Beiträge von Ryoki

    [Yukiko Sakamato]
    Tag 2 - 17:12 Uhr - Gelände der Schule - Eingangsbereich der Cafeteria


    Rikas Abneigung war deutlich, aber Kenichi schien sich daraus nichts zu machen. Entweder war es ihm egal oder er war diese Reaktion einfach gewöhnt. Sein Verhalten war halt ruppig und es kam garantiert nicht jeder damit klar. Sie ehrlich gesagt auch nur bedingt, aber das lag auch daran, dass sie rückblickend erkannt hatte, dass er sich bei ihrem Kampf selbst noch in der zweiten Runde zurückgehalten hatte. Nicht ein Mal hatte er einen ernsthaften Angriff gegen ihr Gesicht, oder Kopf geschickt. Irgendwo verletzte das ihren Stolz, aber andererseits war sie auch froh darüber. Hätte er das nicht getan, wäre das ganze vielleicht völlig anders ausgegangen. Ein Treffer und sie wäre KO gewesen. Trotz Schutzausrüstung. Sie warf seinem Seitenprofil einen prüfenden Blick zu, während Rika ihm antwortete.
    "Seinen dritten Wunsch könnte man ihm schließlich auch erfüllen", sagte Rika, worauf Kenichi verhalten lachte. Dann erwiderte er mit einer beschwichtigenden Geste:
    "Du solltest mich nicht so wörtlich nehmen. Ich wollte damit nur sagen, dass es selten ist so ungewöhnliche Leute zu treffen. Ich mein, wie oft begegnet dir ein Mädchen von Yuki-chans Statur, das dreist genug ist einen Kampf zu provozieren? Selten bis nie, wenn du mich fragst." Dabei lief Yukiko wieder rot an und fluchte leise: "Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht meinen Vornamen verwenden sollst! Und schon gar nicht meinen Spitznamen..." Ohne darauf einzugehen knuffte er sie leicht in die Seite, was sie verdutzt blinzeln ließ. Wie konnte der sich so schnell, so vertraut verhalten? Das war schon fast unerhört! Rika durfte das, aber er hatte nichts für sie getan und allem voran war er ein Kerl! Und anders als Leo kannte er die Umgangsformen!
    "Mir wäre es lieber, wenn meine Wünsche nicht so für bare Münze genommen werden würden", sagte er dann noch immer an Rika gewandt. Dass er ihre Blicke ignorierte störte Yukiko ungemein, worauf sie resignierend die Backen aufplusterte und demonstrativ in die anderen Richtung guckte. Sie war es gewohnt von den Männern nicht ernst genommen, angelogen und ausgenutzt zu werden. Aber nie haben sie es gewagt sie in der Öffentlichkeit derart zu ignorieren.
    Kenichi registrierte diese Reaktion aus dem Augenwinkel, reagierte aber nur mit einem leichten Zucken seines Mundwinkels, das Yukiko nicht bemerkte.
    "Wollen wir dann? Nach den Klubaktivitäten bin ich immer tierisch hungrig", sagte er.
    Yukiko zögerte und musterte die Marke in ihrer Hand. Noch konnte sie ihn wegschicken. Rika wäre das offensichtlich auch lieber. Sie kniff die Augen zusammen und warf ihm böse Blicke zu. Seufzte dann aber und entschloss sich dem zuzustimmen.
    "Nur unter der Bedingung, dass du aufhörst mich so zu nennen. Außerdem...", sagte sie ohne den Satz beenden zu können. Kenichi beugte sich vor und flüsterte ihr leise ins Ohr, damit Rika nichts davon mitbekam: "Lagen wir schon aufeinander und du weißt wo ich dich gegriffen habe, um den Wurf anzusetzen." Ruckartig bewegten sich ihre Hände schützend vor ihre Brust. Sie hatte es während des Kampfs nicht bemerkt, weil sie alle anderen Gedanken beiseite geschoben hatte. Außerdem war es bescheuert sich während eines Kampfs vor Körperkontakt zu zieren. Aber jetzt wo er es sagte, spürte sie regelrecht seine Hände an ihrer Uniform. Nun glühten selbst ihre Ohren und ihr war heißer als je zuvor. Einen Wimpernschlag später klatschte ihre Handfläche in sein Gesicht und hinterließ dort ein rotes Mal. Einige vorbeigehende Schüler kicherten und sie verwettete ihre Uniform darauf, dass die Gerüchteküche dadurch noch weiter brodeln würde. Er dagegen guckte nur verdutzt auf sie herab, während sie sich auf der Stelle umdrehte und mit hoher Stimme sagte:
    "Mach was du willst!"
    Er lachte und meinte: "Gut dann werde ich mich zu euch setzen."
    An Rika gewandt sagte Yukiko ohne Kenichi Beachtung zu schenken:
    "Lass uns gehen. Oder musst du vorher noch Marken eintauschen?"

    [Yukiko Sakamato]
    Tag 2 - 17:12 Uhr - Gelände der Schule - Eingangsbereich der Cafeteria


    "Rika-senpai!", seufzte Yukiko erleichtert, erinnerte sich gleichzeitig aber an die Waffe, die sie unter ihrer Kleidung verbarg.
    "Hier ist alles in Ordnung", sagte sie schnell, "Inugami-senpai hat lediglich noch nie etwas von gutem Benehmen gehört." Sie warf ihm einen warnenden Blick, den er gerade so noch registrierte, da er Rika interessiert musterte. Sofort sah Yukiko, dass er ihr nicht gehorchen wollte, da sein Auge wieder so seltsam zuckte, wie auch zuvor als sie ihn gereizt hatte. Er sah ihr direkt in die Augen und gab sie völlig unbeeindruckt von ihrer Bemerkung.
    "Zuerst ein Püppchen, das mich herausfordert und dann eine Mechanikerin, die mich bedroht? Was kommt als nächstes? Eine Mannsweib Furie, die jegliches Leben hasst und deswegen alle umbringen will?"
    Er seufzte, schüttelte im Unglauben seinen Kopf und fing an zu grinsen.
    "Solche Tage sollte es öfters geben", meinte er. Anschließend hob er Yukikos Blockade mit einer Hand auf und zog aus einer Tasche seiner Uniform zwei Essensmarken.
    "Ich lade dich ein. Sieh es als Siegerprämie."
    Vor Überraschung weiteten sich ihre Augen.
    "Wirklich?"
    Amüsiert grinste er und drückte ihr einen Zettel in die Hand.
    "Aber nur wenn ich euch heute begleiten darf." Damit hatte sie weniger gerechnet, aber das hielt sie nicht davon ab, Rika zu fragen:
    "Ist das für dich in Ordnung, Senpai?"

    [Yukiko Sakamato]
    15:08 Uhr – Gelände der Schule - Pausenhof

    Ein wenig planlos stand Yukiko mitten auf dem Pausenhof und warf den vorbeiziehenden Leuten suchende Blicke zu in der Hoffnung Honoka zu finden. Wie sie es befürchtet hatte, war das Unterfangen nicht gerade von Erfolg gekrönt, also begab sie sich zu den Klubräumen. Vielleicht hatte sie ja bei den Musikern mehr Glück. Doch auch dort fand sie sie nicht. Vielleicht hatte sie sie ja gerade so verpasst? Yukiko biss sich auf die Unterlippe und überlegte, wo sie noch suchen sollte. Honoka war die Einzige in ihrem Alter, weswegen Yukiko sie auf jeden Fall auch mit zu den Selbstverteidigungsübungen bringen wollte.
    Deswegen suchte sie auf gut Glück weiter, streunte durch die Cafeteria, den Rest des Schulgebäudes, warf kurz einen Blick auf das Dach der Schule und versuchte von da aus mit zusammengekniffenen Augen den Blondschopf Honokas. Allerdings erneut erfolglos.
    Sie seufzte und schlenderte wieder die Treppen herunter. So würde sie sie wohl kaum finden. Wahrscheinlich wollte sie gerade nicht einmal gefunden werden. Yukiko konnte gut verstehen, dass sie angesichts der Situation Zeit für sich haben wollte. Auch wenn sie das ein wenig enttäuschend fand. Aber nicht jeder brauchte Gesellschaft so dringend wie sie.


    Schlechten Gewissens entschloss sie sich die Suche hintenan zu stellen. Sie hatte noch etwas mehr als eine dreiviertel Stunde bis zum verabredeten Termin in der Cafeteria. Die Zeit würde sie nutzen, um ein wenig mehr über ihren eigenen Körper in Erfahrung zu bringen und wie effektiv ihr Wissen zur Verteidigung tatsächlich war. Und was war dafür besser geeignet als sich mit den Kampfkunstclubs der Schule anzulegen? Wenn es solche denn überhaupt gab.
    Sie tigerte also neugierig zur Turnhalle und spähte schüchtern hinein. Sie war groß. Sogar größer, als die Sporthalle ihrer alten Schule und die war schon beeindruckend gewesen. Sieben großen Hallen, alle von einander abtrennbar, ausgestattet mit so ziemlich allem was man brauchte. Fußballtore, Basketballkörbe, kleinere Hockeytore, Schwebebalken, Hochsprungstäbe und Latten, und so weiter und so fort.
    Zuerst schien es als würde sie sich für eine weitere Enttäuschung bereit machen müssen, doch dann entdeckte sie in den hinteren Hallen einige Schüler in weißen Kampfanzügen mit Gürteln und schwarzen Hosen. Sie wollte die Halle nicht mit ihren normalen Schuhen betreten, weshalb sie nicht den direkten Weg nahm, sondern den über den Gang für die Umkleidekabinen, der rechts neben den Hallen verlief.
    An der Tür für die sechste Halle blieb stehen und spähte wieder hinein. Tatsächlich. Die Schüler übten tatsächlich eine Kampfkunst. Und Yukiko erkannte sie sogar. Es war Kwoon Do, für das sie selbst nie die passenden körperlichen Fähigkeiten gehabt hatte. Aufregung und Nervosität stiegen in ihr auf. Sollte sie wirklich?


    Doch bevor sie eine Entscheidung fällen konnte, kamen drei Schüler hinter ihr auf die Tür zu. Yukiko war gerade im Begriff sich um zudrehen, als einer von ihnen sagte: "Seht mal, eine Besucherin. Und dann auch noch so ein kleines Püppchen! Ich wette sie wollte mal ein paar echte Männer in Aktion sehen!"
    Yukikos Wangen färbten sich leicht rosa, als sie sich den Sprecher ansah. Kurze aber wilde, schwarze Haare, ein kantiges Gesicht, ungefähr 1,63 groß und Augen, die sie an einen Falken im Sturzflug erinnerten. So intensiv und bohrend waren sie. Neben ihm standen anscheinend zwei seiner Freunde, die ihm bereits warnende Blicke zuwarfen. Sie beide waren gut einen Kopf größer, als das Falkenauge, der in der Mitte mit braunen Haaren, offensichtlich ein Ausländer, und der linke ebenfalls mit schwarzen Haaren, die ihm allerdings glatt bis zu den Schultern reichten.
    Noch konnte sie einen Rückzieher machen. Aber sie musste sichergehen, dass ihr Können den anderen auch etwas brachte. Nein, sie konnte jetzt nicht kneifen. Außerdem konnte sie nicht leiden, wie er mit ihr sprach. Sie hatte heute schon dank Ibuki genug respektloses Verhalten über sich ergehen lassen müssen. Also sagte sie:
    "Klein? Irgendwie ironisch. Im Vergleich zu deinen Freunden kommst du mir wie ein Kleinkind vor."
    Überrascht blinzelte er. Seine Freunde warfen sich lachende und zugleich alarmierte Blicke zu. Dann baute sich das Falkenauge vor ihr auf und knurrte:
    "Vorsichtig, Kleines! Du weiß nicht mit wem du dich hier anlegst!"
    Yukiko ertappte sich dabei, wie sie in alte Verhaltensmuster zurück zu fallen drohte. Sie hatte schon ihre Schultern nach vorne ziehen, ihren Kopf senken und Hilflosigkeit ausstrahlen wollen. Jedoch stoppte sie das so schnell sie es bemerkte. Stattdessen stemmte sie ihre Hände in die Hüften, hob ihren Kopf und erwiderte seinen Blick direkt.
    "Einem vorlauten Zwerg?" Hinter ihm gestikulierten seine Freunde, dass sie es nicht weiter treiben sollte. Aber da sie ja genau das wollte, beachtete sie es nicht.
    "Du...", knurrte er.
    "Du könntest mir beweisen, dass ich falsch liege, in dem mit mir einen kleinen Übungskampf machst. Nichts wildes, ich möchte dich nicht zu sehr demütigen. Sagen wir derjenige, der zuerst auf der Matte liegt, verliert die Runde. Insgesamt tragen wir drei Runden aus, und derjenige, der zuerst zwei Siege hat gewinnt."


    Nun war er völlig aus dem Konzept geworfen worden. Ungläubig starrte er sie an, als ob er seinen Ohren nicht trauen konnte.
    "Du willst gegen mich kämpfen?", fragte er zur Sicherheit noch einmal. Yukiko nickte und ignorierte dabei die blassen Gesichter seiner beiden Freunde. Der Ausländer ging dazwischen:
    "Ken, das ist eine schlechte Idee. Kouhai-san, unser Ken hier gehört zu den Besten, trotz seiner Größe. Ich würde dir nicht raten, das zu tun."
    Yukiko lächelte ihn an, beruhigt darüber dass wenigstens seine Freunde über eine Portion Verstand verfügten, schüttelte dann aber den Kopf.
    "Danke, dass du dir Sorgen machst, aber das ist nicht nötig."
    "Nicht nötig... So so, du hältst ganz schön große Stücke auf dich, Kleines", brummte Ken.
    Sie lächelte ihn an und fragte:
    "Und? Bist du dabei, oder rennst du weg?"
    Sein rechtes Auge zuckte in Wut. Sie hatte einen wunden Punkt getroffen, was ihr irgendwo Leid tat. Vielleicht würde sie sich nach dem Kampf bei ihm entschuldigen.
    "In Ordnung", knurrte er, "wir kämpfen, aber wenn du nachher flennst, wie ein Baby, beschwer dich nicht. Ich werde dich nicht mit Samthandschuhen anfassen."
    "Gut, können wir dann sofort starten? Ich habe leider nicht mehr so viel Zeit."
    "Du unverschämtes Gör..."
    "Spar dir deine Beleidigungen bis du mich auf die Matte gelegt hast."
    "Hmpf! Dann komm!"


    Während wir sie sich vorbereiteten, versuchten seine Freunde sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Allerdings schafften sie es bei keinem von den beiden. Während der Vorbereitung schlug Yukiko das Angebot aus, sich einen Anzug auszuleihen, sehr zur Verwunderung aller Anwesenden. Sie legte lediglich die Arm- und Beinschoner, wie auch den Kopfschutz an. Ken lächelte derweil bösartig und flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: "Na dann bin ich mal gespannt was für Unterwäsche die kleine Miss heute trägt. Die Zuschauer wird es bestimmt auch interessieren."
    Zuschauer? Verwirrt blickte sich Yukiko um. Und tatsächlich. Die Neuigkeit dass es einen Übungskampf zwischen Ken und ihr gab, hatte sich wie ein Lauffeuer in der Turnhalle verbreitet. Viele Klubs hatten eine Pause eingelegt und spähten neugierig herüber oder bildeten einen Kreis um die Matten, um besser zuzusehen zu können. Yukiko lief knallrot an. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Und natürlich war die Mehrzahl der Zuschauer männlich! Egal, alles war gut, solange sie nicht auf die Matte geworfen wurde... Oder zu hohe Tritte ansetzte. Das war plötzlich viel schwerer, als sie dachte. Trotzdem... Sie durfte auf keinen Fall verlieren! Die Scham würde sie niemals überleben.


    Mit neuer Entschlossenheit stellte sie sich Ken gegenüber. Einer seiner Freunde übernahm die Rolle des Schiedsrichters. Sie verbeugten sich und dann begann die erste Runde.
    Yukiko nahm eine Haltung ähnlich wie die Deckung beim Boxen ein, nur dass ihre Handrücken nicht zum Gegner, sondern jeweils zur Seite zeigten. Ken zögerte nicht in die Offensive zu gehen und sandte ihr einige Schläge entgegen. Sie bemerkte zuvor, dass er sich zurückhielt, während sie jedem Schlag mit flinken Bewegungen auswich. Gleichzeitig wurde ihr aber auch bewusst, dass er mindestens so viel Kraft wie Ibuki besaß, wenn nicht sogar bedeutend mehr. Zuerst hatte sie es nicht bemerkt, aber unter dem Anzug mussten sich einige wirklich gut trainierte Muskeln befinden.
    Nach einem etwa zweiminütigen Tanz verlor er die Geduld und setzte ihr stärker nach. Und genau darauf hatte sie gewartet. Er unterschätzte sie noch immer, was ihr erlaubte, mit einem Ausfallschritt nach vorne, ihr bisheriges Muster zu durchbrechen. Während der Schlag auf sie zuflog schob sie ihre linke Hand mit dem Handrücken voran entlang seines Unterarms und drückte ihn dabei leicht zur Seite. Der Schlag pfiff so an ihrem Ohr vorbei und sie befand sich innerhalb seiner Deckung. Ohne zu zögern um ihm keine Zeit zum reagieren zu geben, nutzte sie ihren eigenen Schwung aus, ballte ihre Linke zur Faust und ließ sie gegen seinen Kopf krachen. Sie war zwar körperlich weit unterlegen, doch der Schwung aus seinem Schlag vervielfachte die Wirkung ihres Angriffs, sodass selbst er die Auswirkungen spüren sollte. Um sicher zu gehen, setzte Yukiko nach. Noch immer den Schwung aus ihrem Ausfallschritt und dem Schlag nutzend, ließ sie ihren linken Ellbogen auf ihn zu schnellen, der den überraschten Ken ebenfalls ohne Gegenwehr traf. Das benebelte ihn so sehr, dass er anfing zu taumeln. Mit der Rechten packte sie ihm am Kragen seines Anzugs und führte mit ihrem Fuß eine Sichelbewegung aus, die ihm ein Standbein raubte. Ein wenig Druck auf den Oberkörper und er verlor sein Gleichgewicht, wodurch er auf den Hintern plumpste.


    Ein Raunen durchlief die Zuschauer. Einige lachten, andere sahen Yukiko beeindruckt an. Sie dagegen warf dem verdutzten Ken nur einen wütenden Blick zu.
    "Von wegen harter Kerl. Du fasst mich doch mit Samthandschuhen an."
    Dann erst begriff er, was passiert war. Sein Gesicht wurde knallrot und er sprang wieder auf die Beine. Sein Blick brannte förmlich.


    Die nächste Runde startete und wie erwartet, wollte er nicht verlieren. Er setzte Yukiko bedeutend härter nach. Seine Schläge wurden schneller und härter, teilweise versuchte er sie in einen Griff zu zwingen, wenn sie versuchte unter seine Deckung zu schlüpfen. Als er sie nicht zu fassen bekam, erkannte er ihre Schwachstelle. Sie war mittlerweile schwer am Atmen und die Uniform klebte ihr förmlich am Körper. Sie war diese Art der Anstrengung nicht gewohnt.
    Also fing er an sie mit Lowkicks und weiteren Schlägen über die Matten zu treiben. Yukiko erkannte sein Vorhaben und bemerkte, dass er so auf jeden Fall gewinnen würde. Seine Ausdauer war bedeutend besser, als ihre es jemals sein würde. Diesmal musste sie also in die Offensive gehen und es schnell beenden.
    Doch ehe sie eine Lücke in seiner Verteidigung finden konnte, verlor er seine Geduld. Oder schätzte ihre verbleibende Agilität falsch ein. Er setzte zu einem Tritt gegen ihren Brustkorb an, den sie für sich nutzte. Sie tauchte unter ihm hinweg, war darauf nah genug an ihm dran, um ihren Ellbogen in seiner Seite zu versenken. Er blockte den Schlag, achtete dabei jedoch nicht darauf, dass sie einen Lowkick gegen sein aktuelles Standbein ausführte. Dieser traf auf Höhe seines Knies, was ihn trotz des Schutzes ächzen ließ. Yukiko witterte ihre Chance und verhinderte durch Schlagkombinationen, dass er Abstand zu ihr gewinnen konnte. Wieder blitzte Wut in seinen Augen auf und er holte zu einem weiten Schlag aus.
    Sie dachte nicht, dass er denselben Fehler ein zweites Mal machen würde, wie in der ersten Runde veränderte sie die Flugbahn des Schlags und setzte zu der Kombo an. Allerdings schien er damit gerechnet zu haben und nutzte seine freie Hand um ihre Uniform zu greifen. Er drehte seinen Oberkörper ein und streckte seine Hüfte raus. Er plante einen simplen Hüftwurf. Überrascht schlug ihm Yukiko in die offene Seite und trat sogleich in seine Kniekehlen in der Hoffnung, dass er sie loslassen würde. Doch das tat er nicht. Sie biss die Zähne zusammen und legte ihr Kinn auf die Brust, als sie spürte, dass sie den Boden unter den Füßen verlor. Doch nur einen Wimpernschlag später machte ihr Körper eine abrupte Abwärtsbewegung und Ken ächzte erneut. Irgendwie wurde sie herumgeschleudert, wobei sie die Orientierung verlor. Und plötzlich knallte sie mit dem Kopf auf den Boden. Für einen Moment klingelten ihre Ohren. Jemand stöhnte und sie versuchte sich hochzustemmen, um zu erkennen was passiert war. Doch als sie ihre Hände auf den Boden setzte, spürte sie nur eine warme, sich bewegende Masse. Sie blinzelte und erkannte, dass sie halb auf Ken gelandet war, der es irgendwie geschafft hatte sich in seinem Wurf noch auf den Rücken zu drehen. Sein Schweißgeruch stieg ihr in die Nase und mit der linken Hälfte ihres Körpers konnte sie sein hämmerndes Herz spüren. Allerdings dachte sie in diesem Moment nicht daran sich zu bewegen. Vorher gab es noch etwas wichtigeres zu klären.
    Er schien nicht minder überrascht und verwirrt zu sein, als Yukiko, weswegen sie nach einem kurzen Blickaustausch ruckartig zum Schiedsrichter sahen.
    Dieser wirkte ein wenig beunruhigt und war bereits heran geeilt, um zu prüfen, ob es den beiden Kämpfern gut ging.
    "Alles in Ordn...", setzte er an, wurde jedoch von Ken unterbrochen.
    "Was ist das Ergebnis?"
    Sein Freund schien ein wenig zu drucksen, bevor er schließlich auf ihre Seite der Matten deutete und sagte:
    "2:0 für die Herausforderin. Bei dem letzten Wurf ist dein Bein eingeknickt, dann hast du sie losgelassen und konntest den Schwung nicht mehr abfangen. Du bist zuerst auf der Matte aufgeschlagen."
    "Tche!", zischte er, während Yukiko die Neuigkeit noch verarbeitete. Dann glänzten ihre Augen und sie grinste breit.
    "Yatta!", rief sie aus, während sie sich von ihrem Gegner rollte und neben ihm hinsetzte. Eine weitere Runde hätte sie nicht überlebt. Sie war dermaßen fertig, dass sie schwer atmete und aus jeder möglichen Pore schwitzte. Jetzt wo das Adrenalin langsam aus ihrem Blutkreislauf wich, würde sie wahrscheinlich nicht einmal mehr sicher stehen können, so gummiartig fühlten sich ihre Beine an.
    Das Auditorium tuschelte aufgeregt, was allerdings nicht den Spott überdecken konnte, den sie Ken entgegen brachten. Einige schienen wirklich zu genießen, dass er von einem Mädchen besiegt worden war. Nachdem er sich langsam aufgesetzt hatte und an einige Leute ein paar warnende Blicke verschossen hatte, wandte sie sich ihm zu, zog sich den Schutz vom Kopf und sagte:
    "Du bist wirklich gut. Hättest du mich von der ersten Runde an ernst genommen, hätte ich keine Chance gehabt."
    Prüfend sah er sie an. Ob er glaubte, dass sie sich nach so einem Kampf noch über ihn lustig machte?
    "Habe ich aber nicht...", sagte er langsam, als müsse er seine Niederlage erst noch verdauen. "Du bist zwar klein, aber verdammt gut. Wo zum Teufel hast du das gelernt?"
    Sie kicherte und erwiderte: "Beim Teufel höchstpersönlich. Das nennt sich Yi Quan Dao. Perfekt für jemanden wie mich, der körperlich so ziemlich jedem unterlegen ist."
    Wieder musterte er sie, während er schwieg. Yukiko nahm es als stille Kritik, seufzte innerlich, entfernte die restlichen Schützer und stand auf. Mit einer kleinen Verbeugung verabschiedete sie sich von ihm, dankte seinem Freund dafür, dass er sich als Schiedsrichter bereit erklärt hatte und verließ die Halle. Dabei kam ihr noch jemand hinterher gelaufen, der sie für den Klub gewinnen wollte, was sie aber ablehnte. Draußen angekommen fröstelte es sie. Ihre Kleidung war verschwitzt und der Wind ließ ihre Härchen stehen. Sie guckte auf die Uhr. Noch zehn Minuten hatte sie. Sie entschied sich, sich auf der Grünfläche noch ein wenig in die Sonne zu legen, um sich zu trocknen und dann in die Cafeteria zu gehen. Sie würde zwar müffeln, aber daran konnte sie jetzt nichts ändern.


    Acht Minuten später hörte sie plötzlich einige aufgeregte Stimmen. Langsam richtete sie sich auf und sah sich neugierig um, was sie sofort wieder bereute. Es war Ken. Und er fragte lautstark jeden, ob er sie gesehen hatte. Er stampfte von Schüler zu Schüler mit einem grimmigen Gesichtsausdruck und einem wütenden Blick. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. Wollte er sich etwa für die Demütigung rächen? Das musste es sein. Dafür war er der Typ! Absolut.
    Langsam stand sie auf und versuchte sich in Richtung Cafeteria davonzustehlen. Doch schon nach wenigen Schritten hörte sie seine Stimme:
    "Ahhh! Du bleib stehen! Mit dir bin ich noch nicht fertig!"
    Sofort flüchtete sie ohne sich um zudrehen. Sie hörte seine unablässigen Flüche, auch noch dann, als sie sich den anderen Schülern anschloss, die in die Cafeteria strömten. Es war zwar schon fünf, aber trotzdem war es noch lange nicht leer und sie musste sich zwischen den hungrigen Schülern hindurch quetschen. Doch ehe sie Rika entdecken konnte, wurde sie grob von hinten an der Schulter gegriffen. Sie drehte sich langsam um und stand Ken gegenüber der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Knie rieb, während er ihr genervte Blicke zuwarf.
    "Was willst du noch? Ist dein Knie in Ordnung? Du solltest es kühlen und ruhen lassen, bevor du mir hinterher jagst."
    "Entscheide dich, ob du dir Sorgen machst, oder Angst hast", murrte er, ließ sie los und nahm die Hand von seinem Knie.
    "Okay," sagte sie, drehte sich flink um und rannte wieder weg.
    "Wa.. Halt! Sofort! An!", schnaubte er und stürmte ihr hinterher und schubste kurzerhand jedem der ihm im Weg stand zur Seite. Als sie sich gerade entlang der Wand an einem Schüler vorbei schlängeln wollte, hatte er sie eingeholt. Sein Arm versperrte ihr den Weg in den Speisesaal. Sie drehte sich um, um in der anderen Richtung zu verschwinden, doch auch dort versperrte ein Arm ihren Weg. Mit der Wand im Rücken stand sie ihm nun gegenüber und sah ihn ängstlich an. Diesmal konnte sie ihr altes Verhaltensmuster nicht unterdrücken und schrumpfte vor ihm zusammen.
    Er seufzte und sagte:
    "Du bist schwerer zu fassen, als ein Aal."
    "Das liegt daran, dass ich eine Verabredung hab und wegen dir jetzt zu spät komme", beschwerte sie sich. Dabei fiel ihr auf, dass er nicht mehr den Anzug trug, sondern die ganz normale Uniform der Schüler. Hinter ihnen spähten einige Schüler neugierig herüber und tuschelten miteinander. Sie hörte heraus, dass ihr kleiner Kampf bereits in aller Munde war.
    "Ich lass mich nur nicht so einfach abwimmeln, Kleine. Nicht bevor ich wenigstens den Namen derjenigen kenne, die mich als erster in einem fairen Wettkampf besiegt hat."
    Verdutzt blinzelte sie ihn an.
    "Stimmt ich hatte mich gar nicht vorgestellt. Tut mir leid. Mein Name ist Sakamato Yukiko", sagte sie. Dann zögerte sie aber und überlegte ob sie ihre Klasse noch nennen sollte. Er war schließlich nur ein normaler Schüler. Würde er es nicht erwarten?
    "Klasse 1-C. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"
    "Kenichi Inugami, 2-A", sagte er und wirkte sogleich bedeutend ruhiger. Darauf entspannte sich Yukiko auch und fragte:
    "Wirklich 2-A? Tut mir leid, dass ich so mit dir geredet habe, Senpai."
    "Was heißt hier wirklich? Glaubst du mir etwa nicht?"
    "Nein, das wollte ich nicht damit sagen... Ich dachte nur, dass wir gleichaltrig wären."
    "Du brauchst mir nicht noch weiter unter die Nase zu reiben, dass ich nicht der größte Kerl bin, Yuki-chan!"
    "Y-yuki-chan?", wiederholte sie, während ihre Stimme nach oben rutschte und ihre Wangen sich erneut knallrot färbten.
    "Senpai, benutz bitte meinen Nachnamen."
    "Viel zu lang, mich kannst du auch Ken nennen."
    "Inugami-senpai!", begehrte sie vorwurfsvoll auf, doch er schüttelte nur mit einem siegessicheren Grinsen den Kopf.
    "Außer du gewährst mir eine Revanche und treibst es mir aus."
    "Das ist unfair!"
    "Du bist es selbst Schuld."
    Die Leute, die diese Szene zuerst noch mit vorsichtigem Argwohn betrachtet haben, gingen weiter und erweiterten das Gerücht vom Mädchen, das das Kampfsport Ass der Schule besiegt hatte um die Nuance, dass sie jetzt auch seine Freundin war.

    [Yukiko Sakamato]
    15:01 Uhr – Gelände der Schule – Altes Schulgebäude (16) – Labortrakt


    "Scheint als müssten wir uns noch ein Mal um die Wimperntusche kümmern. Man kann sie zwar benutzen, aber nur wenn man wirklich verzweifelt ist...", kommentierte Yukiko ihre Fortschritte, nachdem die Glocke geläutet hatte.
    Ein wenig wehmütig blickte sie zur Uhr und erklärte Rika dann entschuldigend:
    "Tut mir leid, aber ich muss los. Der Schülerpräsident hat mir als Strafe für den Diebstahl Dienst in der Krankenstation aufgetragen..." Und da fiel ihr etwas an, das sie bis dato völlig vergessen hatte. Hastig erzählte sie ihr davon, dass Leo bei dem Zwischenfall mit Ibuki dabeigewesen war und dann ohnmächtig wurde.
    "Der Junge scheint keine starken Nerven zu haben. Und da es zu einem guten Teil meine Schuld war, dass er das alles miterlebt hat, muss ich mich erstmal um ihn kümmern. Wenn er denn noch nicht wieder auf den Beinen sein sollte. Es wird allerdings nicht lange dauern... Mein Vater würde mir etwas anderes sagen, aber ich habe nicht vor die ganze Zeit sein Händchen zu halten, bis er wieder aufwacht. Auch wenn er versucht hat mich zu beschützen. Vielleicht bedanke ich mich auf eine andere Weise bei ihm...
    Jedenfalls würde ich dann danach in die Cafeteria kommen. Treffen wir uns da? Oder isst du später?"


    Nachdem Rika ihr eine Antwort gegeben hatte, bedankte sich Yukiko noch einmal herzlich für ihre Mühe, verbeugte sich zur Verabschiedung und verließ dann das Labor. Auf den Weg zur Krankenstation musste sie den plötzlichen Drang sich halb hüpfend fortzubewegen unterdrücken und beschränkte sich darauf glücklich zu strahlen. Es konnte tatsächlich sein, dass sie nach etlichen Jahren endlich wieder eine gute Freundin gefunden hatte.


    In der Krankenstation angekommen, fand sie alles so vor, wie es zu dem Zeitpunkt gewesen war, als sie den Raum verlassen hatte. Nur mit dem Unterschied, dass die von Ibuki zerbrochenen Fliesen wieder repariert waren. Nichts deutete darauf hin, dass ihr dort beinahe der Schädel eingeschlagen wurde. Sie drängte den Gedanken beiseite und fing an sich um Leo zu kümmern und einen neuen Zettel zu schreiben, in dem sie erklärte, dass er zur selben Zeit in die Cafeteria kommen könnte, oder sie sonst morgen aufsuchen sollte.

    [Yukiko Sakamato]
    12:26 Uhr – Gelände der Schule – Altes Schulgebäude (16) – Labortrakt


    Yukiko entglitt ein kleines Jauchzen, das zusammen mit Rikas Bemerkung für eine ordentliche Röte in ihrem Gesicht sorgte. Allerdings kümmerte sie das nicht. Hier war es in Ordnung zu zeigen, was in ihr vorging.
    "Danke, Senpai! Und natürlich kann ich dir dabei helfen." Sie blickte zur Uhr und erklärte:
    "Zur Pause muss ich wieder in die Krankenstation. Wollen wir dann direkt anfangen?"

    [Yukiko Sakamato]
    12:25 Uhr – Gelände der Schule – Altes Schulgebäude (16) – Labortrakt


    "Wirklich?",, fragte sie und wandte ihren Blick von den Schminkutensilien ab. Yukiko freute sich tierisch, dass Rika ihre Idee annahm. Natürlich war es ein ernster Anlass und Yukiko war sich dessen durchaus bewusst, allerdings war es für sie auch gleichbedeutend mit einer Unternehmung von zwei Freunden. Was für andere so natürlich gewesen war, kam für sie nie in Frage. Ihr Vater hätte es nicht erlaubt. Nur Treffen, die auch einen Nutzen für ihn brachten, waren in Ordnung gewesen. Und normale Freundschaften zählten nun mal nicht dazu.
    Das Kind in ihr jauchzte und sie hatte Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie sich das in ihrem Gesicht zeigen würde. Wahrscheinlich sah sie aus wie eine Grinsekatze mit großen funkelnden Augen. Der Gedanke ließ sie ein wenig erröten, dem sie aber keine Bedeutung zu maß.
    "Dann werde ich im Laufe des Tages noch versuchen Honoka zu finden... Vielleicht macht sie ja mit", überlegte sie fröhlich. Dann sah sie sich wieder das Make Up und nickte anerkennend.
    "Unglaublich wie viel du in kurzen Zeit geschafft hast. Ich wünschte ich könnte dir beim tatsächlichen Erschaffen helfen. Vielen dank für all die Arbeit, Rika-senpai! Mit den Artikeln, können wir definitiv das Schlimmste verhindern. Aber..." Sie verschränkte schüchtern die Beine hintereinander und fragte kleinlaut:
    "Können wir vielleicht versuchen ein wenig Wimperntusche... und Kajal herzustellen? Bitte?"
    Wenn es etwas gab, auf das sie an ihrem Körper stolz war, waren es ihre Augen. Die kamen nämlich nicht nach ihrem Vater, sondern nach ihrer Mutter. Zumindest wollte sie das glauben, da sie sie nie kennen gelernt hatte.

    [Yukiko Sakamato]
    12:25 Uhr – Gelände der Schule – Altes Schulgebäude (16) – Labortrakt


    Als Rika ihre Pistole hervor zog, weiteten sich Yukikos Augen vor Überraschung.
    "Du hast die Waffe erschaffen?", fragte sie ungläubig, wobei ihre Reaktion nicht von dem Fakt herrührte, dass in dieser Welt eine Schusswaffe existierte, sondern vielmehr durch die Konsequenzen, die dadurch deutlich wurde. Rika hatte ganz offensichtlich ein Leben geführt, in dem sie gelernt hatte, mit diesen Waffen umzugehen. Einmal strafte sich Yukiko innerlich. Sie war nicht die Einzige, mit einem schweren Leben. Die anderen hatten ebenso eine Hölle durchlebt. Sonst wären sie jetzt nicht hier.
    "Funktioniert sie auch?" Nach der Frage schüttelte sie schnell den Kopf und lächelte. "Natürlich tut sie das. Ich sollte froh sein, dass du einen Weg gefunden hast dich zu verteidigen... Aber ich hatte zu oft mit diesen Dingern in meinem Leben zu tun. Ich mag sie nicht sonderlich. Entschuldige."
    Gleichzeitig fühlte sie sich dumm.
    Das Angebot, was sie sich so schön zurecht gelegt hatte, um ihre guten Absichten zu beweisen, wirkte lächerlich im Vergleich zu der Macht, die ihr solch eine Waffe verlieh. Sie entschied sich trotzdem dazu es wenigstens auszusprechen.
    "Jetzt wo du über eine Pistole verfügst, hört sich das vielleicht ein wenig lächerlich an, aber ich könnte dir, und auch Honoka-san, vielleicht das ein oder andere über Selbstverteidigung beibringen. Auch wenn ich nur das Aushängeschild für meinen Vater war, so hatte er mir dennoch das ein oder andere beigebracht, damit ich mein Defizit in roher Kraft ausgleichen konnte. Auch wenn ich nicht weiß, wie nützlich solch ein Wissen hier werden wird."


    "Und mach dir keine Sorgen... Ich nehme es dir nicht übel. Du konntest schließlich nicht wissen, was diese Person tun würde. Ich hätte ihr wahrscheinlich auch geholfen... Aber viel mehr frage ich mich, wieso sie überhaupt eingesperrt wurde. Es ist eine beunruhigende Vorstellung, dass es in dieser Schulwelt auch so etwas wie ein Gefängnis gibt."
    Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an ihren Diebstahl zurück dachte. Die Schwere ihrer Vergehen war zwar unterschiedlich, aber wenn ihr die Freiheit geraubt werden würde, wüsste sie nicht, was sie reagieren würde. Sie schüttelte den Gedanken schnell ab, um nicht weiter daran denken zu müssen und fragte Rika stattdessen:
    "Und wie sieht es aus mit dem Make Up? Jetzt wo wir uns vor Gefahren schützen können, sollten wir noch dafür sorgen, dass wir nicht zu Gefahren für die Augen der anderen werden. Ich möchte nicht noch einmal einen Morgen wie eine Leiche beginnen."

    [Yukiko Sakamato]
    12:10 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Langsam wurde Yukiko ungeduldig. Leo war die ganzen letzten 40 Minuten über nicht aufgewacht. Sein Zustand hatte sich auch nicht verschlechtert, er lag einfach da und schien zu schlafen. Natürlich machte sie sich auch Sorgen um ihn, und das nicht zu knapp, aber sie wollte ebenso dringend Rika, wenn möglich auch Hayato und Honoka, über die Situation aufklären.
    Die Schulglocke hatte bereits vor 10 Minuten geläutet und seitdem wurde sie immer unruhiger. Mit einem schlechten Gewissen entschied sie sich dann Leo vorerst allein zu lassen. Aus dem Schreibtisch fischte sie sich einen linierten Block und einen Stift, um Leo eine Nachricht auf dem kleinen Tisch neben dem Bett zu hinterlassen.
    'Leo-san, es tut mir wirklich leid, dass du die Sache mit Ibuki miterleben musstest und dass ich wahrscheinlich nicht da bin, wenn du aufwachst. Wenn es dir besser geht nachdem du aufgewacht bist, kannst du vielleicht in den Labortrakt der Schule kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass du mich mit Rika-senpai dort findest. Wenn du es dir nicht zutraust, kannst du dich auch weiter erholen. Ich werde dir Schmerztabletten und etwas zu trinken zurecht legen. In der zweiten Pause werde ich dann wiederkommen.
    Liebe Grüße und gute Besserung.
    '
    Anschließend verzierte sie ihre Nachricht noch mit einem Haufen niedlicher Smileys und machte sich dann wenige Minuten später auf den Weg in den Labortrakt.


    Auf dem Weg ordnete sie ihre Gedanken und bereitete sich auf vorwurfsvolle und enttäuschte Blicke vor. Ihr Magen verkrampfte sich ein wenig, allerdings nicht genug, um ihren Entschluss auch nur annähernd zum Wanken zu bringen.
    Rika fand sie in dem selben Labor wieder, in dem sie auch schon vorher an dem Make Up gearbeitet hatten. Zur Begrüßung brachte sie ein herzliches, wenn auch schuldiges Lächeln zustande. Sie grüßte sie ebenfalls auf gleiche Manier, was Yukiko ein wenig Mut gab.
    "Rika-senpai, gut, dass du noch hier bist. Ich... muss dir etwas gestehen."
    Sie sah sie nur fragend an, was Yukiko dazu bewegte sie zu einem Tisch zu bitten und sich zu setzten. Anschließend erzählte sie ihr von der Bestrafung, die ihr der Schülerpräsident auferlegt hatte und dass sie plante diese Woche in der Krankenstation auch abzuleisten. Mehr oder weniger als Zeichen des Abschlusses.
    "Das Wichtige jedoch ist, dass ich dort Ibuki Nukui, also das Mädchen, was mir am gestrigen Morgen das Genick gebrochen hatte, begegnet bin."
    Yukiko machte eine kurze Pause, um sich die richtigen Worte zurecht zu legen.
    "Es schien als würde sie wegen dem Mord an mir Albträume gehabt haben und deswegen wollte sie, dass ich ihr dafür vergebe. Sie hat mir eine Art Handel angeboten. Wenn ich ihr das verzeihen würde, würde sie 'meine Freunde und mich' in Ruhe lassen..."
    Jetzt wurde es schwierig, da sich ihre Schuldgefühle meldeten.
    "Und ich habe abgelehnt", brachte sie hervor und senkte ihren Blick.
    "Jetzt wird sie, ich zitiere 'nicht zögern meine Freunde umzubringen, wenn sie in ihrem Weg stehen'. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich und die anderen involviert habe... Ich wünschte wirklich, dass sich das alles zwischen nur zwischen ihr und mir abspielen würde. Aber ich konnte einfach nicht zulassen schon wieder zu einer Marionette zu werden."
    Sie sprang auf und verbeugte sich tief.
    "Ich hoffe du kannst mir verzeihen, dich in meine Angelegenheiten hineingezogen zu haben. Natürlich werde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um die Auswirkungen meiner Entscheidung so klein wie möglich zu halten. Ich... möchte nur, dass du in ihrer Gegenwart aufpasst. Sie ist wirklich gefährlich... Ich hab das Gefühl, dass sie sich für den nächsten Super-Yakuza des nächsten Jahrhunderts hält. Nur dass ihr die Chance nie gegeben wurde sich zu beweisen... Es ist möglich, dass sie das hier nachholen will. Auf unsere Kosten."


    Als alles raus war, hob sie langsam ihren Kopf und blinzelte Rika schüchtern, aber resolut an. Sie bedauerte das Ergebnis, aber sie würde nichts tun, um es zu ändern. Jedoch alles, um die Konsequenzen zu mildern.

    [Yukiko Sakamato]
    11:31 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum

    Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, blickte sie zu ihr. Für mehrere Augenblicke driftete ihr Blick in Gefilde ihrer Gedanken ab, bis sie begriff, was sie da eigentlich getan hatte. Ein Zittern erfasste ihren Körper und die Kälte verzog sich aus ihrem Inneren. Dafür benetzte eine dünne Schicht kalter Schweiß ihre Haut. Sie hatte sich gerade wirklich mit diesem Tier angelegt. Keine Frage. Das würde ein Nachspiel haben. Wahrscheinlich nicht nur für sie, sondern auch für die anderen.


    Langsam wanderte ihr Blick wieder zu Leo. Warum hatte sie das getan? Hatte sie sich beweisen wollen? Vielleicht... In gewisser Weise bestimmt. Auch wenn sie einen Kampf mit garantierter Sicherheit verloren hätte, ging sie aus dieser Begegnung als Siegerin hervor. Zumindest empfand sie es so. Warum hatte Ibuki sie nicht angegriffen? Sie hatte ihr mehr als einen Grund dafür gegeben. Und trotzdem hatte sie nichts getan. War es tatsächlich nur wegen den Albträumen? Wohl kaum. Dieses Mädchen träumte von den Yakuza und hatte scheinbar Vorstellungen, die kaum mit der Realität übereinstimmten. Wahrscheinlich hielt sie alle Yakuza für militante Gruppen, deren Vergnügen es war mit Macht ihre Position zu festigen. Yukiko glaubte kaum, dass der ursprüngliche Sinn der Yakuza ausgestoßenen Menschen einen Ort der Zuflucht zu bieten, für Ibuki von Bedeutung war.
    Sie seufzte. Es war eine Schande. Selbst ihr Vater war diesem Credo gefolgt. Das zwar auf eine völlig falsche, unmenschliche Art und Weise, aber wenn man ihn kannte, hatte man die Hintergründe seiner Handlungen erkennen können. Wobei Yukiko das auch erst jetzt verstanden hatte. Zuvor war ihr Verstand zu sehr von den Drogen vernebelt gewesen, als dass sie ihn hätte verstehen können. Doch jetzt waren ihre Gedanken so klar, wie seit Jahren nicht mehr. In einer gewissen Weise, hatte sie in dieser kleinen Welt, die sie gefangen hielt, mehr Freiheit erhalten, als ihr vor ihrem Tod zugesprochen wurde. Ein schiefes Lächeln zierte ihren Mund. Wie armselig sie doch gewesen war. Es war wirklich Zeit etwas daran zu ändern. Und wenn sie das recht beurteilen konnte, war Ibuki der Auslöser für diese Erkenntnis gewesen. Das erste Mal hatte Yukiko jemanden gesehen der ihr noch verachtenswerter erschien als sie selbst. Das hatte ihr die Augen geöffnet. Allerdings verspürte sie ihr gegenüber auch keine Dankbarkeit. Denn ohne den Schülerpräsidenten und Rika wäre sie nie zu dem Punkt gekommen, an dem sie in der Lage gewesen wäre dies zu erkennen. Sie würde sich definitiv noch bei ihnen bedanken müssen.


    Sie atmete kontrolliert aus und beruhigte sich wieder. In ihren Augen fand sich ein klarer Glanz ein, der die Trübe der Müdigkeit überdeckte und ein plötzliches Hochgefühl ergriff sie. Auch wenn Leo bewusstlos vor ihr lag und es nicht richtig war, konnte sie es nicht unterdrücken. Sie brachte die anderen in Gefahr, eigentlich sollte sie sich für sie aufopfern, wie es ihr beigebracht wurde. Ihr Vater würde sagen, dass es ihre Pflicht wäre als Frau und Tochter. Was er wohl sagen würde, wenn sie sich dazu entschloss ausnahmsweise nicht vor dem Konflikt davon zu rennen, sondern die anderen beschützen zu wollen? Mit Sicherheit würde er lachen und sie nicht ernst nehmen. Die Scham, die sie in dieser Situation empfunden hätte, wäre genug gewesen, all ihre Pläne wieder zu verwerfen. Solch ein Maß an der Kontrolle hatte er über sie gehabt? Aber hier galt es nicht mehr. Und je öfter sie sich diesen Fakt in Gedanken vor Augen führte, desto klarer wurden ihr die Konsequenzen.
    Sie war keine weiße Seite eines Buches mehr. Der Anfang war bereits von anderen geschrieben worden. Doch jetzt war sie selbst im Besitz des Stiftes, der bestimmt war das Ende ihrer Geschichte zu schreiben. Und so eine Ibuki würde ihr das nicht vermasseln. Nicht nachdem sie so viele Jahre in einer Hölle gelebt hatte, die sie nicht begreifen wollte oder konnte.


    Aber erst mal würde sie sich um Leo kümmern müssen. Ihr Blick glitt zur Uhr, die 11:32 zeigte. Sie zuckte mit den Schultern, stand auf und wechselte nachdenklich den Lappen auf Leos Stirn aus. Sie hoffte, dass er bald aufwachen würde. Schließlich konnte sie ihn schlecht hier allein lassen. Dann würde sie in Erfahrung bringen, was Ibuki von ihm wollte, ihn in alles einweihen und dann würde sie erneut Rika aufsuchen, um auch ihr alles zu erzählen.
    Und dann... würde sie sich einen ruhigen Ort suchen, um herauszufinden wie viel von dem Selbstverteidigungsunterricht noch hängen geblieben war. Sie hatte keine Ahnung wie ihr Körper sich verhalten würde ohne den Einfluss der Drogen und Medikamente.

    [Yukiko Sakamato]
    11:30 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Meinte sie das wirklich ernst? Yukiko legte ihre Hände in den Schoß, auf die Pinzette, die sie benutzt hatte, um ihr die Splitter aus der Wunde zu ziehen. Sie umfasste sie nicht, sondern legte lediglich ihre Fingerspitzen auf das kühle Metall. Ein unmerkliches Zittern erfasste ihren Körper. War sie wirklich so dumm, solch voreilige Schlüsse zu ziehen?
    Und plötzlich konnte sie es nicht mehr zurückhalten. In der Hoffnung es noch zu unterdrücken zog sie ihre Schultern hoch, senkte ihren Kopf und wandte den Blick von der Gestalt Ibukis ab. Doch es sollte nichts bringen. Das Kichern bahnte sich seinen Weg durch ihr Zwerchfell und ließ ihren Brustkorb tanzen. Unfähigkeit eine Bedrohung zu erkennen? Glaubte sie wirklich, was sie da von sich gab? Hielt sie so viel auf ihr beschränktes Wissen andere Menschen dadurch verurteilen zu können? Und vor solch einer Person hatte sie Angst gehabt? Sie war ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebte.
    Wahrscheinlich glaubte Ibuki sogar, dass ein schwaches Ding wie sie selbst, unfähig war ihr auch nur ein Haar zu krümmen. Erneut kitzelten ihre Hände die Oberfläche der Pinzette. In der kurzen Zeit, seit ihrem Eintreten in den Raum, hatten sich so viele Gelegenheiten ergeben, sie umzubringen und sie realisierte es wahrscheinlich noch nicht einmal. Aber warum hätte Yukiko es tun sollen? Der Tod konnte in dieser Welt bedeutungsloser nicht sein. Was für ein naives Ding sie doch war.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit straffte Yukiko ihre Schultern und schaffte es das aufbegehrende Lachen zu unterdrücken. Sie räusperte sich und suchte derweil Blickkontakt. Sie konnte diese Person als Mensch nicht mehr ernst nehmen. Natürlich war sie gefährlich. Keine Frage. Aber was hatte das schon zu bedeuten in dieser Welt? Nichts. Und endlich verstand sie in etwa was dieses Gefühl war, dass sie zuerst für den Mut der Verzweiflung gehalten hatte. Irgendetwas zwischen Hass und Gleichgültigkeit. Diese Ibuki erinnerte sie zu Teilen an ihren Vater, wobei ihr gleichzeitig bewusst war, wie sie ihm in jeglicher Hinsicht, unterlegen war. Besser gesagt war sie ein kläglicher Abklatsch ihres Vaters. Wobei das vielleicht noch immer zu schmeichelnd war.


    Ihr Lächeln, mit dem sie ihre makellos weißen Zähne zeigte, fand sich auch in ihren Augen wieder, als sie schmunzelnd sagte:
    "Du solltest Psychologin werden, wenn du mit diesen Informationen solche Aussagen über mich treffen kannst, Ibuki-chan. Oder Gott. Schließlich scheinst du ja zu glauben entscheiden zu können wer stirbt und wer lebt. Vielleicht seid ihr gar nicht so verschieden?"
    Wieder kicherte sie und es brauchte eine gehörige Portion Willenskraft es erneut zu unterdrücken. Aber so schnell der Wunsch sie zu sticheln gekommen war, so verschwand er auch wieder. Sollte sie doch machen und glauben was sie für angebracht hielt. Sie hatte den anderen gegenüber ein schlechtes Gewissen, aber hätte es den Zwischenfall mit der Tür nie gegeben, wäre es definitiv auf dieselbe Situation hinausgelaufen. Ibuki hätte nur einen anderen Grund gefunden sich mit den anderen anzulegen. Ihre Aufgabe war es jetzt die anderen zu warnen, ihre Entscheidung zu erklären und dafür einzustehen.
    "Es wäre schön gewesen dich heute das letzte Mal gesehen zu haben", sagte sie und wandte sich wieder Leo zu.

    [Yukiko Sakamato]
    11:29 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Völlig verblüfft hörte Yukiko ihr schweigend zu. Sie hatte gehofft nicht erkannt zu werden, aber immerhin waren ihr die Videos über ihren Tod nicht bekannt. Das ersparte ihr eine gehörige Portion Schande. Sie wollte gar nicht wissen, wie sie in diesen Wochen ausgesehen hatte.
    Auch nachdem sie ihren Namen genannt hatte, schwieg Yukiko und versuchte zu verstehen wie sie damit umgehen sollte. Allem Anschein nach hatte sie einen Fan. Einen durch und durch unerwünschten Fan.
    Sie ließ einige Sekunden verstreichen, in denen sie Ibuki die letzten Splitter aus der Hand zog. Dann fing sie an die Wunde vorsichtig mit einem feuchten Tuch zu säubern.
    "Nukui-san", begann sie langsam, "wir sind tot. Mein Vater ist in dieser Welt völlig ohne Belang. Er hat hier keine Macht und das ist auch gut so. Ich weiß nicht warum du dich so sehr für das Yakuza-Dasein begeisterst... Ich wurde hinein geboren und habe gesehen wie etliche Existenzen zerstört wurden, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sumiyoshi-kai. Darunter auch meine eigene, ohne dass ich etwas tun konnte."
    Nachdem sie mit dem auswaschen fertig war, befeuchtete sie ein weiteres Tuch mit dem Desinfektionsmittel.
    "Das wird jetzt ein wenig weh tun", warnte sie Ibuki bevor sie mit der Desinfizierung begann.
    "Ich würde dich bitten, das alles also zu vergessen, oder ihm zumindest keine Bedeutung beizumessen", sagte sie. Innerlich dachte sie, dass ihr Timing äußerst gut war, da genau in dem Moment, in dem sie endete die Glocke zur Pause ertönte.

    [Yukiko Sakamato]
    11:29 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Yukiko befand sich in einer Zwickmühle. Einerseits wollte sie ihr nicht noch mehr über sich verraten, andererseits konnte sie wohl kaum verhindern, dass sie die Informationen irgendwann bekam. Ihr Vater war bekannt, also war es durchaus möglich, dass sie anhand von Yukikos Nachnamen wusste aus welchen Verhältnissen sie kam. Und ihren Namen zu erfahren war nicht schwierig. Nicht in einer kleinen Welt, wie dieser. Dann konnte sie es also direkt selbst verraten und wenigstens ihre erste Reaktion sehen.


    "Sakamato Yukiko", stellte sie sich vor, "und mit wem habe ich das zweifelhafte Vergnügen?"
    Bewusst ignorierte sie die Frage nach ihrem Vater. Sollte sie sich selbst einen Reim auf das Offensichtliche machen. Währenddessen konzentrierte sie sich darauf die Splitter möglichst sorgfältig und schmerzlos zu entfernen. Sie konnte sie aus gutem Grund nicht ausstehen, aber deswegen musste sie ihr es nicht unnötig zeigen. Außerdem spukte ihr die Wucht des Schlags noch im Hinterkopf herum. Sie würde nicht kuschen, aber unnötig zu provozieren lag ihr ebenso fern.

    [Yukiko Sakamato]
    11:28 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Yukiko half so gut wie sie konnte. Den Kommentar über ihre Größe ignorierte sie, auch wenn er sie ärgerte. Sie konnte doch auch nichts dafür, dass er mehrere Köpfe größer war und deutlich mehr wog.
    'Ich bin noch am wachsen', dachte sie geknickt.
    Als das Mädchen Leo auf das Bett legte, schnappte sich Yukiko ein kleines Handtuch, faltete es, feuchtete es an und legte es Leo auf den die Stirn. Mehr konnte sie nicht für ihn tun, da sie befürchtete, dass sein Zusammenbruch eher der Überforderung und den neuen Informationen zuzuschreiben war, als seinem Sonnenbrand.
    Nachdem sich das Mädchen neben Leo gesetzt hatte, offensichtlich erschöpft, fiel Yukikos Blick auf ihre Hand. Nach einem kurzen innerlichen Kampf wandte sie sich ab und machte sich auf die Suche nach einem kleinen Behälter, einer Pinzette, Desinfektionsmittel und einem Verband. Während sie durch den Raum flitzte, hörte sie hinter sich die Frage
    "War dein Dad etwa ein Yakuza und du hast ihn nicht verpfiffen oder so was in der Art?"


    Innerlich zuckte sie zusammen und für einem Moment entglitten ihr die Gesichtszüge. In ihrer Greifbewegung hielt sie kurz inne, während ihre Gedanken rasten.
    'Woher kann sie das wissen? War das einfach nur geraten, oder... Oder hat sie etwa die Videoclips gesehen? Wir sind zwar alle zeitgleich in dieser Welt aufgewacht, aber das heißt ja nicht, dass wir auch gleichzeitig gestorben sind. Sie könnte sehr wohl alles gesehen haben... Aber dann hätte sie doch bestimmt bereits versucht mich damit zu erpressen... Nein, das war nur geraten. Sie weiß nichts.'


    Yukiko war froh, dass sie mit ihrem Rücken zu dem Mädchen stand. So war ihre Reaktion vielleicht verdächtig, aber nicht vollkommen verräterisch. Sie rekonstruierte ihre Maske, schnappte sich die Bandagen, ging zum Bett, setzte sich auf einen dieser rollenden Hocker und breitete ihr kleines Sammelsurium auf dem Nachttisch des Betts aus.
    "Ich werde dir hier nicht meine gesamte Lebensgeschichte erzählen. So wie du auch plane ich nicht deine Freundin zu werden", erwiderte sie. Dann nahm sie die Pinzette in die Hand, ließ sie einmal klacken und sagte:
    "Und jetzt gib mir deine Hand. Wenn die Splitter nicht entfernt werden, könnten sich deine Wunden entzünden. Und glaub mir, das willst du nicht."

    [Yukiko Sakamato]
    11:28 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Seitdem sie ihren ersten Schritt in den Raum gesetzt hatte, hatte sie nur auf diese Reaktion von ihr gewartet. Sie sah die Bewegung in ihrer Schulter noch bevor der eigentliche Schlag kam, weswegen sie auch gar nicht erst versuchte auszuweichen. Sie wusste, dass er nicht treffen würde. Deswegen zuckte Yukiko noch nicht einmal zusammen, als das Pfeifen und Krachen direkt neben ihrem Ohr vernahm. Trotzdem war ihr bewusst, dass solch ein Treffer verheerend gewesen wäre. Wahrscheinlich hätte sie danach nicht einmal mehr stehen können. Eine erneute Kältewelle durchzog sie, während ihr Herz weiterhin raste und gegen das eisige Gefängnis ankämpfte.
    Unfähig sich zu bewegen entgegnete sie ihrem Blick und wartete bis sie mit ihren Ausführungen durch war. Sie ignorierte ihre Beleidigungen und die Anmerkungen bezüglich ihres Tons. Sie war weder perfekt, noch war sie arrogant. Sie durfte nur keine Emotionen in ihre Stimme lassen, weil ein Zusammenbruch sonst nicht fern war. Das war der einzige Selbstschutz, der ihr gerade zur Verfügung stand.


    "Ich glaube dir voll und ganz, dass du jederzeit bereit bist mir den Hals um zudrehen. Wahrscheinlich gibt es kaum etwas, dass du in diesem Moment lieber machen würdest. Und ich glaube kaum, dass ich dich irgendwie aufhalten könnte. Aber weißt du was? Das ist harmlos. Zuerst dachte ich, dass es kaum etwas Schlimmeres geben würde, als unendlich oft sterben zu können. Nur warst nicht du der Grund, sondern mein eigenes Leben. Im Gegensatz zu dem, was ich hier in nur zwei Tagen erlebt habe, ist es die Hölle gewesen. Und auch nicht diese Welt. Sie ist nur so böse, wie du sie gestaltest, oder gestaltet hast.
    Zweitens ergeht es mir genauso wie dir. Ich habe die Nacht nicht geschlafen, weil ich die Momente meines Lebens wieder durchlebte, die ich nur vergessen will. Fehler, die ich begangen habe, weil ich einer gewissen Person immer wieder vergeben habe, kosteten wahrscheinlich unzähligen Menschen das Leben. Und ich bin Schuld daran. Ich werde es nie wieder gut machen können. Jegliche Chance mich zu rehabilitieren habe ich mir selbst genommen und der Nagel in meinem Sarg wurde am Ende von den Leuten gesetzt, die ich hätte retten können. Ich weiß nicht woher du Idee bekommst, dass ich mich für perfekt halte. Das tue ich nicht. In der Tat bin ich wahrscheinlich noch verachtenswerter als du."
    Jetzt musste sie selbst schlucken, um nicht die Nerven doch noch zu verlieren, als all die Bilder sich vor ihrem geistigen Auge abspielten.
    "Glaubst du wirklich, dass du dich für einen Mord entschuldigen kannst? Vielleicht. Aber ich glaube es nicht. Wie könnte ich deine Entschuldigung also jemals wirklich annehmen?"
    Sie straffte ihre Schultern. Der nächste Satz galt nicht nur für ihre Mörderin, sondern auch für sich selbst.
    "Tut mit leid, aber du wirst mit deinen Taten leben müssen. Selbst wenn du mich mit der Sicherheit meiner Freunde erpresst, wird sich daran nichts ändern. Tröste dich mit dem Umstand, dass du mir nur ein paar Albträume und etliche Stunden fehlenden Schlafs beschert hast. Der Tod in dieser Welt zieht nur wenige Konsequenzen nach sich. Leider.
    Und nur damit es dir bewusst ist, werde ich mich bei deinem nächsten Angriff..." Doch den Satz konnte sie nicht mehr zu Ende führen, weil sich Leo zwischen die beiden schob. Yukiko war so konzentriert auf ihr Gegenüber gewesen, dass sie ihn die letzte Minute über nicht einmal mehr wahrgenommen hatte. Umso beunruhigender war seine plötzliche und durchaus wacklige Erscheinung. Er baute sich vor Ibuki auf und holte zum Schlag aus. Ihre Augen weiteten sich in Sorge. Doch bevor sie begriff, was geschehen würde, sah er sich zu ihr um und ihre Blicke kreuzten sich. Angesichts seiner Blässe stockte ihr der Atem. Ihm ging es schlecht.
    "Leo-kun, du brauchst nicht..." Sie unterbrach sich selbst, als er darauf in sich zusammensackte. Da er seine Faust noch zum Schlag angehoben hatte, lag der Schwerpunkt seines Körpers so, dass er nach hinten, geradewegs auf Yukiko zu kippte. Sie stieß einen zugleich erschrockenen und besorgten Schrei aus, während sie versuchte ihn aufzufangen. Jedoch war er zu groß und schwer für sie, sodass sie drohte von ihm mitgerissen zu werden.

    [Yukiko Sakamato]
    11:27 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Angesichts der Reaktion, die ihre Mörderin zeigte, konnte Yukiko nicht anders, als ihre Augenbrauen in Erstaunen nach oben wandern zu lassen. Die Art, wie sie mit ihr umging, schien dieser nicht wirklich zu gefallen, wie an den geballten Fäusten mehr als ersichtlich war. Da es beabsichtigt war, kümmerte es sie recht wenig. Allerdings blieb auch die Freude, ihr Ziel erreicht zu haben, aus. Selbst das schien diese merkwürdige Kälte betäubt zu haben.


    Noch immer ohne Gefühlsregung erklärte sie:
    "Der Schülerpräsident hat mir für die kommende Woche die Verantwortung für den Krankendienst übertragen. Je nach dem welchen Standpunkt man einnimmt, könnte man also durchaus sagen, dass ich, wie du es ausgedrückt hast, der Big Boss bin. Allerdings ist das wohl eher weniger von Bedeutung. Die Tatsache, dass du mich völlig beabsichtigt umgebracht hast ist bedeutend wichtiger. Der Gedanke, sich freiwillig in der Gesellschaft einer Mörderin aufzuhalten, kommt mir äußerst merkwürdig vor. Ich will dich nicht hier haben. Ich will nicht mit dir reden und ich will, dass du mich einfach in Ruhe lässt."
    Sie machte eine Kunstpause, die kurz genug war, um nicht unterbrochen zu werden.
    "Natürlich kann ich dich zu nichts zwingen. Deswegen habe ich dich auch gebeten zu gehen, falls du das nicht richtig mitbekommen haben solltest."


    Dann wandte sie sich von ihr ab, sah Leo entschuldigend an und ging zielstrebig zu einem der Schränke. Weil sich das Gesuchte so weit oben befand musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn öffnen zu können und sich dann noch einmal zusätzlich wie bekloppt strecken, um an die Salbe zu kommen, die Leo helfen würde. Seltsamerweise blockierte die Kälte nicht die Schamgefühle, die ihr kleiner Größenkomplex hervorrief, was ihre Wangen leicht rötete. Sie gab Leo die Salbe und sagte:
    "Einfach die gereizten Stellen Eincremen und es sollte recht schnell wieder besser werden."
    Halb an ihre Mörderin gewandt erklärte sie weiter:
    "Das Informationssystem der Schule scheint mich als Krankenschwester anzuerkennen. Wenn irgendwas noch sein sollte, bin ich mir sicher, dass ich weiß, was du benötigen wirst, Leo-kun."

    [Yukiko Sakamato]
    11:26 Uhr – Gelände der Schule – Sanitätsraum


    Zuerst dachte Yukiko, dass sie nicht recht sehen würde. Aber auch nach einem ungläubigen Blinzeln war die Gestalt ihrer Mörderin nicht verschwunden. Sofort lief es ihr kalt den Rücken runter und ihr Mund wurde staubtrocken. Warum war sie hier? Hatte das Mädchen ihr aufgelauert?
    Ihren Körper durchging ein Ruck. Sie hatte sich reflexartig zur Flucht wenden wollen, doch als sie Leo im hinteren Bereich des Raums entdeckte, stoppte die Bewegung so schnell und plötzlich wie sie angefangen hatte. Nein, sie war nicht wegen ihr hier. Anscheinend hatte ihre Anwesenheit viel mehr mit ihm zu tun, als mit ihr.
    Das änderte an der Situation aber auch nicht viel. Einmal hatte sie es schon getan, auch vor den Augen anderer. Es war unwahrscheinlich, dass Leos Anwesenheit sie davon abhalten würde, sie erneut anzugreifen. Er würde nicht verhindern können, dass sie erneut starb.
    Diese Gedanke allein reichte aus, um ihren Körper durch und durch mit Kälte zu erfüllen. Selbst ihre wilden Gedanken und Angstvorstellungen gefroren innerhalb weniger Sekunden Stille. Ihr angespannter Körper entspannte sich. Und ihre Sinne schärften sich. Die Müdigkeit wich, als würde die Kälte ihren Geist wecken. Dann kamen die Erinnerungen. Nicht an ihren Tod, sondern an die Jahre davor und an das völlig verplante Leben, das sie geführt hatte. Darunter fand sie auch die Erinnerungen an stundenlange Trainingsrunden mit ausgezeichneten Kampfsportlern. Zwar hatten sie ihr nie beibringen können in jedem Moment wachsam zu sein, wenn sie allerdings wusste, dass sie vor einer Konfrontation stand, konnte sie dieses Wissen abrufen. Natürlich bot ihr kleiner und schmächtiger Körper nicht viel Kraft, dafür aber eine gewisse Schnelligkeit und besonders ein hohes Grad von Geschick. Zumindest wenn sie sich auf eine Aufgabe konzentrierte.


    Ihre Blicke trafen sich und plötzlich hatte sie eine Entscheidung gefasst, die ihr Herz trotz der betäubenden Kälte zum rasen brachte. Sie trat einen Schritt vor und schloss die Tür, wobei sie ihrer Mörderin einen Moment den Rücken zukehrte. Dann drehte sie sich wieder um, verbeugte sich kaum merklich und warf einen flüchtigen Blick zu Leo. Sein Grund die Krankenstation aufzusuchen war offensichtlich. Der Arme sah aus wie ein Krebs. Erstaunlicherweise brachte sie ein Lächeln zustande und verbeugte sich damit ein gutes Stück tiefer. Dann wandte sie sich wieder dem Problem im Raum zu.


    "Was willst du hier? Du siehst nicht so aus, als würde dir etwas fehlen", sagte sie, wobei sie sich insgeheim wunderte wie sie es schaffte ihre Stimme völlig gefasst klingen zu lassen, während sie innerlich tausend Tode starb. War es vielleicht, weil sie sich endlich eingestanden hatte, dass Weglaufen und die Augen zu verschließen keine Lösung war? Sie hätte zu gerne darüber nachgegrübelt, jedoch ließ ihr die Situation keinerlei solcher Freiheiten. Sie behielt das Mädchen stets im Auge, achtete auf jede ihrer Bewegungen, während sie sich selbst zum der Tür gegenüberliegenden Ende des Raums begab. Dort stand ein ordentlich aufgeräumter Schreibtisch, von dem sie wusste, dass er der Pflegerin, für die nächste Woche also ihr da es keinen 'welteigenen' Doktor gab, gehörte. Sie stellte sich wie selbstverständlich neben den Stuhl, in der Hoffnung einen gewissen Grad an Selbstsicherheit zu zeigen. Gleichzeitig füllten einige Informationen bezüglich des Bestands der Station und des Ordnungssystems ihren Kopf. Sie würde keine Probleme haben sich hier zurecht zu finden.
    Außer natürlich, sie warf dem älteren Mädchen einen kalten Blick zu, jemand würde ihr das Leben schwer machen wollen.


    "Wenn du nichts brauchst, würde ich dich bitten zu verschwinden", ergänzte sie, bevor sie sich wieder über sich selbst wunderte. Noch nie zuvor hatte sie bewusst jegliche Höflichkeitsformeln und Titel weggelassen, wenn sie mit jemand älterem sprach. Etwas tief in ihr weigerte sich dieser Person auch nur einen Funken Respekt zu zollen.

    [Yukiko Sakamato]
    11:23 Uhr – Gelände der Schule – Schulgebäude A – Büro des Schülerrates


    Aufmerksam hatte Yukiko Takeshi zugehört. Im Moment des Urteilsspruchs gruben sich ihre Hände in ihren Rock, weil sie diese unvernünftige Angst vor einer Strafe, die ihr Leben nur wiederholen würde, nie hatte vertreiben können. Und das obwohl ihr bewusst war, dass Takeshi ihr das niemals antun würde. Vielleicht lagen ihre Zweifel an der Tatsache ihn erst ein paar Stunden zu kennen. Oder aber es waren einfach die Nachwirkungen dessen, was sie erlebt hatte und zu vergessen wünschte.


    Ich habe mich für eine Woche Allgemeindienst auf der Krankenstation entschieden, die du abzuleisten hast. Damit ist den Auflagen der Lehrer genüge getan. Da in dieser Welt keine Krankheiten üblich sind, sollte das nicht zu hart sein. Du wirst dann außerhalb der Unterrichtszeit dort sein. Nach Unterrichtsende schaust du nur kurz noch einmal dort hinein, ob alles in Ordnung ist. Es gibt dir ein wenig Zeit, dir Gedanken über deinen weiteren Weg hier zu machen.


    Sie wusste nicht, ob sie sich freuen sollte oder nicht. Die Erleichterung ihre dunklen Ängste endlich verdrängen zu können, war ihr anzusehen, allerdings wurmte sie ein ganz zentraler Punkt an der ganzen Sache. Die Ruhe. Ihr war klar, dass Takeshi ihr nur etwas Gutes damit tun wollte. Wahrscheinlich dachte er, dass ihr die Zeit helfen würde, ihre Probleme in den Griff zu kriegen. Doch genau das war nicht der Fall. Das hatte sie Dank Rika und dem heutigen Morgen eingesehen. In ihrem Leben war sie die letzten Jahre lang völlig allein gewesen, auch wenn ihr das erst bewusst geworden war, als alles zu spät war.
    Die Einsamkeit in der Krankenstation würde sie nur daran erinnern...
    Sie atmete einmal tief durch. Aber eine Bestrafung sollte auch solch eine sein. Sie würde damit klar kommen müssen. Langsam nickte sie und fragte zur Bestätigung nach, ob die Strafe ab sofort gelten würde. Takeshi bejahte dies und entließ daraufhin mit einem ermunternden Lächeln. Sie versuchte sich ebenfalls zu solch einer Geste durchzuringen, schaffte es jedoch nicht. Stattdessen verbeugte sie sich tief und verließ das Büro.


    Nachdem sie die Tür leise hinter sich geschlossen hatte, drehte sie sich langsam in Richtung der Krankenstation. Resignierend seufzte sie, während ihr Gesicht eine Mischung von Erleichterung, absoluter Demotivation und Angst vor dem, über das sie unweigerlich nachdenken würde, zeigte. Trotzdem machte sie sich zügig auf den Weg in Richtung der Krankenstation. Sie hatte nicht die Intention ihre neuen Pflichten direkt am ersten Tag zu ignorieren. Das hieß auch, dass sie den Rest der Pause dort verbringen würde. Sie hoffte nur, dass sie Rika danach noch in dem Labortrakt wiederfinden würde. Sie hatte ihre Quest, vernünftiges Make Up herzustellen, noch lange nicht aufgegeben.


    Drei Minuten später erreichte sie die Station. Auch wenn sie wusste, dass die Station höchstwahrscheinlich eh völlig leer war, klopfte sie, wartete einen Augenblick und trat dann erst ein.

    Am Anfang hatte ich ja schon angemerkt, dass du dir mit all dem ziemlich viel Arbeit aufgehalst hattest. Es klapptet zuerst ja auch recht gut, nur wurde die Tendenz dann deutlich. Schade jedenfalls.


    Aber Sawa leitet ein RPG? Das muss ich lesen. :o
    Schick mir bitte auch den Link. ^^

    [Yukiko Sakamato]
    ~11:20 Uhr – Büro des Schülerrats


    Das Informationssystem versorgte mit der Info, wo sich das Büro des Schülerrats befand, sobald sie sich von Rika verabschiedet hatte. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ihre Freude über den recht produktiven und lustigen Morgen von Nervosität und einem unterschwelligen Gefühl der Angst verdrängt wurde. Sie war zwar fest davon überzeugt, dass Takeshi ihr nichts tun würde... Aber trotzdem war ihr mulmig zumute. Unter dem Begriff der Bestrafung stellte sie sich wahrscheinlich wegen der Behandlung ihres Vaters etwas völlig anderes vor, als es Takeshi tat. Nein, das war sicher so. Dennoch...


    Sie erreichte das Büro früher als beabsichtigt. Ihre Schritte und die Infos in ihrem Kopf hatten sie unbewusst bis vor die Tür getragen, wo sie verunsichert stehen blieb. An der rechten Seite des Türrahmens wurde der Raum als Büro des Schülerrats ausgeschildert. Sie schluckte. Noch konnte sie einfach gehen. Ein schneller Blick in den Gang bestätigte dies. Niemand war hier, der sie aufhalten könnte. Sie war schon im Begriff gewesen sich umzudrehen, als sie sich innerlich ohrfeigte. Hatte sie sich nicht vorgenommen nicht mehr wegzulaufen? Sie wollte für sich einstehen und anfangen die Verantwortung für sich selbst zu tragen. Wie sollte sie es sonst lernen?
    Sie atmete ein paar Mal tief durch, um ihr wild schlagendes Herz zu beruhigen. Vielleicht war das hier eine Welt voller Zombies, aber trotzdem wurde die richtige Welt nachgeahmt. In einer Schule würden sich Bestrafungen wohl auch daran orientieren. Sie würde wohl ein paar Wochen beim Einräumen der Bücher in der Bibliothek helfen müssen, oder wenn es sie ganz hart traf, vielleicht beim Putzen helfen, wenn es hier so was überhaupt gab. Mehr nicht.


    Sie nahm ihren Mut zusammen und klopfte zaghaft an. Fast augenblicklich kam von innen Takeshis Aufforderung einzutreten. Sie schluckte, drückte die Klinke herunter und hoffte, dass ihr Verstand und nicht ihr dummes Gefühl recht behalten würde. Gleichzeitig fiel ihr ein, dass sie den Morgen lang auch nicht beim Unterricht gewesen war. Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen, das zugleich die Alarmglocken schrillen ließ. Sie hoffte inständig, dass er nichts davon wusste. Im Gegensatz zu Rika trug sie auch noch ihre Schuluniform, also sollte zumindest das sie nicht verraten.


    Takeshi schien sie bereits erwartet zu haben. Hastig verbeugte sie sich vor ihm und begrüßte ihn höflich. Sie versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, wobei sie jedoch kläglich scheiterte. Nicht nur wegen ihres schlechten Gewissens, sondern auch weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie noch immer schlimmer aussah als eine 200 jährige Oma. Hätten Rika und sie doch schon früher auf die Idee kommen können Make Up herzustellen. Dann müsste sie sich jetzt nicht in Takeshis Gegenwart wegen ihres Aussehens schämen.
    'Reiß dich zusammen!' tadelte sie innerlich 'Du bist nicht hergekommen, um einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen!'
    Und trotzdem störte sie es ungemein. So sehr, dass sie im Chaos ihrer Gedanken und Gefühle kein weiteres Wort herausbrachte.

    Also spontan würde ich sagen, dass es bei mir klappen würde. Allerdings nicht zu 100 %. Kann sein, dass ich da gar nicht im Lande bin. Wann sich das entscheidet, weiß ich aber auch nicht...