte ihr den Weg in den Speisesaal. Sie drehte sich um, um in der anderen Richtung zu verschwinden, doch auch dort versperrte ein Arm ihren Weg. Mit der Wand im Rücken stand sie ihm nun gegenüber und sah ihn ängstlich an. Diesmal konnte sie ihr altes Verhaltensmuster nicht unterdrücken und schrumpfte vor ihm zusammen.
Er seufzte und sagte:
"Du bist schwerer zu fassen, als ein Aal."
"Das liegt daran, dass ich eine Verabredung hab und wegen dir jetzt zu spät komme", beschwerte sie sich. Dabei fiel ihr auf, dass er nicht mehr den Anzug trug, sondern die ganz normale Uniform der Schüler. Hinter ihnen spähten einige Schüler neugierig herüber und tuschelten miteinander. Sie hörte heraus, dass ihr kleiner Kampf bereits in aller Munde war.
"Ich lass mich nur nicht so einfach abwimmeln, Kleine. Nicht bevor ich wenigstens den Namen derjenigen kenne, die mich als erster in einem fairen Wettkampf besiegt hat."
Verdutzt blinzelte sie ihn an.
"Stimmt ich hatte mich gar nicht vorgestellt. Tut mir leid. Mein Name ist Sakamato Yukiko", sagte sie. Dann zögerte sie aber und überlegte ob sie ihre Klasse noch nennen sollte. Er war schließlich nur ein normaler Schüler. Würde er es nicht erwarten?
"Klasse 1-C. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Kenichi Inugami, 2-A", sagte er und wirkte sogleich bedeutend ruhiger. Darauf entspannte sich Yukiko auch und fragte:
"Wirklich 2-A? Tut mir leid, dass ich so mit dir geredet habe, Senpai."
"Was heißt hier wirklich? Glaubst du mir etwa nicht?"
"Nein, das wollte ich nicht damit sagen... Ich dachte nur, dass wir gleichaltrig wären."
"Du brauchst mir nicht noch weiter unter die Nase zu reiben, dass ich nicht der größte Kerl bin, Yuki-chan!"
"Y-yuki-chan?", wiederholte sie, während ihre Stimme nach oben rutschte und ihre Wangen sich erneut knallrot färbten.
"Senpai, benutz bitte meinen Nachnamen."
"Viel zu lang, mich kannst du auch Ken nennen."
"Inugami-senpai!", begehrte sie vorwurfsvoll auf, doch er schüttelte nur mit einem siegessicheren Grinsen den Kopf.
"Außer du gewährst mir eine Revanche und treibst es mir aus."
"Das ist unfair!"
"Du bist es selbst Schuld."
Die Leute, die diese Szene zuerst noch mit vorsichtigem Argwohn betrachtet haben, gingen weiter und erweiterten das Gerücht vom Mädchen, das das Kampfsport Ass der Schule besiegt hatte um die Nuance, dass sie jetzt auch seine Freundin war.